"Der Mauretanier" im Kino:Der falsche Terrorist

Berlinale 2021 - ´Der Mauretanier"

Ein Mandat, für das es daheim mächtig Ärger gab: Anwältin Nancy Hollander (Jodie Foster) mit dem Häftling Mohamedou Ould Slahi (Tahar Rahim) in "Der Mauretanier".

(Foto: Graham Bartholomew/dpa)

Die Hölle von Guantánamo als Hollywoodfilm: "Der Mauretanier" erzählt von Folter, Entmenschlichung und der perversen US-Politik.

Von Moritz Baumstieger

Am Ende des Films, kurz vor dem Abspann, sitzt er da und lacht. "Oh, Bob Dylan!", ruft er und singt mit. "The Man in Me", wunderbar schief und so vollkommen aus dem Takt, dass es einfach gute Laune macht. "La la la la, la la la la."

Ende gut, alles gut - oder zumindest fast: Dieser Mann, Mohamedou Ould Slahi heißt er, ist wieder frei und zurück in seiner Heimat. Seine Leidensgeschichte, die der Franzose Tahar Rahim im Spielfilm "Der Mauretanier" spielt, scheint vorbei zu sein: die Folter, die Entmenschlichung, das Unrecht. Fünfzehn Jahre lang war Slahi wegen Terrorverdachts in Guantánamo, angeklagt wurde er nie. Und am Ende hat - wofür ist man sonst zwei Stunden und zehn Minuten im Kinosessel gesessen - die Gerechtigkeit gesiegt.

"The man in me will do nearly any task": Slahi, der kaum Englisch konnte, als er 2001 festgenommen wurde, hat auf Guantánamo auch durch Filme die Sprache seiner Peiniger gelernt. Das erzählte er der SZ bei einem Besuch in Mauretanien 2017, wenige Wochen nach der Freilassung. "The Big Lebowski" hat er etwa so oft mit den Wärtern angesehen, dass er nicht nur die Dialoge mitsprechen kann, sondern auch die Begleitsongs singen. Wie den von Dylan.

Nun, vier Jahre später, laufen die Vorbereitungen zum Gedenken an 9/11. Zwanzig Jahre ist das her, und viele Amerikaner würden den Unort Guantánamo am liebsten vergessen, den die Bush-Administration in der Folge auf einer Armeebasis auf Kuba schuf. Gleichzeitig erzählt Hollywood die Geschichte des Mannes, der die US-Filmkultur ebendort lieben lernte.

Die angeblich erdrückenden Beweise gegen Slahi bleiben unter Verschluss

Tahar Rahim gibt sich als "Der Mauretanier" Mühe, das Charisma dieses Mannes rüberzubringen, der selbst auf Guantánamo noch Witze riss und später in Erzählungen erst recht. Die Geschichte des realen Mohamedou Ould Slahi mag schillernd, vertrackt und teils widersprüchlich sein; ihre Fiktionalisierung ist ein recht konventionelles amerikanisches Justizdrama - was angesichts der Komplexität des Stoffes durchaus eine Leistung ist. Eine charakterfeste US-Bürgerin, in diesem Fall die Anwältin Nancy Hollander, gespielt von einer grau gefärbten Jodie Foster mit stets steifer Oberlippe, stößt auf eine Ungerechtigkeit und gibt nicht auf, bis sich das System zur Korrektur gezwungen sieht.

Im konkreten Fall bedeutet das: Die streitbare Anwältin aus Albuquerque bekommt den Fall eines mutmaßlichen al-Qaida-Masterminds angetragen, der in einem US-Gefangenenlager auf Kuba einsitzt. Über das System Guantánamo ist damals noch kaum etwas bekannt, die Erinnerungen an die einstürzenden Twin Towers sind noch frisch, Begeisterung löst so ein Pro-Bono-Mandant schon in der eigenen Kanzlei nicht aus. Hollander nimmt den Fall vielleicht gerade deswegen an. Denn ob der Mann nun schuldig ist oder nicht: Einen fairen Prozess soll er bekommen, findet sie.

Hollander muss ihre Verteidigungsstrategie auf dem Material aufbauen, das ihr der Staat zu Verfügung stellt, und das ist zunächst: gar nichts. Die angeblich erdrückenden Beweise gegen Slahi bleiben unter Verschluss, sprechen mit ihm kann Hollander kaum, weshalb sie ihn bittet, seine Geschichte aufzuschreiben. Ohne diesen realen Verteidigungsnotstand hätte es den Film nie gegeben: Die Notizen des realen Mohamedou Ould Slahi wuchsen an - und beinhalteten Monströses.

Kinostart - ´Der Mauretanier"

Ein Ermittler bezeichnete Mohamedou Ould Slahi (Tahar Rahim) als "Forrest Gump von al-Qaida".

(Foto: Graham Bartholomew/dpa)

Im Film ist der Militärzensor ein begeisterter erster Leser, die Anwältin eine eher entgeisterte Zweitleserin. Tatsächlich war die reale Nancy Hollander von Slahis Schreibstil so beeindruckt, dass sie eine Veröffentlichung anregte. Nach langem Rechtsstreit und heftig entstellt durch Schwärzungen erschienen die "Guantánamo Diaries" 2015 und wurden ein Bestseller, übersetzt in mehr als ein Dutzend Sprachen. Der Mann, der das Foltersystem handschriftlich und am Tatort dokumentiert hatte, saß jedoch selbst dann noch ein, als die ersten Interessenten nach New Mexico reisten, um bei Hollander die Filmrechte zu optionieren.

Zum Team der Independent-Produktion - die großen US-Studios und -Verleiher hielten sich bei dem heiklen Thema lieber zurück - stieß bald eine Firma, an der Schauspieler Benedict Cumberbatch beteiligt ist. Der gibt nun mit soldatischer Strenge den Militärstaatsanwalt Stuart Couch, der Slahis Fall vor Gericht bringen soll. Alles andere als ein Todesurteil würde für den Sicherheitsapparat eine Niederlage bedeuten.

Der Fall scheint klar zu sein: Slahi hatte Anfang der Neunziger Al-Qaida-Camps in Afghanistan besucht, einmal einen Anruf entgegengenommen, der von Osama bin Ladens Satellitentelefon aus getätigt wurde (wenn auch nicht vom Oberschurken persönlich, sondern einem Cousin Slahis, der zeitweise dessen Chefpoet und Scharia-Berater war). Drei der späteren 9/11-Verschwörer hatten Jahre später auf Vermittlung des Freundes eines Freundes in Slahis Duisburger Wohnung übernachtet, wo der mit einem Hochbegabtenstipendium Elektrotechnik studierte. Als "Forrest Gump von al-Qaida" bezeichnet ihn Ermittler Couch - immer, wenn es irgendwo heiß wurde, schien dieser Typ durchs Bild zu stolpern.

Doch ganz so klar ist der Fall dann eben doch nicht, und so stellt sich der Ankläger bald dieselbe Frage wie die Anwältin: Wie sind die teilweise abstrusen Geständnisse Slahis zustande gekommen? Und wie viel kam man auf die Aussagen anderer Internierter geben, die ihn belasten? Die Antwort auf diese Frage umfasste in der Realität mehr als 70 Tage, im Film wird sie auf unangenehme 15 Minuten verdichtet.

Der Regisseur sagt, dass es bei so komplexen Stoffen "viel Zucker in der Medizin" brauche. Ach, Hollywood

Von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld persönlich abgesegnet durchlitt Slahi "erweiterte Verhörtechniken", Folter körperlicher und seelischer Art, Scheinexekutionen und sexuelle Gewalt. "Normalerweise macht Hollywood die Realität ein wenig dramatischer", sagt Slahi der SZ heute in einer Whatsapp-Sprachnachricht, er spricht immer noch recht gut Deutsch. "Das hier ist einer der wenigen Fälle, wo es andersrum lief."

Als Ermittler Couch all das im Film versteht, schmeißt er hin. Statt falscher Kameradschaft und dem blinden Patriotismus des "War on Terror" leitet ihn fortan eine Art Verfassungspatriotismus, die Regisseur Kevin Macdonald etwas pathetisch inszeniert. Ein solcher treibt seit jeher auch die Figur Nancy Hollander an, wichtiger als die Schuldfrage ist ihr die "Rule of Law". Die Anwältin erstreitet vor Gericht die Freilassung ihres Mandanten, der im Film - per Videoschalte, 2010 eine exotische Sache - ein ergreifendes Schlussplädoyer in eigener Sache hält. Ohne scheint Justizdrama eben nicht zu gehen.

Regisseur Macdonald sagt, dass es bei solch komplexen Stoffen eben "viel Zucker in der Medizin" brauche. Er kennt sich aus mit politischen Stoffen, hat für seine Doku "Ein Tag im September" über das Münchner Olympiaattentat einen Oscar gewonnen und einen Spielfilm über den Diktator Idi Amin gedreht ("Der letzte König von Schottland").

Habeas; The Mauretanian

Die Realität auf Setbesuch: Regisseur Kevin Macdonald mit Mohamedou Ould Slahi (links) und Anwältin Nancy Hollander.

(Foto: Graham Bartholomew/Tobis Film)

Der Versuchung, den Plot komplett mit Süßstoff zu verkleistern, ist das Team bei der Adaption der Guantánamo-Tagebücher nicht erlegen. Da der reale Slahi später tatsächlich eine US-Anwältin heiratete, die auf Guantánamo tätig war (die beiden sind sich dort aber nie begegnet), wäre mancher Autor bei der Arbeit an der fünften oder sechsten Version des Drehbuchs sicher dem Versuch erlegen, eine leicht bekömmliche Liebesgeschichte hineinzuschreiben.

Das wohlige Gefühl der Erleichterung, dass hier zwei aufrichtige Charaktere ein pervertiertes System zur Selbstkorrektur gezwungen haben, ist im Fall von "Der Mauretanier" jedoch schal: Die politisch Verantwortlichen, die Macdonald nur auf an Bürowänden hängenden Porträts ins Bild setzt, behelligt bis heute niemand. Dem damaligen US-Präsidenten George W. Bush, der sich regelmäßig über Slahis Fall unterrichten ließ, billigte man zuletzt sogar den Rang eines Elder Statesman zu - was sich wirklich nur im Kontrast zu Trumps Wahnsinn rechtfertigen lässt, der etwa mit der Idee gespielt haben soll, Corona-Infizierte nach Guantánamo zu bringen zu lassen. Gerichte mögen in Fällen wie dem Slahis individuelles Unrecht beendet haben, doch das System, das dieses Unrecht produziert, besteht weiter. Das Lager ist immer noch in Betrieb, Slahi zwar nicht mehr drinnen, aber lange noch nicht frei.

Als sich die Anwältin und der Ankläger im Film das erste Mal begegnen, betrachtet Hollander im Souvenirshop Guantánamos T-Shirts, die wellenreitende Wärter neben bärtigen Häftlingen zeigen. "Irgendwann wird das hier eine Touristenattraktion sein", sagt Hollander dann zu Couch, Menschenmassen würden die Zellen ablaufen und zu verstehen versuchen, "was hier los war". Dass in diesem Satz einige Wahrheit liegen könnte, zeigte sich bei den Dreharbeiten: Entstanden ist der Film in Südafrika, zur Einstimmung besuchte die Crew die Gefangeneninsel Robben Island, heute eine Sehenswürdigkeit, von Google-Nutzern mit 4,3 von 5 Sternen bewertet. Der reale Slahi war als Gast dabei. Es war seine erste Auslandsreise seit Guantánamo. Und bislang auch seine letzte.

Die USA machten es bei seiner Entlassung zur Bedingung, dass sein Heimatland ihm drei Jahre keinen Reisepass ausstellt - mittlerweile hat er einen und kann dennoch nicht fort. Visumsanträge, etwa für Deutschland, wo seine Ehefrau und sein zweijähriger Sohn Ahmed leben, wurden abgelehnt. Ein aktueller Antrag auf Familienzusammenführung läuft auffallend schleppend, das Verfahren habe bislang "wenig mit einem normalen Verfahren" zu tun, sagte Slahis Anwalt der SZ schon im Februar. Da hoffte er noch, dass sein Mandant Anfang Juni dabei hätte sein können, als "Der Mauretanier" als Eröffnungsfilm der Berlinale Deutschlandpremiere feierte. "Wenn du einmal ein Problem mit den USA hast, hast du es für immer", sagt die von Tahar Rahim gespielte Hauptfigur einmal im Film. Ein Nebensatz, der in dieser Geschichte Hauptsatz sein könnte.

The Mauretanian, USA 2020 - Regie: Kevin Macdonald. Buch: Michael Bronner, Rory Haines, Sohrab Noshirvani. Kamera: Alwin H. Küchler. Mit: Tahar Rahim, Jodie Foster, Shailene Woodley. Tobis, 129 Minuten.

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