"Emanon" von Wayne Shorter Wo spirituelle Visionäre ihren freien Fall vollziehen, gelten irdische Gesetze nicht

"Wie probt man die Zukunft?" - Wayne Shorter.

(Foto: Robert Ascroft)

Das neue Album und die ewig unglaubliche Kunst des amerikanischen Jazz-Giganten Wayne Shorter.

Gastbeitrag von Kat Kaufmann

Wayne Shorter, der Jazz-Gigant, ist jüngst 85 Jahre alt geworden, und während andere Menschen seines Alters bettlägerig werden, zieht es Wayne, den zehnfachen Grammy-Gewinner, ehemaligen Bandkollegen von Miles Davis, Joe Zawinul, Elvin Jones, Herbie Hancock, Joni Mitchell (um nur einige zu nennen), sowie größten lebenden Jazzkomponisten, dahin, wo er hingehört: in den unendlichen Raum zu den Sternen der fernen Galaxien auf immer neue, musikalische Erkundungen. Sein neues Triple-Album "Emanon" (Blue Note/Universal) mit Quartett und Kammerorchester ist soeben erschienen. Eine Science-Fiction-Graphic-Novel des Künstlers Randy DeBurke über die Abenteuer des gleichnamigen Helden Emanon gibt es auch noch zur Box dazu - und das Ganze auf Vinyl oder als CD. Zum Anfassen und Auflegen. Authentisch. Wie Shorter selbst.

Wayne Shorter ist einer der wenigen, die übrig geblieben sind. Er komponiert, spielt Konzerte und lebt als Legende, während so viele seiner Zeitgenossen - Bill Evans, Miles, Coltrane - ihr Genie den Drogen geopfert haben oder natürlichen Weges das Zeitliche segneten und nur noch auf Platten weiterexistieren. Platten, die wir, idealistische Jünger des Jazz, im Musikstudium rauf und runter gehört haben. Platten, die stabil auf ihrem Thron im Jazzolymp ruhen und noch immer nichts an Gültigkeit eingebüßt haben, weil sie zeitlos sind (Wayne Shorter selbst würde sagen "Because there is no such thing as time" - auf die Frage einer Reporterin nach der Uhrzeit hielt er schon mal einen Vortrag über das Universum und dass Zeit relativ wäre, bis sein Bandkollege aus der Weather Report-Zeit, Joe Zawinul, unterbrach und sie aufklärte, es sei "exakt sechs Minuten nach sieben").

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Als wir also damals im Studium diese Platten hörten, wünschten wir uns, wir könnten uns wenigstens ein einziges Mal mit diesen Giganten austauschen über Soli oder wo es hingehen soll mit all that Jazz. Wayne Shorter, dessen wendiger Geist nach wie vor nicht müde ist, hatte dieses Glück, mittendrin gewesen zu sein, als der Modern Jazz, mit seiner Hilfe, aus der Wiege gehoben wurde. Von Hard Bop zu Free Jazz und Avantgarde.

Er war einer von denen, die die glorreichen Sechziger des instrumentalen Jazz, die größte Jazz-Ära, die es gab, zu dem gemacht haben, was sie war: Alles rollte und groovte in eine neue Dimension. Auf John Coltranes Plat du Jour standen losgelöste Skalen, kreischende Töne und ein so noch nie gehörtes "My Favourite Things", politisches, abstraktes Schreien einer afroamerikanischen Frau in Max Roachs "Freedom Now"-Suite, Bill Evans' reduziertes Klavierspiel, das sich befreit hatte von jeglichen Schnörkeleien, als er bewies, dass für ein gutes, stilvolles Solo ein einziger Ton genügt - und natürlich Wayne Shorters Aufnahmen mit Miles Davis, als er nach langem Zögern Coltranes Platz einnahm und das übernehmend, was Coltrane vorgelegt hatte, in seine eigenen Dimensionen trieb und zum wichtigsten Hauskomponisten für das Miles Quintett wurde. Er schrieb "Footprints" und "Nefertiti" und übernahm für seine 1964 bei "Blue Note Records" aufgenommenen ersten Soloalben "Night Dreamer" und "JuJu" die Musiker McCoy Tyner, Reggie Workman und den unendlich groovenden Elvin Jones aus Coltranes Quartett.

Als Buddhist und erklärter Science-Fiction-Fan ist Shorter beständig auf der Suche

Spätestens seit diesen Sechzigerjahren war Jazz fordernd, eruptiv, suchend, wild - eine Musik, die erwartet, dass man loslässt: vorgefertigte Erwartungen zum Beispiel, niedliche, gefällige Klischees und an den Mainstreamgeschmack angepasste Vortragsweisen wie "You like tomato and I like tomato" von Louis Armstrong.

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Wayne Shorter ist Jazz. Der wahre Jazz - nicht das, was ein auf der Bühne Zigarre rauchender Till Brönner uns als solchen verkaufen will und es zum Leidwesen des Jazz auch schafft - hat seit jeher die Kraft, einen tranceähnlichen Zustand, ein träumendes Fliegen, ein Rauschgefühl zu erzeugen, ein Schwindelgefühl zwischen Raum und Zeit. Und Wayne Shorter ist trotz seines Alters ein verlässlicher Kapitän seines Raumschiffes, des Quartetts mit Drummer Brian Blade, Bassist John Patitucci, und dem Pianisten Danilo Pérez an Bord, mit dem er durch die Materie und das Materienlose gleitet.

Als Buddhist und erklärter Science-Fiction-Fan ist er beständig auf der Suche, was seinen Geist uneitel und frisch erscheinen lässt. Er sucht ("How can you rehearse future?") das, was nicht erklärt oder geprobt werden kann, er sucht den Raum des Potenzials, der seiner Aussage nach nur gefunden werden kann, wenn die Musiker bereit sind, nicht die Kunststückchen feilbieten zu wollen, die sie in ihrem Repertoire haben, sondern sich auf das einlassen, was zwischen ihnen entsteht, und dessen Diener werden. Achtsames Sein, miteinander, ineinander, um einander herum. Feinsinniges Empfindens des Jetzt, während die Freiheit das ultimative Ziel ist. Die Freiheit des Geistes.

Als der Rock den Jazz verdrängte, spielte Wayne Shorter weiter freie Töne in den sonst so strukturierten Bands von Carlos Santana und Joni Mitchell, während Jazz vom Massenphänomen zu dem wurde, was er heute ist - eine Randerscheinung, ein bloßes Liebhaberding, weil diese Musik etwas fordert, was heute verloren gegangen scheint: sich Zeit zu nehmen und über die eigenen Grenzen hinaus empfinden zu lernen.

"Things are moving around in the universe. And the purpose is - mystery. We have to play like we don't know everything - But the mystery is way better than explaining it", sagte Shorter in einem Interview. Der Zweck des Universums ist das Geheimnis, und wir müssen so spielen, dass man merkt, dass wir nicht so tun, als wüssten wir alles. Aber das Geheimnis ist immer noch besser als seine Erklärung.

Das neue Album „Emanon“ des 85-jährigen Jazz-Saxofonisten Wayne Shorter ist nicht einfach ein neues Album, es sind drei – und mit in der Box ist auch noch eine Graphic Novel des amerikanischen Künstlers Randy DuBurke

(Foto: Universal)

Seit jeher wird er wegen orakelhafter Aussagen wie dieser für sonderbar gehalten.

Schon in der High School wurde der Name des gebürtigen New Yorkers zum geflügelten Wort. Ein Freund aus dieser Zeit erzählte, man habe verrückte Situationen mit "Weird as Wayne" beschrieben. Es wundert nicht. "What we call a mistake is actually a start", sagt Wayne Shorter bis heute. Und fliegt weiter. Weiter zu fernen Galaxien. Jedes Konzert sei wie ein Aufbruch in eine andere Welt, schrieb ein Reporter, und bemerkte noch, dass er Gustav Holsts Orchestersuite "Die Planeten" in Waynes Tönen und dem sphärischen Sound der Band und des Orchesters vernommen habe.

"Weird as Wayne" Shorter - ein Mensch, der sich abgekoppelt hat von allem

Shorter selbst gab dieser Wahrnehmung recht, als er 2014 sagte, er wolle, dass seine Band klinge wie Christopher Nolans Science-Fiction-Film "Interstellar". Diejenigen, die jetzt verängstigt an Filmkomponisten wie Hans Zimmer denken, können sich gleich wieder beruhigen: Hans Zimmer, obgleich pompös und dem Mainstream zugewandt, hat für diesen Film gute Musik geschrieben. Auch muss man Zimmer zugestehen, immer etwas Einzigartiges erschaffen zu wollen, also ebenso ein Suchender zu sein, ganz im Geiste Shorters: "What can you give life, when life has it all? The effort of being original is a way to say thank you."

Interstellar also - vielleicht ging es bei dem Vergleich auch gar nicht um die Musik des Films (es ist schwer zu sagen, worum es ging, denn Shorter ging sofort über zur Lobpreisung von Anne Hathaways Schauspielkunst), sondern um die Kollision von schwebender Materie und dem "Multiversum", das ebenso ständiger Gegenstand von Shorters Überlegungen ist.

Einer der Songtitel des neuen Albums ist "Lotus". Shorter erklärte dazu, die Lotusblume wachse in einem Sumpf, und auch unsere Welt sei ein undurchsichtiger Sumpf. Und nur die Lotusblume, die gleichzeitig mehrere Generationen ihrer selbst in sich trage, vereine sowohl Ursache als auch Wirkung. Übereinandergelagerte Zustände. Superposition. Multiversum.

"Weird as Wayne" Shorter - ein Mensch, der sich abgekoppelt hat von allem, was Erwartungen fordern. Einer, für den die Songzeile "Now I'm free - free falling" gilt. Einer, der diesen freien Fall als etwas Richtiges annimmt, denn der Fall bedeutet mitnichten, dass es eine Erdanziehung gibt, und unweigerlich eine Kollision mit dem Boden der Tatsachen folgt. Dort wo spirituelle Visionäre ihren freien Fall vollziehen, gelten irdische Gesetze nicht.

Kat Kaufmann ist Jazzmusikerin, Filmmusik-Komponistin und Schriftstellerin. 2017 erschien ihr zweiter Roman "Die Nacht ist laut, der Tag ist finster".

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