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Filmtipps zum Dokfest:Hunde sind die besseren Menschen

Fünf Tipps aus dem Programm des Münchner Dokumentarfilmfests, das dieses Jahr online stattfindet.

Von den SZ-Kritikern

"Sunless Shadows"

Ein Spiel mit Entenküken im Hof, eine Geburtstagsfeier, Entspannungsübungen zu klassischer Musik, ein Festmahl mit einer Entlassenen, die zu Besuch kommt: Der Alltag der jungen Frauen in einem iranischen Frauengefängnis, den Regisseur Merhdad Oskouei in seinem großartigen Dokumentarfilm "Sunless Shadows" zeigt, ist voller Überraschungen. All diese Frauen haben eines gemeinsam. Sie treten vor seine Kamera und erzählen von dem Mord an einem Mann, für den sie verurteilt wurden, und wie sie sich gegen häusliche Gewalt nie wehren konnten. Wie süß der Augenblick der Rache war, sagt eine ganz ruhig. Oskouei weidet sich nie an diesen Aufzeichnungen, die wie verfilmte Tagebuch-Einträge wirken. Manchmal sieht man die Mädchen nur verschwommen, im Vordergrund die Hinterköpfe ihrer weinenden Mütter. Onkel Mehrdad nennen sie den Filmemacher, als sie seine Meinung hören wollen in einer hitzigen Debatte, aber er antwortet nicht. Man hört ein fernes Echo von Frederick Wisemans "Domestic Violence", wenn sie einander moralische Standpauken halten, wer von ihnen eine Wahl gehabt hätte und wer nicht anders konnte. Es gibt Augenblicke der Verzweiflung, aber der Zusammenhalt überwiegt. Das Gefängnis ist der Hort für diese Mädchen, und ein härteres Urteil über die Gesellschaft, die ihnen einen legalen Ausweg aus ihrer Misere verweigert hat, gibt es kaum.

"This Train I Ride"

Waschfleck, Zahnbürste, Löffel, eine Hobo-Kreditkarte, all das steckt in dem Rucksack des Mädchens, wenn es allein zum Trainriding loszieht, auch Pfefferspray und ein P51, ein Dosenöffner, der für die Armee entwickelt wurde, die meisten haben bloß einen P38. Man sagte mir, Mädchen machen das nicht, erzählt sie, sich auf einen Überland-Güterzug schwingen wie die Hobos. Manchmal fährt sie 48 Stunden lang, in offenen Waggons, allein mit der Natur und dem Zug. Was sie das gelehrt habe? Dass ich stark bin, dass ich mir selbst vertraue. Arno Bitschy lässt diese ungewöhnlichen Frauen, die ohne diese nomadische Freiheit nicht leben können, erzählen, ein richtiges Erzählen, das heißt, sie geben nicht nur Statements ab, zu Geschlechterrollen, gesellschaftlichen Normen. Die Städte, die sie durchfahren, sind eine fremde,jenseitige Welt, und auch die Kamera lässt sich durchtränken von dieser phantomhaften Einsamkeit. Die Utopie ist ganz präsent, und der Mythos hat eine praktische Dimension.

"Space Dogs"

Der erste Weltraumfahrer war eine Straßenhündin aus Moskau, die Laika genannt wurde. Sie verbrannte bei der Rückkehr in der Atmosphäre. Laika wurde ein Geist, der nun durch Moskau streift, von dieser Legende berichtet ein allwissender Erzähler. Er gibt damit den Ton vor, märchenhaft, mit dem der Film von Elsa Kremser und Levin Peter von zwei Straßenhunden in Moskau erzählt, auf Hundeaugenhöhe. Die beiden schlafen, dösen, fressen, raufen oder laufen die grünen Ränder der Stadt entlang. Einmal sieht man sie eine Katze killen, ein Schockmoment, die wilde Kraft und Schönheit der Hunde aber kann man nur bewundern. Die Stadt ist ihr Spielplatz, sie knabbern parkende Autos an. So könnte eine postapokalyptische Zukunft aussehen, der Mensch in der Nebenrolle. Archivaufnahmen des russischen Raumfahrtprogramms zeigen Hunde in Zentrifugen, mit Sensoren oder Kanülen gespickt. Der Mensch quält. Die Straßenhunde dagegen sind friedlich, wenn sie Menschen begegnen, auf eine desinteressierte, herablassende Art.

"Scheme Birds"

Gemma ist in Motherwell aufgewachsen, ein paar Kilometer südöstlich von Glasgow. Einer Arbeiterstadt, die früher von Stahlwerken lebte. 1997, in Gemmas Geburtsjahr, riss man die Werke ab. Seitdem sind die Wohngebiete aus Kiesbeton, die "Schemes", eine Welt ohne Zukunft. "Either you get locked up or knocked up", sagt sie - entweder landet man im Gefängnis oder man wird schwanger. Sie wird schwanger, mit 18, und es ist die große Stärke dieses Films, dass das er das als Chance und nicht als Strafe zeigt. Die schwedischen Regisseurinnen Ellen Fiske und Ellinor Hallin haben Gemma über mehrere Jahre begleitet und fügen die Ausschnitte aus ihrem Leben zu einer intimen Geschichte vom Erwachsenwerden zusammen. Erzählt nur von Gemmas eigener, kindlich-nachdenklicher Stimme.

"The Disrupted"

Es stimmt doch etwas nicht mit diesem Land, wenn ein Mann 900 Morgen Boden bestellt und davon nicht leben kann, sagt der Farmer Donn. Es stimmt doch etwas nicht mit diesem Land, wenn man 70, 80, 90 Stunden pro Woche im Auto sitzt und am Ende trotzdem nicht genug Geld hat, sagt die Uber-Fahrerin Cheryl. Und der arbeitslose Fabrikarbeiter Pete sagt: Es stimmt doch etwas nicht mit diesem Land, wenn man mit Ende vierzig aussortiert wird und keinen Job mehr bekommt. In ihrem Film porträtiert die New Yorker Regisseurin Sarah Colt den Bauern Donn aus Kansas, die Uber-Fahrerin Cheryl aus Florida und den Arbeiter Pete aus Ohio. Ihre Protagonisten repräsentieren einen Querschnitt der US-Gesellschaft jenseits der strahlenden Metropolen. Sie zeigen, dass der amerikanische Traum sich in einen Albtraum verwandelt hat, in dem es nicht mehr um Reichtum und Aufstieg geht, sondern um den brutalen Überlebenskampf der Mittelschicht.

© SZ vom 05.05.2020
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