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Beethoven in Bagdad:"Je mehr Konzerte wir spielen, desto weniger Autobomben gibt es"

"Beethoven in Bagdad"/"Egmont im Irak"

Egmont in Bagdad: verloren und an den gesellschaftlichen Rand gedrängt.

(Foto: Astrid Vehstedt)

In Bagdad startet die deutsch-irakische Koproduktion "Egmont im Irak" Premiere. Die Regisseurin Astrid Vehstedt und der Dirigent Karim Wasfi über die Bedeutung von Ludwig van Beethoven für eine Stadt im Aufwind.

Von Sonja Zekri

Die Pandemie hat das Beethoven-Jubiläum 2020 (250. Geburtstag) weltweit beeinträchtigt - auch im Irak. Immerhin wird in Bagdad nun ein Musik-Ereignis nachgeholt. Am Donnerstag hat das deutsch-irakische Musiktheater "Egmont im Irak" von Johann Wolfgang von Goethe mit Ludwig van Beethovens Schauspielmusik Premiere. Es ist eine Koproduktion des Goethe-Instituts und des irakischen Kulturministeriums. Zum Video-Doppelinterview finden sich in der irakischen Hauptstadt die deutsche Regisseurin Astrid Vehstedt und der irakische Dirigent Karim Wasfi ein.

SZ: Beethoven in Bagdad - wie kommt man darauf?

Astrid Vehstedt: Vor zweieinhalb Jahren habe ich mit dem niederländischen Komponisten Hans Rotman im Irak Workshops gegeben. Schon damals war uns klar: Wir wollen etwas zum Beethoven-Jahr machen - und zwar zusammen mit dem Iraqi National Symphony Orchestra, das Karim Wasfi dirigiert. Dass es in Bagdad ein solches Orchester gibt, trotz aller Schwierigkeiten, hat uns sehr berührt. Und dann hatte es auch noch Beethovens Ouvertüre von "Egmont" im Repertoire!

Karim Wasfi, Sie haben vor einigen Jahren Schlagzeilen gemacht, als Sie in den Kratern nach Bombenanschlägen Cello gespielt haben. Wann sind Sie zuletzt in einem Bombenkrater aufgetreten?

Karim Wasfi: Es gibt weniger Autobomben in Bagdad, also spiele ich derzeit nur auf der Bühne. Die Menschen sind die Konflikte leid. Gerade nach der Pandemie sehnen sie sich nach der Rückkehr ins Leben, nach der Gemeinschaft mit anderen Menschen - jenseits politischer Zerwürfnisse. Sie hungern nach Kultur, nach Zivilität, wollen Bücher lesen, ins Kino gehen, studieren. Ihre Kultur ist ihnen wichtig, ihr Erbe, 6000 Jahre Geschichte. Vieles hat sich verändert. Die Lage ist deutlich weniger angespannt als noch vor ein paar Jahren.

Was bedeutet Beethoven für den Irak?

Wasfi: Seine Musik, vor allem für "Egmont", symbolisiert für den Irak die Erhebung gegen das Unrecht, sie beflügelt das Erwachen einer Gesellschaft. Genau das ist jetzt wichtig. Ich glaube fest an einen Paradigmenwechsel durch Kunst, deshalb habe ich eine Nichtregierungsorganisation gegründet, die "Peace Through Arts Global Foundation". Ich bin überzeugt: Je mehr Konzerte wir spielen, desto weniger Autobomben gibt es. Kultur ist stärker als Terror.

Astrid Vehstedt, Sie waren schon häufiger in Bagdad. Was zieht Sie an den Tigris?

Vehstedt: Bagdad ist einzigartig. Diese uralte Kultur Mesopotamiens, irgendetwas davon muss übrig geblieben sein, von dieser Wiege der Zivilisation. Und die Stadt erholt sich, sie sieht jetzt viel freundlicher aus als früher. Im Januar 2020 flogen Katjuschas über mein Hotel, wir waren im Herzen eines Hurricanes. 2017 standen überall Checkpoints. Jetzt gibt es viel weniger Spannungen.

Können Sie sich allein durch die Stadt bewegen?

Vehstedt: Ich war schon oft allein in Bagdad unterwegs, aber diesmal hat das Auswärtige Amt entschieden, dass wir uns an Auflagen halten müssen. Wir bewegen uns praktisch nur vom Hotel zum Theater und zurück und werden dabei von einer irakischen Sicherheitsfirma begleitet. Die Männer sind übrigens voll dabei, sie sitzen im Theater bei den Technikern und haben schon gefragt, ob sie auf der Bühne helfen können. Sie nehmen sehr Anteil an allem.

Seit wann arbeiten Sie mit dem irakischen Ensemble?

Vehstedt: Wir haben am 1. Juni mit den Proben begonnen - mit einem sehr guten Team. Die Schauspieler arbeiten auf europäischem Niveau, nur unter viel schwierigeren Lebensbedingungen.

Goethes Trauerspiel behandelt den niederländischen Aufstand gegen die spanische Herrschaft im 16. Jahrhundert und erzählt vom Grafen Egmont von Gaure, der der spanischen Krone die Treue halten will und scheitert. Was hat das alles mit den heutigen Irakern zu tun?

Vehstedt: Sie haben sofort verstanden, worum es geht. Nichts ist daran fremd oder künstlich. In einer solchen Umgebung, unter solchen Umständen bekommt Kunst eine besondere Relevanz. Man berührt sehr tiefe Schichten des Menschseins. Kunst kann die Menschen verändern. Und natürlich gilt das besonders für die Iraker, die Schlimmes erlebt haben.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Vehstedt: Einmal hatte ich für die Inszenierung eine Anspielung auf eine bestimmte historische Szene im Irak im Sinn. Ich habe sie den Schauspielern beschrieben, nur in Andeutungen, ohne Namen zu nennen. Sie begriffen sofort, was ich meine. Die Sensibilität ist immer da. Das war schon bei unserem früheren Workshop in Bagdad so. Wir haben einen Schillertext über den Dreißigjährigen Krieg gelesen, und plötzlich sagte ein junger Mann: Als ich sieben war, habe ich gesehen, wie mein Freund von einer Rakete getötet wurde. Vielleicht reden die Menschen von sich aus gerade deshalb, weil Kunst ihnen den Eintritt in die Geschichte eines anderen erlaubt.

Sie haben den Text von Goethe und die Musik von Beethoven kombiniert, aber auch ergänzt. Der deutsch-irakische Schriftsteller Najem Wali und die irakische Schriftstellerin Rania Al Bayati haben Passagen verfasst, die auf den Irak der Gegenwart verweisen. Hans Rotman hat neue Musik für Szenen komponiert, für die Beethoven keine Musik verfasst hat. Wird Ihr Stück ein Hybrid?

Vehstedt: Es wird ein Dialog zwischen Geschichte und Gegenwart, aber keine Mixtur, nicht beliebig. Pia Wessels hat Kostüme entwickelt, die beispielsweise die spanische Halskrause aufnehmen. Das ist ein wichtiges Element, es trennt den Kopf vom Körper. Das Bühnenbild ist abstrakt und sehr wandelbar. Wir haben sechs bewegliche Wände, die wir verschieben können.

Dennoch: Auch ein umjubelter "Egmont im Irak" wird Bagdad nicht zum Zentrum des globalen Kulturbetriebs machen.

Wasfi: Deshalb ist diese Zusammenarbeit so wertvoll. Besucher aus dem Ausland sind im Irak meist Geschäftsleute oder Diplomaten in festungsartigen Botschaften. Künstler kommen selten.

Vehstedt: Und dann ist es immer etwas schade, wenn europäische Kulturschaffende den Irak nur als Kulisse benutzen, abreisen und ihre Werke dann in Europa zeigen zeigen. Es wäre besser, wenn sie erkennen würden, welche künstlerischen Talente hier leben.

Sie spielen auf Milo Rau und seinen "Orest in Mossul" an. Wer wird Ihre Premiere in Bagdad besuchen? Bagdads High Society? Die Reichen?

Wasfi: Die Reichen haben im Irak andere Interessen. Alle Iraker werden kommen, Junge, Alte. Sie alle brauchen Kunst.

© SZ/RJB
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