"This Much I Know to Be True" im Kino:Der Teufel, die Liebe, der Tod

Lesezeit: 3 min

"This Much I Know to Be True" im Kino: Sie spielen für die Kamera, und letztlich wohl für sich: Nick Cave (links) und Warren Ellis.

Sie spielen für die Kamera, und letztlich wohl für sich: Nick Cave (links) und Warren Ellis.

(Foto: Charlie Gray/ Mubi)

Der Film "This Much I Know to Be True" zeigt Nick Cave und Warren Ellis im Strom der Musik. Es ist der Versuch auszuleuchten, was sich kaum ausleuchten lässt: die Freundschaft zweier Menschen.

Von Josef Wirnshofer

Der Teufel ist kein schlechter Anfang. Wer sollte das wissen, wenn nicht Nick Cave, der ein großer Sänger und Songschreiber, mehr noch aber ein großer Geschichtenerzähler ist. So folgt ihm die Kamera also erst mal in seine Keramikwerkstatt, London, irgendwann im Frühjahr 2021. Das Virus hat die Welt in der Mangel, Nick Cave töpfert. Das Leben des Teufels in achtzehn Stationen. Milchweiße Figurinen, Cave zieht eine nach der anderen aus dem Regal. Der Teufel als Kind. Der Teufel mit seiner ersten Liebe. Auf dem Schlachtross im Krieg. Als Sterbender im Staub, den Geiern überlassen. Und dann beginnt ein schwer atmendes Stück Musik.

Der Teufel, die Liebe und der Tod. Der Ton ist gesetzt.

"Spinning Song" heißt das Stück, ein langsam fließender Strom aus Synthesizern, in den Nick Cave seine Verse wirft wie Kieselsteine. Und "This Much I Know to Be True" heißt die Dokumentation, die der australische Regisseur Andrew Dominik über ihn gedreht hat, über Caves Arbeit mit Warren Ellis, seinem Chefarrangeur und sidekick. Es ist das Porträt zweier Künstler, der Versuch auszuleuchten, was sich kaum ausleuchten lässt: die Freundschaft zweier Menschen.

Ort der Handlung ist eine verlassene Fabrikhalle in England. In einer Zeit, in der Konzerte vor Publikum wegen der Pandemie noch nicht möglich sind, spielen Nick Cave und Warren Ellis dort ihre jüngsten Platten zum ersten Mal live. Für die Kamera, und letztlich wohl für sich.

Es sind die Songs ihrer Alben "Ghosteen" und "Carnage". Stücke, die aus der Improvisation kommen, Treibgut, das sie aus stundenlangen Studiosessions geborgen haben. Das flirrende "Hollywood", das Cave mit ausgebreiteten Armen singt, einem Hohepriester gleich. Oder das flüchtige "Bright Horses", bei dem man jeden Moment darauf wartet, dass der Wind es fortweht.

Ginge es einem um Wortklauberei, könnte man das dokumentarisch nennen

Andrew Dominik zeigt all das in sparsam ausstaffierten Bildern. Die kahle Halle, der blätternde Putz, ein paar Scheinwerfer, und fertig. Mal ein Chor, mal ein Streichquartett, sonst nur Nick Cave und Warren Ellis.

Der eine, Cave, hockt aufgeräumt am Flügel, das Sakko mit zarten Streifen. Der andere, Ellis, ist umzingelt von Effektgeräten, Verstärkern, seiner Geige. Der Bart umwächst ihn wie das Moos den Baum, und tatsächlich würde es einen nicht wundern, wenn sich eine Krähe auf ihm niederließe. Der eine, Cave, kommt vom Blues, vom Punk und vom Rock'n'Roll. Der andere, Ellis, hat sich erst mal die Klassik draufgeschafft, Beethoven und Strawinsky, um sie danach einzureißen und aus den Trümmern seine eigene Welt zu zimmern.

Ordnung und Chaos. Schöpfung und Zerstörung. Das eine nicht ohne das andere.

Um nachzuspüren, wie grundverschieden und gleich verrückt Nick Cave und Warren Ellis sind, werden zwischen die Livesongs immer wieder kleine Schnipsel eingestreut. Ginge es einem um Wortklauberei, könnte man sie dokumentarisch nennen. Warren Ellis, während er backstage ein paar Töne auf der Querflöte pustet. Nick Cave, während er am Laptop aus The Red Hand Files vorliest, seinem Newsletter, in dem er Fragen von Fans beantwortet. Oder während er mit seinem Sohn Earl videochattet, das Handy auf dem Notenständer. Man sieht einen Nick Cave, der sich seit dem Tod seines Sohnes Arthur wieder mehr der Welt öffnet. Und sei's nur, um sie besser zu verstehen.

Vor ein paar Wochen wurde bekannt, dass Jethro Lazenby, ein weiterer Sohn Nick Caves, gestorben ist. Manches ist nicht zu verstehen.

Zurück in die Fabrikhalle, Nick Cave und Warren Ellis spielen das unheilvoll rasselnde, sich langsam vom Boden aufrichtende "White Elephant". Man kann noch lange warten, bis der Film all die Fragen beantwortet, die Dokumentationen sonst so beantworten: Wie kamen die zwei Typen hierher? Was tun die Knöpfe an ihren Maschinen? Man kann warten und wird vergehen.

Oder man kann eintauchen in den feierlichen Gospel, in den "White Elephant" irgendwann zerfließt. Ins goldene Licht der Scheinwerfer, das die Halle flutet. Bis am Ende nur Nick Cave und ein paar Töne am Klavier bleiben. Bis das Licht ausgeht.

This Much I Know to Be True, 2022 - Regie: Andrew Dominik. Kamera: Robbie Ryan. Schnitt: Matthew C. Hart. Mubi, 105 Minuten. Bei Mubi.

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