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Justin Marozzis Buch "Islamische Imperien":Damals schuf niemand solche Städte

Golfstaaten brechen diplomatische Beziehungen zu Katar ab

Einst war die Vielfalt der Bevölkerung ein Beweis für die Souveränität der islamischen Zivilisation, umso künstlicher wirkt die heutige Homogenität islamischer Städte: Katarerin vor der Skyline der Hauptstadt Doha.

(Foto: Kamran Jebreili/AP)

Ein lehrreiches historisches Spektakel: Der britische Journalist und Historiker Justin Marozzi hat einen großen wehmütigen Reiseführer in die Geschichte des Islam geschrieben.

Von Sonja Zekri

Für Juden, Christen und Muslime des Nahen Ostens gab es gute Zeiten und schlechte Zeiten. Und es gab die Kreuzzüge. Nach der Eroberung Jerusalems 1099 jubelte der Kreuzfahrer Raimund von Aguilers über das Massaker an den jüdischen und muslimischen Bewohnern: "Haufen von Köpfen, Händen und Füßen waren auf den Straßen zu finden. Man musste sich einen Weg zwischen den Menschenleichen und Pferdekadavern bahnen." Und mit einem Stolz, der jedem IS-Schlächter zur Ehre gereichte: "Wunderbare Anblicke boten sich."

Wem an dieser Stelle der Appetit vergeht, der dürfte Justin Marozzis Buch "Islamische Imperien. Die Geschichte einer Zivilisation in fünfzehn Städten" nicht unbeschwert genießen. In 15 Kapiteln führt der Journalist und Historiker durch 15 Städte, und in fast jeder ereignet sich Unaussprechliches. Menschen werden enthauptet, verbrannt, ertränkt, eingemauert, gepfählt oder gegessen, Kinder von Pferden zu Tode getrampelt. Und damit ist über die Schädelberge des asiatischen Völkermörders Timur noch kein Wort verloren.

Das auf Dauer doch etwas eintönige Schlachten balanciert Marozzi durch gleichermaßen große Detailfreude in der Beschreibung von Pracht und Sinnenfreude aus. Sultan Harun al-Raschid, der glanzvollste aller glanzvollen Abbasiden-Herrscher Bagdads, trank beispielsweise mit seinen Gefährten "bis zum Morgengrauen den rubinroten Shiraz-Wein aus goldenen, silbernen oder kristallenen Kelchen", während Haremsfrauen sie "mit dem verspielten Schleiertanz und dem lasziven Säbeltanz" - ja was? genau: - "erregten".

Drückende Hitze, tödlicher Wind und Wolken von Fliegen

Man will sich gar nicht ausmalen, was die Orientalismus- und Gleichstellungsbeauftragten zu solchen schwülstigen Sausen sagen würden. Bestenfalls vielleicht die Bemerkung, dass die islamische Kultur bis heute als zuverlässiges Reservoir für Männerfantasien funktioniert.

Marozzi ordnet jeder Stadt ein von ihr geprägtes Jahrhundert zu oder jedem Jahrhundert eine Stadt. Die Idee hat Charme, lässt sich aber nicht ohne Verluste durchhalten. Für die Frühzeit des Islam liegt die Auswahl noch auf der Hand: Mekka (7. Jahrhundert) als Geburts- und Offenbarungsort des Propheten, Damaskus (8. Jahrhundert) als Sitz der Umayyaden-Dynastie und Motor des islamischen Aufstiegs zum Imperium.

Justin Marozzi: Islamische Imperien - Die Geschichte einer Zivilisation in fünfzehn Städten. Insel-Verlag, Berlin 2020, 535 Seiten, 28 Euro.

In beiden Fällen war der Einfluss des Ortes auf das Wesen und den Erfolg der neuen Religion gewaltig. Mekka, die heiligste Stadt des Islam, liegt in einem steinigen, unfruchtbaren Tal der Gebirgslandschaft des Hedschas, das nach den Worten des arabischen Geografen al-Muqaddasi in "drückende Hitze, tödlichen Wind und Wolken von Fliegen" gehüllt war. Lange vor Mohammed lebte die Stadt von Händlern und Pilgern, auch die Kaaba stand bereits. So viel gilt trotz umstrittener Quellenlage für die Früh- und Vorzeit des Islam als gesichert. Schlüssig beschreibt Marozzi die Mehrfachfunktion des Propheten als Religionsgründer, aber auch als politischer und militärischer Anführer. Nur so, mit göttlicher Billigung, konnte er sich gegen heidnische Religionen, aber auch gegen andere Stämme behaupten und aus dem unwirtlichen Hedschas ausziehen, um die Welt zu erobern.

Die neue Religion war den Menschen der Spätantike fremd und vertraut zugleich. Zwar zertrümmerte Mohammed die Bilder rivalisierender Götzen in der Kaaba - hier wäre ein Satz zum Zusammenhang mit dem islamischen Bilderverbot sinnvoll gewesen -, aber in vielem griff er Etabliertes auf. Wie Juden- und Christentum war der Islam eine abrahamitische Religion, die Monotheismus, einen heiligen Text, Fasten und Gebote vorsah.

Der Umzug der Kalifen nach Syrien war mehr als ein Ortswechsel, er war eine programmatische Entscheidung. Hätten die Umayyaden ihren Sitz aus dem weltvergessenen, isolierten Mekka nicht in die kosmopolitische Levante verlegt, womöglich hätte der Islam den Sprung zur Weltreligion nicht geschafft.

So weit, so schön sortiert. Aber dann? Die Kreuzzüge nach Jerusalem dauerten nicht nur das 11. Jahrhundert, sondern länger. Die Fatimiden regierten in Kairo nicht erst im 12. Jahrhundert, sondern schon früher. Oft rivalisierten muslimische Dynastien in verschiedenen Städten um die Vorherrschaft im "Dar al-Islam", in der islamischen Gemeinschaft. Wer dominierte wen? Warum steht Tripolis für das 18. Jahrhundert, Beirut für 19. Jahrhundert und nicht umgekehrt? Warum beschließen gleich zwei Städte am Golf, Dubai und Doha, den Band und nicht Metropolen außerhalb der arabischen Welt wie Jakarta oder Delhi?

In Bagdad machten Juden noch kurz vor dem Ende des Ersten Weltkrieges 40 Prozent der Bevölkerung aus

Marozzi führt nicht nur europäische Quellen an, sondern auch arabische oder türkische, die übrigens alle auf ähnliche Weise übertreiben und oft auf ähnliche Weise Propaganda in eigener Sache betrieben. Verglichen mit einem Standardwerk wie Eugene Rogans "Die Araber", das fast völlig auf unbekannten Originalquellen beruht, ist das Ergebnis anekdotisch dicht, aber nicht immer überraschend. Dass Marozzi im Gegenzug sprachlich etwas gewaltsam modernisiert - Lyrik als arabischer "Rock'n'Roll"? Ein "Immobilienboom" in Bagdad? - verstärkt diesen Eindruck eher noch.

Marozzis Vater wurde in Beirut geboren als Kind eines Italieners und einer Preußin. Sohn Justin hat als Journalist den Nahen Osten der Länge und Breite nach bereist. Wenn er die historische Erzählung durch persönliche Eindrücke unterbricht - einen Besuch der Kairoer Zitadelle, ein Treffen mit dem afghanischen Mudschaheddin und Lyrik-Liebhaber Ahmed Shah Massoud -, dann spürt man eine große Sympathie für die Menschen, aber auch Wehmut. "Damals schuf niemand solche Städte wie die Muslime", schreibt Marozzi. Und doch ist so wenig geblieben vom Glanz und vom Wissen dieser Zeit.

Der Algorithmus, frühe Erdvermessungen, die Übersetzung der griechischen Philosophen ins Arabische, von all diesen Leistungen hat man vielleicht gehört. Aber wer weiß noch, dass die Zahnpasta von einem Musiker namens Al-Ziryab in Cordoba erfunden wurde? Timur, die "Ein-Mann-Apokalypse" (Marozzi), eroberte, verwüstete und plünderte praktisch jeden Fleck Boden auf dem asiatischen Kontinent, zog bis nach Sibirien, bis an die türkische Küste, bis Delhi und schleppte die Beute nach Samarkand. Nur Europa reizte ihn nicht, denn dort gab es nichts zu holen. War je eine Schonung schmählicher?

Marozzis Buch ist eine Ehrenrettung, wenn auch nicht ohne politische Hintergedanken. Interessanterweise waren die prosperierenden islamischen Städte oft mehrheitlich nicht einmal muslimisch. In vielen Städten lebten Sunniten und Schiiten, Kurden, Berber, Franken, Venezianer, Turkmenen, Mongolen und Jesiden, allein die Christen unterschieden sich in Assyrer, Kopten, Chaldäer, Maroniten, Melkiten, Katholiken oder Protestanten. Damaskus im 8. Jahrhundert war eine vorwiegend christliche Stadt, der Islam die Religion einer Elite. In Bagdad machten Juden kurz vor dem Ende des Ersten Weltkrieges 40 Prozent der Bevölkerung aus.

Für Imperien war diese Mischung von Konfessionen und Kulturen nicht ungewöhnlich. Und Marozzi verschweigt nicht die Spannungen und die Gewalt - auch unter Muslimen. Doch war die Vielfalt nicht nur die Voraussetzung für den Wohlstand der prosperierenden Städte, sondern geradezu ein Beweis für die Selbstsicherheit und Souveränität der islamischen Zivilisation. Umso steriler, umso künstlicher wirkt die heutige Homogenität islamischer Städte.

Aber warum auf die Blüte dann der lange Niedergang folgte, ist Marozzi nur zerstreute Überlegungen wert. Muslimische Gesellschaften werden oft schlecht regiert, schreibt er. Warum? Hier und dort lässt er Bemerkungen über die Macht engstirniger Kleriker fallen, vor allem unter den Sunniten, aber dazu haben Autoren wie Thomas Bauer Überzeugenderes zu sagen.

Sein Buch ist ein instruktiver Reiseführer in die Geschichte des Islam, ein lehrreiches historisches Spektakel. In diesen luftleeren, reisefreien Monaten könnte seine Wirkung nicht intensiver sein.

© SZ/crab
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