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Immigration:"Es ist politisch nicht sinnvoll, Zuwanderung zu beschränken"

Volker Heins lehrt Politikwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen und ist Senior Fellow am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen.

(Foto: Schuchrat Kurbanov/Kulturwissenschaftliches Institut Essen)

Der Politologe Volker M. Heins hat ein Plädoyer für offene Grenzen geschrieben. Ein Gespräch über richtige und falsche Freiheit.

Interview von Aurelie von Blazekovic

SZ: Herr Heins, warum sind offene Grenzen im Jahr 2021 für Sie eine, wie es im Untertitel Ihres Buches heißt, notwendige Utopie?

Volker Heins: Die Pandemie hat uns daran erinnert, wie wertvoll körperliche Bewegungsfreiheit ist. Bei Freiheit denken wir oft an Meinungsfreiheit, Gedankenfreiheit und solche Dinge, aber eine ganz essentielle Freiheit ist die Bewegungsfreiheit. Für uns im Westen ist die Erfahrung geschlossener Grenzen dabei neu und heftig. Große Teile der Menschheit befinden sich aber auch ohne Seuche permanent in einer Art Lockdown und können sich kaum frei über Grenzen hinweg bewegen. Weil sie nicht die richtigen Pässe haben, weil sie keine Chance haben, überhaupt jemals dort wegzukommen, wo sie festsitzen.

Ist es aber für liberale Gesellschaften nicht auch ein kaum kalkulierbares Risiko, ihre Grenzen zu öffnen, eine Menge sozialer Fortschritt etwa hängt doch von klaren Grenzen ab, man denke nur an das Rentensystem?

Die Schließung von Grenzen und die militante Abwehr von Einwanderung geht in der Regel einher mit einem Verlust an innerer Liberalität. Wir verlieren selbst an Freiheit, wenn wir systematisch potenzielle Migranten stigmatisieren. Wir denken oft, dass alles offener und lockerer wird. Aber viele Grenzen, etwa die zwischen Europa und Afrika, sind in den vergangenen Jahrzehnten sehr viel undurchlässiger geworden. Es muss immer mehr Zwang und Gewalt aufgewendet werden, um diese Grenzen undurchlässig zu halten. Ich will eigentlich nur zeigen, dass das keineswegs naturgegeben ist und es verändert werden kann, wie es in der Geschichte immer wieder passiert ist.

Volker M. Heins: Offene Grenzen für alle - Eine notwendige Utopie. Hoffmann und Campe, Hamburg 2021. 223 Seiten, 22 Euro.

Die Idee der Bewegungsfreiheit als Menschenrecht hat eine lange Geschichte. Warum ist das in Vergessenheit geraten?

Etwas zugespitzt formuliert möchte ich den Freiheitsbegriff den Konservativen und sogenannten Liberalen wegnehmen und daran erinnern, dass es die körperliche Bewegungsfreiheit gibt und sie in der Tradition der Aufklärung konzipiert wurde. Seit dem 17. Jahrhundert, von Hobbes bis Hölderlin, galt es als elementares Freiheitsrecht, aufzubrechen, wohin man will.

Die Bewegungsfreiheit, schreiben Sie, ist ein natürlicher Drang des Menschen. Auf der anderen Seite ist aber doch auch die Abgrenzung etwas sehr Menschliches?

Es gibt ein Bedürfnis nicht nur nach Abgrenzung, sondern auch nach Sesshaftigkeit. Ich bin weit davon entfernt, wie man das früher gelegentlich gemacht hat, die Mobilität und das Nomadentum, das ewige Suchen, zu romantisieren. Ich bin übrigens auch nicht dagegen, dass es territoriale Staaten und Grenzen zwischen Ländern gibt. Ich bin nur gegen Regimes, die ganz bestimmte Teile der Menschheit ohne vernünftigen Grund dauerhaft ausschließen.

Ist nicht schon das Wort Migration negativ konnotiert?

Es gibt in der Migrationsforschung nicht wenige, die sagen, dass wir in einer verrückten Welt leben. Denn wenn es etwa darum geht, im Lebenslauf nachzuweisen, dass man auf drei oder vier Kontinenten gearbeitet hat, schon mit 18 in Ruanda war und mehrere Sprachen spricht, dann feiern wir ja die Mobilität. Stigmatisiert wird nur die Mobilität der Armen aus dem globalen Süden.

Wir bewegen uns in Europa auf immer undurchlässigere Grenzen zu und besonders seit 2015 sprechen wir viel über die Ängste, die Zuwanderung auslöst. Zu viel?

Die Ängste sind nicht unberechtigt. Es hilft aber nichts, auf die Forderungen von Migrationsgegnern einzugehen. Es ist politisch nicht sinnvoll, Zuwanderung zu beschränken, um etwa rechtsradikale Parteien zu besänftigen, wie gern behauptet wird. Wenn es keine Zuwanderung mehr gäbe, würden Parteien wie die AfD fordern, auch diejenigen, die schon hier sind, aus dem Land zu schaffen.

Eine nicht rechtsradikale, aber naheliegende Reaktion auf Ihre Forderung wäre, dass sie einfach realitätsfern ist. Sie sagen aber, genauso realitätsfern wäre die Vorstellung von abgesicherten Grenzen. Wie meinen Sie das?

Man kann ja nicht behaupten, dass die Sicherung der Außengrenzen in der Europäischen Union gut funktioniert. Tausende Menschen ertrinken. An Trumps Grenzmauer wurden Familien getrennt. Da herrscht Chaos. Die Forderung nach offenen Grenzen für alle mag utopisch klingen. Es ist allerdings nicht utopisch, über Wege nachzudenken, Grenzregimes nach bestimmten Kriterien durchsichtiger und durchlässiger zu machen. Ich bin für eine sukzessive Orientierung an der Gewährung von Bewegungsfreiheit für zunehmend große Menschengruppen, nicht dafür, die Zäune einzureißen.

© SZ/crab
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