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Dopingsünder und Finanzjongleure:Unsere Besten

Immer das Maximale rausholen: Dopingsünder und Finanzjongleure treffen sich auf dem Verschiebebahnhof der Verantwortung - sie alle haben zu stark an etwas geglaubt.

Seit die Finanzkrise nicht mehr als eine Krise des Vertrauens und Zutrauens in wesentliche Institutionen kapitalistischen Wirtschaftens beschrieben wird (einen solchen grundstürzenden Diskurs kann sich ein auf Stabilität geeichtes System nur eine kurze Weile leisten, wenn überhaupt) - seit die Krise also keine grundsätzliche Vertrauenskrise mehr sein darf, seitdem geht die Rede von der Verantwortungskrise herum. Nicht nur hätten Leistungsträger massenhaft unverantwortlich gehandelt, bemerkte etwa der Philosophieprofessor Dieter Thomä kürzlich in der Neuen Zürcher Zeitung, sie alle hätten auch keinen Sinn mehr dafür gehabt, was Verantwortung eigentlich bedeute. Nach allen Fluchten in systemische Relevanzen hat, so scheint es, eine Rückbesinnung auf das individuelle Versagen stattgefunden.

Der religiöse Kern der Gegenwart: Allzu fleißig Glaubende, im Sport wie im Kapitalismus, strapazieren die Grenzen des Sinns.

(Foto: Foto: dpa)

Zum Crash konnte es freilich nur kommen, so Thomä in einer zarten systemischen Wendung seiner Argumentation, weil "anonyme Marktprozesse" die Versprechen halten sollten, die einzelne Menschen einmal gegeben hatten. Auf dem "Verschiebebahnhof der Verantwortung" hätten sich die Finanzmanager zu leicht verstecken können. Gleich wie sie agierten, ihr Handeln sei für sie selbst stets folgenlos geblieben, ihr Zeitbewusstsein - ohne das kein Verantwortungsgefühl denkbar ist - dementsprechend suspendiert. Haftung und Rechenschaft schienen weitgehend delegiert zu sein an den ungreifbaren, gesichtslosen "Markt".

Schneeball-System der Schamlosigkeit

Wie passt dazu, dass das bisher einzige Gesicht, das wir von dieser Krise haben, das des Amerikaners Bernie Madoff ist, eines Betrügers, der strenggenommen mit dieser Krise nichts zu tun hat? Gar nicht. Mittels eines auf seiner gerissenen Schamlosigkeit basierenden Schneeball-Systems war es dem ehemaligen New Yorker Börsenmakler gelungen, an viele Milliarden Dollar zu gelangen, mit denen er auf dem Finanz- und Aktienmarkt jedoch nie spekulierte. Im Gegenteil: Er verwendete das Geld, das neue Kunden in seine Investmentfonds steckten, nur um direkt die exorbitanten "Rendite"-Versprechen zu erfüllen, die er früheren Anlegern gegeben hatte. Den Rest steckte er ohne Umwege in seine eigenen Taschen. Als ein Kunde im vergangenen Jahr seine Einlagen von mehreren Milliarden Dollar zurückforderte, flog alles auf.

Symptomatisch scheint die Wahl dieses Sündenbocks freilich dennoch zu sein. Immerhin lässt sich sein Vorgehen nicht nur in der notorischen Finanzwirtschaft verorten, es ist vor allem eindeutig als delinquent zu identifizieren, als glasklarer, unbezweifelbarer Betrug. Alle anderen Fälle liegen leider anders. Und deshalb endet hier auch die Erklärungskraft der Überlegungen Dieter Thomäs.

Wer ist der beste Kapitalist?

Die fahrlässige Verschiebung von Verantwortung ist bei Thomä schließlich am Ende klar als zwar vom System begünstigtes, letztlich aber doch individuelles Fehlverhalten identifiziert. Was aber, wenn am Anfang der Krise gar kein individuelles Fehlverhalten stand, sondern im Gegenteil ganz und gar systemtreuer (dabei allerdings zugleich individueller) Übermut? Was, wenn die Krise schlicht die Folge eines mehr als gewollten, also im Grunde erzwungenen Wettbewerbs darum ist, wer eben der beste Kapitalist ist? Dann ist die Gesichtslosigkeit dieser Krise nur mehr als logisch. Denn jeder Manager, den man öffentlich an den Pranger stellte, könnte nur allzu deutlich machen, dass er nichts als eine besonders konsequente Inkarnation des Gedankens einer notwendig haltlosen Profitmaximierung in der freien Marktwirtschaft ist, mit der wir schließlich alle noch immer (und aus manchen guten Gründen) prinzipiell einverstanden sind.

Anders als der Betrüger Bernie Madoff, der Mittel einbehielt, die er hätte investieren sollen, wagten sich selbst die Entwickler der spekulativsten Derivat-Geschäfte auf den Markt - und taten so, was ihre Aufgabe ist.

Lesen Sie auf Seite 2, was die Krise und die Leichtathletik-WM gemeinsam haben.

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