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"Elvis & Nixon" im Kino:Wenn der King den Präsidenten aus dem Mittagsschlaf reißt

Film Elvis & Nixon

Der hungrige Elvis Presley (Michael Shannon, li.) isst dem Präsidenten (Kevin Spacey) die Schokonüsse im Oval Office weg.

(Foto: Universum)

Inspiriert von einer wahren Begegnung schwankt "Elvis & Nixon" irrwitzig zwischen Politsatire und Celebrity-Farce.

Filmkritik von Anke Sterneborg

Das sei ja wohl eine ziemlich miese Kopie, kritisiert ein Elvis-Imitator am Flughafen einen Kollegen. Niemals würde sich der echte King so anziehen! Diese großspurige Behauptung prallt am Angesprochenen aber aufs Schönste ab, denn bei der vermeintlichen Kopie handelt es sich ums Original. Oder, genauer gesagt, um einen Schauspieler, der das Original verkörpert, stilecht im schwarzen Anzug, mit breitem Goldgürtel, ausladenden, weißen Kragenflügeln, dicker Sonnenbrille und hochtoupierter Perücke.

Die Pointe ist, dass Michael Shannon, einer der beiden Hauptdarsteller in "Elvis & Nixon", mit seinem kantig vernarbten Gesicht äußerlich keinerlei Gemeinsamkeiten mit den weichen Zügen von Elvis Presley hat. Womit sich der Film von vornherein von jeglichem Ähnlichkeitsballast befreit, der seinen Helden nur zu einem weiteren Elvis-Imitator machen würde. Stattdessen reicht es völlig, die staunende Schockstarre in den Gesichtern der Menschen zu sehen, vor denen er unvermittelt auftaucht, vor der Stewardess am Flughafen, den Sicherheitsbeamten und der Empfangsdame im Weißen Haus und sogar den engsten Beratern des Präsidenten.

Lange bevor es üblich wurde, dass sich Prominente mit Staatschefs zum Austausch über die Weltlage treffen, kam es vor 46 Jahren, am 21. Dezember 1970, zu einer Begegnung zwischen Elvis Presley und dem damaligen amerikanischen Präsidenten Richard Nixon. Das berühmte Foto der beiden, das bei diesem Treffen entstand, wurde seitdem so oft wie kein anderes Dokument der Zeitgeschichte im US-Nationalarchiv angefragt. Nachdem das bizarre Ereignis schon vor rund 20 Jahren den Regisseur Allan Arkush zu seiner TV-Mockumentary "Elvis und der Präsident" angeregt hatte, lässt sich nun auch die Indie-Regisseurin Liza Johnson für ihren Film von der Geschichte inspirieren. Und weil damals die Gespräche im Weißen Haus noch nicht aufgezeichnet wurden, kann sie sich alle Freiheiten der künstlerischen Interpretation herausnehmen.

Der Präsident spekuliert auf ein signiertes Foto für die Tochter

Zu den wenigen überlieferten Dokumenten gehört neben 28 Fotos aus dem Oval Office und diversen Memoranden der Mitarbeiter des Weißen Hauses auch ein Brief, in dem Presley dem Präsidenten seine Hilfe im Kampf gegen die Verwahrlosung der Jugend durch Drogen anbot. "Dear Mr. President, darf ich mich vorstellen, ich bin Elvis Presley, ich bewundere Sie und habe großen Respekt für Ihr Amt ....", steht in krakeligen Buchstaben auf American-Airlines-Papier. Das fünfseitige Schreiben, das im Netz abrufbar ist, endet mit den Worten: "Ich würde Sie sehr gerne treffen, um Hallo zu sagen, wenn Sie nicht zu beschäftigt sind, respectfully Elvis Presley."

Aus heutiger Perspektive wirkt diese vorsichtige Anbandelei zwischen zwei Superstars aus vollkommen unterschiedlichen Universen skurril und unschuldig. Elvis schrieb dem Präsidenten seinen Brief und bestieg dann eine Linienmaschine nach Washington, um auf dem Rasen vor dem Weißen Haus auf sein Gespräch zu warten. Einerseits ist dieser Elvis ein anmaßender, egoistischer Typ, der ins Oval Office marschiert, in die Schale mit Schokonüssen greift und den Raum mit ausgreifenden Karate-Bewegungen durchmisst. Andererseits lässt Michael Shannon aber auch eine Verlorenheit und Zerbrechlichkeit spüren, den Elvis, der an seinem Ruhm zerbrechen wird.

In ihrer Fantasie der Ereignisse stellt sich Liza Johnson vor, dass Nixon wenig Lust hatte, sein Nachmittagsschläfchen für ein Treffen mit einem dubiosen Popstar zu opfern. Während seine Berater einen enormen Imagegewinn bei jugendlichen Wählern witterten, lässt sich der Präsident letztlich nur von seiner Tochter überzeugen, die sich ein signiertes Foto wünscht. Für die Nixon-Rolle reichert Kevin Spacey seinen fiktiven "House of Cards"-Präsidenten mit ein paar sehr amüsanten Nixon-Manierismen an.

Die irrwitzige Ausgangssituation lässt die Regisseurin zwischen Politsatire und Celebrity-Farce oszillieren. Unablässig reiben sich Schein und Sein, Show und Realität aneinander, in Dialogen voller Anspielungen auf die Zeitgeschichte. Wenn Elvis dem Präsidenten treuherzig Ehrlichkeit bescheinigt, denkt man mit dem Wissen der Nachgeborenen natürlich daran, dass Nixon knapp vier Jahre später als Watergate-Lügner entlarvt und zum Rücktritt gezwungen wurde. Elvis Presley aber ist in dieser Komödie vollkommen überzeugt von seinem Präsidenten und bietet ihm seine Dienste als Undercover-Agent an. Schließlich habe er schon in Dutzenden Kinofilmen mitgespielt und sei deshalb ein ausgewiesener Experte für Kostüme und Verkleidungen.

Elvis & Nixon, USA 2016 - Regie: Liza Johnson. Buch: Joey Sagal, Hanala Sagal, Cary Elwes. Kamera: Terry Stacey. Mit: Michael Shannon, Kevin Spacey, Alex Pettyfer, Johnny Knoxville, Colin Hanks, Evan Peters, Tracy Letts, Tate Donovan, Ashley Benson. Universum, 86 Minuten.

© SZ vom 13.12.2016/cag

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