Ehec: Renaissance von Fertiggerichten Ans Eingemachte

War in den letzten Jahren Frische der zentrale Wert der Gesundheitswelle und der Promi- und Fernsehkochwelt, dürfen wir nun wieder ohne Skrupel "Schlemmerfilet à la Bordelaise" und andere Convenience-Food-Klassiker goutieren. Wie die Ehec-Angst den Geschmack der Wirtschaftswunderjahre zurückbringt.

Von Johan Schloemann

Und plötzlich sieht der Speiseplan einer aufgeklärten, kochfreudigen Mittelklassefamilie so aus: Fertigsuppe aus der Dose; Reisgericht mit Iglo-Pfannengemüse aus der Tiefkühltruhe; Fruchtkompott aus dem Glas. Wo gerade noch das mediterrane Gemüsekochbuch mit Waren aus regionalem Anbau rauf- und runterexerziert wurde - Pastinaken mit Pecorino und Schnittlauch und so weiter -, dort erweist sich der Nudelauflauf mit Konserventomaten statt mit frischen Tomaten als, mmm, erstaunlich aromatisch.

Was gab es von den fünfziger bis zu den siebziger Jahren nicht alles für pampige Schweinereien: Fischstäbchen; Champignons, Suppen, Erbsen oder Ravioli aus der Dose; Tiefkühl-Pizzabaguette; Schmelzkäseecken; Perlzwiebeln und Cocktailkirschen; Kondensmilch; Pulverpudding und Götterspeise!

(Foto: dpa)

"Schmeckt's?", fragt sich die Familie - und mag die Antwort selber kaum hören. Und statt Rummantschen auf dem Bauernhof zur Abwehr zivilisationsbedingter Allergien heißt es jetzt wieder wie bei Oma: "Hände waschen!"

Die Angst vor den Ehec-Keimen hat in Deutschlands sonst so offenen Küchen eine bemerkenswerte Wirkung: Es ist ein backlash, der im technischsten Sinne des Wortes konservativ ist - eine Rückwärtsbewegung zum Eingemachten und Eingefrorenen.

Denn eigentlich ist ja Frische der zentrale Wert der Gesundheitswelle der letzten zwei, drei Jahrzehnte sowie der ganzen Promi- und Fernsehkochwelle der letzten Jahre: eine unverpackte, natürliche, erdklumpenbehaftete Frische, welche den industriellen Charakter der westlichen Lebensmittelproduktion unsichtbar machen und sich vom Einkaufskorb auf den essenden Menschen übertragen soll, der ohne Zusatzstoffe frischer lebt und frischer aussieht.

Wie in anderen Warensegmenten, so soll auch bei den Lebensmitteln der Geschmack der Massenherstellung durch den Geschmack des individuellen, des guten alten Handwerks ersetzt werden, und die ländliche Frische ist der Garant dafür.

Ein seltsam gemischtes Gefühl

Nun aber, im Banne des gefährlichen Darmerregers, stellt sich ein seltsam gemischtes Gefühl bei den Mittelklassekindern der Wirtschaftswundergeneration ein. Zum einen ist da das schlechte Gewissen, aus hygienischen Gründen selbst all die abgepackten und vorbereiteten Massenprodukte wieder auf den Tisch zu holen, von denen man sich ja bewusst verabschiedet hatte - ebenjene Fertiggerichte, die man sonst gerne den eigenen Familien ausredet und den Kindern aus ärmeren Verhältnissen bei Schul-Aktionstagen abzuerziehen bemüht ist.

Zum anderen jedoch ergreift die unfreiwilligen Konserven- und Tiefkühl-Esser in diesen Tagen eine ganz ungeahnte Wonne, eine unabweisbare kulinarische Nostalgie. Denn am Gaumen, wo sonst ausgesuchte Rohwaren nachhaltige Geschmacksexplosionen auslösen, verspüren wir nun die Erinnerung an die bundesrepublikanische Nachkriegsküche der Eltern - an jene Zeit von den fünfziger bis mindestens zum Ende der siebziger Jahre nämlich, als die unfrischen Lebensmittel noch nicht böse waren, sondern einfach nur modern.

Denn was gab es damals im Zuge des Fortschritts nicht alles für pampige Schweinereien: Fischstäbchen; Champignons, Erbsen oder Ravioli aus der Dose; Tiefkühl-Pizzabaguette; Schmelzkäseecken; Perlzwiebeln und Cocktailkirschen; Kondensmilch; Pulverpudding und Götterspeise!

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