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Filmfestival und Coronavirus:Die neue Wirklichkeit des Dok-Fests

Dok-Fest München

Eröffnet wird das "Dok-Fest @ Home" mit dem feinfühligen Frauenporträt "The Euphoria Of Being".

(Foto: Dok-Fest München)

Am Mittwoch startet das Filmfestival mit 121 Filmen aus 42 Ländern. Statt auf der Leinwand werden die Werke im Internet gezeigt.

Von Bernhard Blöchl und Josef Grübl

Es ist schon etwas ganz Besonderes, fast ein bisschen suspekt in diesen Tagen, wenn eine Kulturveranstaltung zum geplanten Termin stattfindet. Das Dok-Fest München hat sich früh festgelegt: Trotz Corona wird am Mittwoch, 6. Mai, eröffnet. Doch statt wie bisher an vielen Orten der Stadt soll sich das renommierte Dokumentarfilmfestival ausschließlich hier abspielen: im Netz.

Dafür kooperiert man mit einem Anbieter aus Berlin, der dafür sorgt, dass die Zuschauer über die Website des Dok-Fests die Filme ihrer Wahl als Stream angezeigt bekommen. 4,50 Euro kostet das Ticket pro Film, jeweils 24 Stunden hat man dafür Zeit. Um die benachteiligten Partnerkinos zu unterstützen, kann jeder alternativ 5,50 Euro zahlen. Das Mehrgeld gehe direkt an Neues Maxim, City und Rio, wie es heißt. Der Festivalpass, sozusagen die Flatrate von "Dok-Fest @ Home", kostet 50 Euro. "Wir sind gespannt auf die Zahlungsmoral der Menschen", sagt Leiter Daniel Sponsel, der mit der Hälfte der Tickets aus dem Vorjahr rechnet (52400 Besucher kamen). "Wir wollen und müssen ein Signal senden, dass guter Content im Netz Geld kostet."

Konkret besteht der Content aus 121 aktuellen Dokumentarfilmen aus 42 Ländern, was bedeutet, dass ein Großteil der bereits kuratierten 159 Filme den Weg ins Digitale geschafft hat. Da geht es ja immer auch um Rechte und Vermarktungswege.

Der Eröffnungsfilm ist in diesem Jahr das Frauenporträt The Euphoria Of Being

21 Welt- und 69 Deutschland-Premieren sind dabei, darunter Ai Weiweis Film Vivos über das Verschwinden von Studenten in Mexiko 2014, der empathisch-neugierige Beitrag Swinger - Die wunderbare Welt des Partnertauschs sowie #Unfit. The Psychology Of Donald Trump. Die analytische Collage des Amerikaners Dan Partland lässt Psychiater und Journalisten über die mentale Verfassung des Präsidenten spekulieren. Darin Sätze wie dieser: "Trump ist ein Soziopath, ein Sadist", wie der Buchautor Justin Frank in die Kamera sagt, "ein Rassist, ein Frauenfeind, ein Sexist im Allgemeinen, und ich denke, er ist ein Problem". Es gibt Filme über die Geigerin Hilary Hahn und die bayerische Band Dreiviertelblut, über den Nachwuchs von Borussia Dortmund und den vor zehn Jahren gestorbenen Künstler Christoph Schlingensief.

Alle drei Wettbewerbsreihen bleiben erhalten (Dok-international, Dok-deutsch, Dok-Horizonte), Dok-Forum und Dok-Education ebenso (siehe Text unten). Auch alle 14 Preise werden verliehen. Schwerpunktreihen drehen sich um Musik und lassen unter dem Titel "Lasting Memories" Zeitzeugen des Nationalsozialismus zu Wort kommen.

Eröffnet wird mit dem Frauenporträt The Euphoria Of Being. Darin entwickelt die Choreografin und Regisseurin Réka Szabó mit der 90-jährigen Holocaust-Überlebenden Éva Fahidi und der Tänzerin Emese Cuhorka über mehrere Monate eine Tanzperformance, die auf Fahidis Autobiografie fußt. Ein berührender, sinnlicher, zärtlicher Film. Vor der Premiere meldet sich Daniel Sponsel per Stream aus dem (leeren) Deutschen Theater. Von dort also, wo normalerweise hunderte Gäste das Dok-Fest zum quirligen Großereignis machen. Einen Vorteil hat die Online-Ausgabe indes: Sie dauert sieben Tage länger, bis zum 24. Mai.

Reiseroute mit empfehlenswerten Filmzielen

Viele der 121 Beiträge aus 42 Ländern lenken den Blick in ferne Regionen, mal sehnsuchtstillend, mal horizonterweiternd. Eine Auswahl.

Europa

"Until We Return" führt auf eine kleine schottische Insel.

(Foto: Dok-Fest München)

Einsamkeit ist das Thema der Stunde, doch diese Einsamkeit ist selbst gewählt. Weniger als 20 Menschen leben auf Canna, 400 waren es einst. Die Insel der Inneren Hebriden liegt im Westen Schottlands, erreichbar ist sie nur per Fähre - vorausgesetzt, das Wetter spielt mit. Hierhin führt "Until We Return", ein meditativer, mitunter melancholischer Film über Ruhe, Verzicht und widerspenstige Natur. Die Inselbewohner, die uns der Südtiroler Regisseur Martin Telser vorstellt, tragen die Post nicht nur aus, sondern kommentieren sie; sie jagen Kaninchen, analysieren ihre Fernbeziehungen und wundern sich darüber, wie Ratten auf die Insel kamen. Die Gelassenheit der Schotten ist ansteckend. Und ja, diese schöne Art von Quarantäne wirkt surreal in diesen Tagen. Schade ist, die Weite des Meeres und die Klippen nicht auf breiter Leinwand bestaunen zu dürfen. Ähnliches gilt für die satten, analogen Naturbilder des italienischen Films "Il passo dell'acqua", Antonio Di Biases Hommage auf die Abruzzen. Das jedenfalls haben uns die Inselbewohner von Canna voraus: In einer alten Kirche haben sie ein improvisiertes Kino erschaffen. Dort schauen sie, aneinandergekuschelt und beseelt, "Shutter Island" mit Leo DiCaprio.

Afrika

"The Letter" beschäftigt sich mit dem Hexenglauben in Kenia.

(Foto: Dok-Fest München)

Mehrere Filme führen nach Afrika, wo die Lebenswelten aus europäischer Sicht mal faszinierend, mal verstörend wirken. Von Hexerei im heutigen Kenia, von spiritueller Kriegsführung und Landbesitz handelt der Film von Christopher King und Maia Lekow. "The Letter" folgt dem jungen Karisa, der von Mombasa in das Dorf seiner Familie an der Küste reist. Er will im Netz publizierten Vorwürfen nachgehen, wonach seine Großmutter eine Hexe sei und Kinder töte. Ein Dokumentarfilm, nach allen Seiten offen, erzählt wie ein Krimidrama. Die sonnigen, bunten Bilder stehen im Kontrast zu den nagenden Gesellschaftsthemen, die das Land beschäftigen: Zukunftssorgen der Jüngeren, Morde an den Älteren, Drohbriefe, Flucht, Vorverurteilung und Hexenglauben. Horizonterweiternd ist auch "Days of Cannibalism", der in das Königreich Lesotho in Südafrika führt. Der auf der Berlinale gezeigte Film des Genre-Sprengers Teboho Edkins verhandelt den Einfluss chinesischer Wirtschaftsimmigranten auf das soziale Klima der Enklave. Ein Culture-Clash-Western vor rauer Bergkulisse.

Nordamerika

"Unfit" nähert sich der Psyche des US-Präsidenten.

(Foto: Dok-Fest München)

Über dem Atlantik gibt es andere Probleme, solche, die auch Psychologen beschäftigen. Ihr Patient lebt in der Pennsylvania Avenue in Washington, dort behandelt haben sie ihn aber nicht. Dafür gibt es keinen Grund, zumindest nicht aus dessen Sicht, er sei doch "a very stable genius". Das sehen die Psychologinnen und Psychiater in "Unfit. The Psychology Of Donald Trump" etwas anders: Sie holen zur Ferndiagnose aus, für sie ist der US-Präsident ein Psychopath und Soziopath, ein Narzisst und Sadist, ein Hochstapler und notorischer Lügner. Das ist im vierten Jahr seiner Präsidentschaft nichts Neues mehr, kann aber auch nicht oft genug wiederholt werden. Der Regisseur Dan Partland wandelt ein wenig auf Michael Moores Spuren, sein Film ist aufregend und abstoßend zugleich. Als Ergänzung dazu empfiehlt sich "The Disrupted", der vom Niedergang der US-Mittelschicht erzählt, von ausgebeuteten Uber-Fahrerinnen und Fabrikarbeitern. Oder die kanadische Doku "Nîpawistamâsowin: We Will Stand Up" über den Mord an einem jungen indigenen Mann und den Kampf seiner Familie um Gerechtigkeit.

Lateinamerika

"Vivos" gibt Hinterbliebenen in Mexiko eine Stimme.

(Foto: Dok-Fest München)

Ästhetisch famos ist "Vivos". Der neue Film des chinesischen Konzeptkünstlers Ai Weiwei läuft beim Dok-Fest als Deutschland-Premiere, nachdem er auf der Berlinale nicht zum Zug gekommen war. Durch und durch fotografisch, ohne Kamerafahrten und Schwenks, nähert sich der aktive Allrounder einem brisanten Thema in Mexiko. 2014 hat die Polizei in Iguala mehrere Busse beschossen, die meisten davon voller Studenten. Sechs Menschen starben, Dutzende wurden verletzt, 43 Lehramtsstudenten sind spurlos verschwunden. Bis heute gibt es nur Theorien, Widersprüche und Spekulationen, die um Drogenkartelle, Korruption, linke Proteste und Schuldzuweisungen kreisen. Der Menschenrechtskämpfer Ai Weiwei schenkt den Angehörigen die volle Aufmerksamkeit, zeigt ihr Leben danach, gibt ihnen Stimmen. Sie erzählen von Hoffnungen, Träumen und Diagnosen. Neue Erkenntnisse oder investigative Enthüllungen fehlen. Die ästhetische Intimität wider das Vergessen dominiert. Ebenfalls in Mexiko, als Kontrast zum Land in Mexico City angesiedelt, spielt "Midnight Family". Im Fokus: eine Familie, die in der Metropole einen privaten Rettungsdienst betreibt - und mit dem Kampf gegen den Tod das eigene Leben finanziert. Nachts und nicht immer legal.

Asien

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"The Cave" begleitet ein syrisches Ärzteteam.

(Foto: Dok-Fest München)

Mahnendes Leid und Überlebenswille auch in Fernost. Der Regisseur kommt aus einem Dorf in Syrien und hat es mit seinen Dokumentarfilmen schon zweimal ins Herz der Filmindustrie geschafft: Feras Fayyad wurde 2018 für "Die letzten Männer von Aleppo" für den Oscar nominiert, dieses Jahr gelang ihm das noch einmal mit "The Cave". In dieser deutschen Ko-Produktion begleitet er ein syrisches Ärzteteam: In einem unterirdischen Krankenhaus in Ost-Ghouta behandeln sie Kriegsopfer, während über ihnen die Bomben fallen. Im Mittelpunkt steht die muslimische Kinderärztin Amani Ballour, die den Betrieb am Laufen hält - und dafür kritisiert wird: "Frauen sollten zu Hause bleiben und nicht arbeiten", sagt ein Mann zu ihr. Um arbeitende Frauen geht es auch im belgisch-französischen Film "Overseas", der 2019 in Locarno lief: Es geht um Frauen auf den Philippinen, die in einer Schule auf ihren Auslandseinsatz als Haushaltshilfen vorbereitet werden. Sie putzen, waschen und servieren - und hoffen, in guten Haushalten unterzukommen.

Dok-Fest München @ Home, Mi., 6., bis So., 24. Mai, Programm und Tickets unter www.dokfest-muenchen.de

© SZ vom 29.04.2020/tah
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