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Nachruf auf Dr. John:Der schwärzeste weiße Mann in dieser Welt ist weg

FILE PHOTO: Musician Dr. John gestures to the crowd during the New Orleans Jazz and Heritage Festival in New Orleans

Von Album zu Album tiefer in die Sümpfe Louisianas gegroovt: Dr. John beim New Orleans Jazz and Heritage Festival 2013.

(Foto: REUTERS)

Wohl nie hat ein Musiker die Atmosphäre einer Stadt so akkurat heraufbeschworen wie Mac John Rebennack mit New Orleans. Ein Abschied vom großen Voodoo-Alchimisten.

Dr. John beantwortete die Routinefrage nach dem eigenen Befinden mit dieser tiefen krächzenden Stimme, die einen glauben ließ, er habe gerade einen Sack Kies verschluckt: "Hab' mir gerade beide Beine gebrochen, bin knapp dem Tod von der Schippe gesprungen, aber sonst: alles in Ordnung!" Gehörten solche Geschichten zur Selbst-Mythologisierung des stets mit Totenschädel auf dem Klavier auftretenden Pianisten und Sängers, der eigentlich "Mac" John Rebennack hieß? Nein, der Autounfall war im wahren Leben passiert, und der junge Journalist, der die Legende 1991 im Backstage des New Yorker Blue Note Clubs traf, konnte sein Glück kaum fassen. Der geheimnisvolle Doktor, der den Federnumhang und den Schamanenkopfschmuck, mit denen er immer aufgetreten war, gegen Zylinder und Frack getauscht hatte, war in Redelaune! Erzählte von Schicksal, Sterben und Soul seiner Heimatstadt New Orleans.

"New Orleans Musiker kommen immer zu spät, aber wenn sie da sind dann fühlen sie ihren Shit - auf eine subtile Weise, die Menschen von anderswo nur schwer verstehen. Weil es spirituell ist."

Egal, dass seine halb gebrummten, halb in den Bart gemurmelten Betrachtungen sich erst nach dem dritten Abhören des Mitschnitts zu englischen Sätzen formten. Was auch an seinem "Coonass Accent" lag. Und einem Organ, das einen Kritiker zu dem Vergleich mit einem "riesigen Ochsenfrosch mit Mandelentzündung" verleitete. Aber was für ein funky Ochsenfrosch!

Er war mehr als nur Musiker - Mick Jagger, Eric Clapton und Dan Auerbach war er ein Lehrer

Jerry Wexler, Produzent von Dr. Johns klassischen Alben auf Atlantic Records, bezeichnete ihn als "schwärzesten weißen Mann in dieser Welt". Wann hatte ein Musiker je die Atmosphäre einer Stadt so akkurat heraufbeschworen, in der fast täglich Brassbands und Beerdigungs-Parades durch die Straßen ziehen, während Kellner und Serviermädchen, Straßenverkäufer und Nachbarschaftskinder den Downbeat mit den Hüften aufnehmen, auf den Bürgersteigen tanzen, auf Töpfen die Synkopen mitschlagen? Welcher Alchimist konnte die lokale Mythologie von Voodoo Queens und Rock'n'Roll-Transvestiten so überzeugend in die hippe Sprache der Popkultur überführen? Macology eben.

Seine Heimatstadt diente Dr. John lebenslang als lebender musikalischer Steinbruch. Er setzte New Orleans in den Sechzigerjahren wieder auf die Pop-Landkarte. Das hatte zuletzt Louis Armstrong ein paar Jahrzehnte zuvor geschafft. Zwar hörte New Orleans nie auf, innovative schwarze Musik hervorzubringen: Little Richard und Ray Charles nahmen hier auf. Professor Longhair, Fats Domino, Huey Smith, Smiley Lewis, Earl King und Schlagzeuger Earl Palmer gehörten zu den lokalen Legenden, deren Licks und Phrasierungen der junge Mac Rebennack, ein in Latein und Griechisch geschulter Highschool-Absolvent mit weißer Haut aber schwarzer Seele, aufsaugte wie später alle möglichen toxischen und bewusstseinserweiternden Substanzen. Doch es fehlte jemand wie Dr. John. Jemand, der in der Lage war, die Tradition der Stadt und den psychedelischen Rock der Hippie-Kultur zu einem Gebräu zu mischen, das dank Alben wie "Gris- Gris", "Babylon", "Remedies" und "The Sun, Moon & Herbs" den weißen Mainstream hypnotisierte. Man könnte auch sagen: den Rock'n'Roll zu seinen Voodoo-Wurzeln zurückbrachte.

Mezz Mezzrow, ein jüdischer Jazzklarinettist, und Johnny Otis mit seinem Rhythm'n'Blues-Orchester hatten es vorgemacht: Wie man als Weißer Eintritt in die schwarze Musikwelt findet. Dr. John aber ging darüber hinaus. Er war so tief in die Kultur der Gassen und Bayous von New Orleans eingetaucht, dass er nicht nur als einziger Weißer zum lokalen schwarzen Musikerzirkel gehörte, sondern auch als eine Art lebendes Geschichtsbuch der Stadt galt. Einer, den die Ahnen persönlich legitimiert hatten, die historische Figur des Voodoo-Heilers Dr. John als Alter Ego mit Bandanas, Federschmuck und Gesichtsbemalung aufzupimpen. Seine Mittsechziger-Alben für Atlantic hatte Mac Rebennack jedenfalls ohne jede Mitwirkung von außen komponiert, arrangiert und mit lokalen Musikern eingespielt. Wer hatte schon von The Meters gehört, bevor die famose New-Orleans-Funktruppe 1973 den unwiderstehlichen Groove auf Dr. Johns größtem Hit "Right Place Wrong Time" beisteuerte? Und wer hätte ohne Dr. Johns "Gumbo"-Album jemals - in London, Tokio oder Ebersberg - von den delikaten, mit Dixie-Jazz und karibischem Rumba gesprenkelten New-Orleans-Straßenhymnen wie "Iko Iko" gehört?

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Wenn Mac Rebennack nicht im väterlichen Haushaltswarenladen - wo nebenbei auch die neuesten Rhythm'n'Blues-Platten über den Tresen gingen - aushalf, verdingte er sich als Session-Musiker. Äußerlich mag er damals noch einem pausbäckigen Chorknaben geähnelt haben. Aber Mac brauchte sich nur ans Klavier zu setzen, um als "funky Horowitz über die Tasten zu fegen". Er hatte schon Rock'n'Roll-Hits von Lloyd Price ("Lawdy Miss Clawdy"), Shirley and Lee ("Let The Good Times Roll"), Guitar Slim und Earl King seine Piano-Licks verpasst als er 1959 seine erste eigene Single aufnehmen durfte. Morgus and the Ghouls nannte er seine Band, eine düstere Vorwegnahme seiner überlebensgroßen "Night Tripper"-Bühnen-Persona. Von Album zu Album - gute drei Dutzend sind es geworden - groovte er sich tiefer in die Sümpfe Louisianas, verfeinerte er seine spezielle Fusion aus Blues, örtlicher Folklore und haitianisch-afrikanischer Spiritualität, die ihm zuerst seine Großmutter nahegebracht haben soll. Und die ihn später sogar zur Weihe als Houngan oder Voodoo-Priester führte.

Muss man wirklich wissen, dass Dr. John auch mit Frank Zappa, Aretha Franklin oder Sonny and Cher im Studio war? Dass die Rolling Stones den Pianisten für "Exile On Mainstream" engagierten, er einen Auftritt in "The Last Waltz", dem Abschiedskonzert von The Band, hatte? "Niemand", schreibt Jerry Wexler in seiner Biografie, "hat mir mehr über Musik beigebracht als Dr. John - egal ob Rock, Rhythm'n'Blues, Soul oder Funk". So erging es wohl auch Mick Jagger und Eric Clapton, oder zuletzt Dan Auerbach von The Black Keys, der das 2012er-Album "Locked Down" aufnahm. Ein Spätwerk, das Dr. John noch einmal in Hochform zeigte. Und das ihm zu Recht seinen vierten Grammy bescherte.

Seit 2017 hatte er aus Gesundheitsgründen alle Auftritte abgesagt. Am Donnerstag ist er in New Orleans einem Herzinfarkt erlegen. Er wurde 77 Jahre alt. In seiner Heimatstadt wird man - wie es die lokalen Gebräuche verlangen - dem Doctor eine gebührende Funeral Parade bescheren. Und Mac wird, glaubt man seinen Songs, nirgendwo und überall dabei sein, mit Amulett und Gris-Gris-Säckchen lediglich in "Anutha Zone". In einer anderen Welt, die für ihn immer auch eine Realität war.

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