bedeckt München 23°

Dokumentarfilm von Laura Poitras:Tag des Schleierlüftens

Wir werden Zeuge, wie der Hacker Jacob Applebaum bei einem Occupy Trainingscamp erklärt, wie sich aus der Kombination von Kreditkarten- und U-Bahn-Ticket-Daten Metadaten generieren lassen, die den Behörden Erkenntnisse über einen suggerieren können, die nicht richtig sein müssen, aber trotzdem Konsequenzen haben können. Und wir sehen Geheimdienstchef James Clapper mit zuckendem Gesicht noch einmal unter Eid beteuern, dass keine Daten von Millionen Amerikanern gesammelt werden, "jedenfalls nicht wissentlich".

Das ist sozusagen die Rampe für diesen Film: Das, was man vor Snowden so alles schon befürchtete, ahnte, sich denken konnte. Denn dann kam dieser 3. Juni 2013, der die Geschichte für immer in eine Zeit vor und eine seit Snowden teilt, in eine des Hätte-man-wissen-können und in eine des Wissens - ein essentieller Unterschied, der auf allen Seiten Handlungsnotwendigkeiten nach sich zog, die die meisten, Regierungen wie Überwachte, vermutlich lieber vermieden hätten.

An diesem Tag des Schleierlüftens kommt nun Snowden erstmals ins Bild. Er sitzt auf dem Bett eines Hotelzimmers in Hongkong, wohin er Poitras und Greenwald bestellt hat. Der blasse, junge Brillenträger im T-Shirt, dessen Bild kurz darauf um die Welt gehen sollte. Die Stimme zu diesem Bild ist allerdings fester, männlicher und selbstbewusster, als man damals dachte. Die Stimme also macht gleich zum Beginn das Statement, amerikanische Medien seien immer zu sehr auf die Figuren fixiert. Und fügt dann hinzu: "I'm not the story here."

In diesem Moment wird der Film unheimlich

Und das, dieser tragische Satz, dieser von vornherein sichtbare Irrtum, ist der Moment, in dem einem dieser Film als Film geradezu unheimlich wird. Ab dem Moment, in dem Snowden den Mund aufmacht, wirkt es wie in Hollywood gescriptet und von Snowden selbst gespielt: wie die Nachverfilmung eines historischen Geschehens - nur in Echtzeit, während des Geschehens, mit der Verfilmung als Teil der Handlung.

Aber manche Menschen, vor allem aus den USA, haben offenbar nun einmal die Gabe so zu sprechen: in druckreifen, oft regelrecht pathetischen Drehbuchsätzen. Snowden hatte allerdings auch genug Zeit, im Stillen die Begründungen für sein Handeln zu formulieren. Als es dann passiert ist, als Greenwald die Sache im Londoner Guardian öffentlich gemacht hat und die Echos CNN in das Hotelzimmer in Hongkong zurückspiegeln, da sagt er: "Nicht zu wissen, was in den nächsten Stunden und Tagen passiert, ist beängstigend. Aber auch befreiend."

Er sitzt da in diesem engen Zimmerchen, immer auf dem Bett, das Fernsehen zeigt die NSA-Zentrale, und seine Reiselektüre ist, wie von der Requisite rausgelegt, Cory Doctorows "Homeland" (jugendliche Hacker kämpfen darin gegen einen allwissenden Überwachungsstaat).

Ein Spielfilmregisseur hätte sich vermutlich kein beklemmenderes Setting einfallen lassen können, um zu zeigen, dass hier das Gefängnis von Snowdens einsamen Vorausplanungen endet, und eine Art von Gefängnis und Einsamkeit beginnt, in der die anderen am Ball sind. "Ich habe schon früh gewusst", wird Glenn Greenwald nach der Filmpremiere sagen, "das Stärkste sind nicht die Dokumente, sondern das ist die Story von Snowden."

Man muss Snowden ins Herz schließen

Ab hier hat man den Eindruck, dass Poitras im Interesse dieser Dokumente und in Parteinahme für ihre Veröffentlichung nun den Fokus ganz auf eine dramatische Heldenfigur richtet, die gerade den Rubikon überschritten hat (Snowden: "What happens, happens."), und ihr ihm Bad beim Kampf gegen widerborstige Haarzipfel zuschaut (Snowden: "Shit!") und bei der paranoiden Behandlung des Telefons. Es ist tatsächlich schwer, Snowden nicht ins Herz zu schließen, er hat im Übrigen auch einen ganz guten Humor.

Mehr zum Thema

Noch ein Leck - Außenpolitik

Die Kamera bleibt bei alldem zwar cool, aber die Frau dahinter wird parteiisch: Als Snowdens Zimmer vor den Nachstellungen der Medien nicht mehr sicher ist, bietet sie ihm ihres an. Der Branchenzeitschrift Hollywood Reporter gab das Anlass zu Erwägungen, ob diese Rollenvermischung die Oscar-Chancen des Films mindert oder eher noch erhöht. Auch eine mögliche Perspektive.

Poitras und Greenwald sind jedenfalls nicht nur die Überbringer von Snowdens Botschaft, sie sind auch seine Fluchthelfer und müssen als seine Apostel selber sehen, dass sie sich bei ihrer Arbeit vom Boden der USA fernhalten. Wir lernen, dass Greenwald, der mit einem Brasilianer zusammen ist, fast genauso maschinengewehrartig Portugiesisch sprechen kann wie Englisch. Und dass Poitras ihre Basis in Berlin hatte.

"Citizenfour" ist mindestens so sehr ein deutscher Film wie ein amerikanischer. Der Abspann nennt, bevor er im Übrigen dem TOR Project und anderen Verschlüsselungstechniken dankt, unter anderem den BR, den NDR, die Deutsche Filmförderung, die Berliner Postproduktionsfirma DieBasis.

Der Film ist absolut parteiisch - gerade das wird bejubelt

Nach diesem Abspann bejubelte das Publikum in New York den Film in einer Weise, die auch nicht nur mit dem Film an sich zu tun hatte, sondern mit seiner und damit Snowdens Mission. Dieser Jubel galt Snowdens Eltern, die nach dem Film auf die Bühne kamen. Und er galt natürlich Laura Poitras, die davon erzählte, wie das ist, auf einer Watchlist zu stehen, die offiziell gar nicht existiert, gegen die es daher auch keine Rechtsmittel gibt.

Über die Qualität ihres Films sagte das aus, dass er nicht nur parteiisch ist, sondern sein Publikum auch effektiv parteiisch macht. Jedenfalls war das in New York so, und das ist immerhin "Homeland", wie nicht nur Doctorow sagen würde, sondern auch die NSA.

"Citizenfour" hat seine Deutschlandpremiere am 27.10. beim Dokumentarfilmfestival in Leipzig.