Alben der Woche:Was sich ein russischer Yachtbesitzer unter Underground vorstellt

David Guetta versucht Coolness und Käsigkeit zu vereinen. Und Paul Weller, der alte Fuchs, schafft ein Alterswerk, so gelungen, es könnte beinahe ein Schlussstrich sein.

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Paul Weller - "True Meanings" (Parlophone)

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Quelle: SZ

Ach, manchmal gibt es doch nichts Schöneres als ein würdevolles Alterswerk. Vor allem, wenn es von jemandem kommt, der einst so jung und wild und wütend war wie Paul Weller. Das neue Album "True Meanings" (Parlophone) - fast nur akustische Gitarre und Stimme, ab und zu Streicher - klingt, als säße da ein älterer Herr am Fenster eines Holzhauses im englischen Hinterland, Blick ins Grüne, Tasse Tee, und sinniere in musikalischen Miniaturen über das Leben. Sehr viel Melancholie, behutsamer Gesang, introspektive Zeilen ("All the fears that kept you awake at night were strangely calmed"). Das schlafliedartige "Glide" singt Weller so leise, wie er vielleicht noch nie gesungen hat, fast nur ein Flüstern, gezupfte Gitarre, dann eine einsame Geige. "Gravity" klingt wie eine Schnulze aus den 40er-Jahren. "Bowie" handelt von Bowie, und Weller lehnt sich gesanglich elegant an ihn an. Gegen Ende des Albums wendet er den Blick nach vorn, in die Ewigkeit, "May Love Travel With You". All das ist so zart, dass es immer wieder an der Parodie entlangschrammt - aber Weller, der alte Fuchs, kriegt natürlich jedes Mal die Kurve, er knurrt eine Silbe, und sofort wird klar, wie viel Wucht da unter der Lieblichkeit lauert. Die Wucht lässt er diesmal nicht raus, aber natürlich hört man die 14 Songs anders, wenn man im Ohr hat, wie er früher geklungen hat oder immer noch klingen könnte (wenn er wollte). Eigentlich könnte Paul Weller jetzt gut aufhören, "True Meanings" wäre ein gelungener Schlussstrich.

Max Fellmann

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Jungle - "For Ever" (XL Recordings)

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Quelle: SZ

Warum haben die jetzt eigentlich so lang gebraucht? Vor vier Jahren wurde die Londoner Band Jungle gefeiert für ihren schlaksigen Soulfunk, das Debütalbum gewann alle möglichen Preise, die Songs liefen sofort in Werbung und Videospielen, die Band trat gemeinsam mit Pharrell Williams auf, allgemeiner Jubel. Aber erst jetzt erscheint das zweite Album "For Ever" (XL Recordings). Vielleicht liegts an der Produktionsweise: Eigentlich ist Jungle ein Duo, Tom McFarland und Josh Lloyd-Watson basteln die Musik zu Hause am Laptop zusammen. Nachdem sie dann aber lange Zeit live alles mit einer Acht-Mann-Band gespielt haben, war es möglicherweise nicht leicht, sich wieder im kleinen Rahmen zurechtzufinden. Hat aber geklappt, die beiden produzieren auch jetzt wieder Musik, bei der sich die Cocktails quasi von selbst ins Glas stürzen. Jeder Song eine glitzernde Discokugel, alles voller Handclaps und Geigen, darunter ein federnder Bass, der Hüften in Gummibäume verwandelt. Nichts daran ist überraschend, aber das soll es auch nicht sein: professionelle Party-Musik auf hohem Niveau.

Max Fellmann

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Aphex Twin - "Collapse" (Warp Records)

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Quelle: SZ

Die Tragik der Avantgarde: Da kann einer etwas wirklich Bahnbrechendes schaffen, aber wenn er es bis in alle Ewigkeit wiederholt - dann ist es irgendwann bloß noch alt. Richard James hat unter dem Namen Aphex Twin Großes vollbracht, er hat im unwegsamen Gelände zwischen Drum 'n' Bass, Ambient und atonalem Experiment Räume geschaffen, Unerhörtes komponiert, Monsterklänge mainstreamfähig gemacht. Aber was sollte er danach tun? Plötzlich Easy-Listening-Alben aufnehmen? Eine Metal-Band gründen? Nein, er macht natürlich weiter Aphex-Twin-Musik. Auf der neuen EP "Collapse" (Warp Records) zirpen und zurpen also wieder die Synthesizer, Drumcomputer drehen durch wie gestochene Stiere. Sobald sich Ansätze von Struktur zeigen, treten sie sofort wieder die Flucht an. Die Stücke tragen wie üblich krude Namen, "MT1 t29r2" oder "abundance10edit[2 R8's, FZ20m & a 909]", immerhin, zum Teil sind da die verwendeten Geräte rauszulesen, etwa das Casio-Keyboard FZ20. Und manche Momente sind interessant und vielschichtig, aber eben eher etwas für 1998 als für 2018.

Max Fellmann

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David Guetta - "7" (Warner)

David Guetta

Quelle: WMA

Ja, was denn nun? Charts oder Underground? Coolness oder Käsigkeit? David Guetta will mit 50 noch einmal alles unter einen Hut kriegen, was gar nicht so leicht ist, aber probieren kann man's ja mal. Also: In den Neunzigerjahren war David Guetta noch nicht der grinsende Baller-EDM-Soundsaucen-Armwedler, als der er heute berühmt ist, und der mit all seinen berühmten Gaststars immer diese riesig große Käseparty feiert. Sondern er war noch ein halbwegs kredibler House-DJ, der in Pariser Clubs wie dem Palace durchaus coole Platten auflegte, mit Vinyl und zwei Plattenspielern. Die Sehnsucht nach dieser Zeit scheint ihn umzutreiben. Wenn man also recht bald genervt davon sein kann, wie er auf Teil eins seines Doppelalbums "7" (Warner) zum Beispiel "Tom's Diner" von Suzanne Vega zu seiner üblichen Guetta-EDM-Ballersound-Sauce verarbeitet, oder wenn man fast schon Respekt vor der unerschrockenen Schrecklichkeit haben muss, mit der er allen Ernstes "Time to Say Goodbye" von Sarah Brightman und Andrea Bocelli als Baller-EDM-Reggaeton covert ("Goodbye" feat. Nicki Minaj & Willy William), dann hört man sich eben lieber den zweiten Teil von "7" an. Auf dem beweist er, dass er sich an all die coolen House-Hits der Neunziger, die er einst auflegte, noch erinnert. "Reach for Me" von den Murk Boys zum Beispiel, oder "House Music" von Eddie Amador. Leider klingen seine neu gecoverten beziehungsweise anzitierten Versionen aber auch nicht mehr so richtig nach Underground, sondern eher nach dem, was sich ein russischer Yachtbesitzer unter Underground vorstellt, oder es kann auch ein französischer Yachtbesitzer sein. Aber wenn diese aufgemotzten, feisten Tracks ein paar Guetta-Fans dazu animieren könnten, sich danach auch mal rückwärts durch die Geschichte der Dance-Music bis zu den Originalen durchzuhören, dann hätte die Übung ja auch etwas Gutes gehabt.

Jan Kedves

© SZ.de/doer
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