Documenta-Highlights:Schrott und Krabbelgruppe

Documenta-Highlights: Nest Collective hat europäischen Elektronik-Schrott zurück zum Herkunftsort gebracht und in Ballen gepresst in der Karlsaue deponiert.

Nest Collective hat europäischen Elektronik-Schrott zurück zum Herkunftsort gebracht und in Ballen gepresst in der Karlsaue deponiert.

(Foto: Catrin Lorch)

Hier entlang: Das sind fünf der wichtigsten Werke auf der 15. Documenta in Kassel. Eine kunstvolle Form der Kinderbetreuung inklusive.

Von Catrin Lorch

Der Name des Kollektivs "Ruangrupa", das in diesem Jahr die künstlerische Leitung der Documenta Fifteen übernommen hat, setzt sich aus den Wörtern für "Raum" und "Form" zusammen. Das scheint Programm. Das klassische Museum Fridericianum wurde zur "Fridskul", deren Säulen von Dan Perjovschi schwarz angestrichen und mit Graffiti überzogen wurden. Mehr als dreißig weitere Veranstaltungsorte sind auf dem Plan verzeichnet, die Zahl der beteiligten Künstler und Aktivisten wird auf mehr als 1500 geschätzt. Hier ein Parcours zu wichtigen Etappen:

The Nest Collective

Von Weitem sehen die dunkelgrauen und weißen Würfel wie Minimal Kunst aus, schon weil sie so auffallend mit der Wiese vor der Orangerie kontrastieren. Beim Näherkommen erkennt man, dass die Kanten verbeult wirken, dass da nichts glatt und durchgestaltet wurde, sondern Computerschrott roh zusammengepresst ist - und jetzt von Stahlbändern in Form gehalten wird. Das ostafrikanische "The Nest Collective" hat für "Return to Sender - Delivery Details" (2022) die Richtung umgedreht, in der Müll auf der Welt sonst unterwegs ist. Jetzt liegt der Schrott in der Karlsaue, sauber auf die Maße gebracht, in denen auch Ballen von Altkleidern um den halben Globus reisen, nur um dort auf Halden zu verrotten. Aus genau solchen Ballen ist auch der kleine Pavillon aufgetürmt, der hinter den Skulpturen aufragt und in dem ein Video läuft: Was die Kleiderspenden aus deutschen Containern anrichten, wie die Lieferanten die afrikanische Textilindustrie zerstören und noch die kleinen Straßenhändler und Ladenbesitzer betrügen, das berichten die Betroffenen selbst.

Richard Bell

Die "Aboriginal Tent Embassy", das Zelt, mit dem australische Ureinwohner seit fünfzig Jahren für ihre Souveränität in Australien kämpfen, steht jetzt direkt vor dem Fridericianum. Hinter den Säulen des Museums besetzen Richard Bells Gemälde in der Rotunde gleich zwei Stockwerke. Bell ist einer der wenigen Aborigine-Künstler, die zur Documenta Fifteen geladen wurden. Seine monumentalen, strahlendbunten Motive nehmen meist Medienbilder als Vorlagen, zeigen Blockaden, Demonstrationen, Aufmärsche - und neben den ernsten und kampfbereiten Figuren sind es die Slogans, die im Mittelpunkt stehen und die von Landraub handeln, von Umweltzerstörung und Klimakatastrophe. Die authentische "Tent Embassy", ein kleines schwarzes Zelt, das er aus Australien nach Kassel transportiert hat, soll nun zum Treffpunkt werden, einem Ort der Diskussionen und Lesungen - für indigene Künstler, Rapper, Filmemacher und Slam-Poeten. Und das alles mit, das ist auf dieser Ausstellung eine Ausnahme: direkter Übertragung ins Internet.

Cao Minghao & Chen Jianjun

Wasser ist das Thema, dem sich die Künstler Cao Minghao & Chen Jianjun derzeit widmen. Ihre Langzeitstudie "Water System Refuge #3" ermittelte nicht nur im chinesischen Sichuan Daten in Quellgebieten, auf Feuchtwiesen oder tibetischen Hochplateaus, sondern auch im von der Industrie geprägten Kassel. Bei ihren Forschungen beziehen sich die beiden Ökologen und Künstler aber auch auf andere Informationen, auf Hinweise aus dem Tierreich, auf Mythen, Religion oder das Wissen von Hirten. Ihr Zelt, für dessen Herstellung in Anlehnung an nomadische Kulturen unter anderem Yakhaar verwendet wurde, steht vor der Orangerie und soll zu einem Treffpunkt werden, an dem Forschungsergebnisse und Diskussionen zusammenfinden. Das Zelt selbst wird nach der Ausstellung der Natur zurückgegeben, um zu verrotten. Aus dem Yakhaar sollen Hausschuhe hergestellt werden, die als Produkt direkt die Ökonomie der chinesischen Ökobauern stärken.

Instar

Tania Bruguera war als Dreißigjährige einer der Stars der von Okwui Enwezor geleiteten elften Documenta, ihre Installation - sie thematisierte Erschießungen - emblematisch für eine global aufmerksame, politisch wache Kunst. Anstatt sich in New York, Berlin oder London niederzulassen, kehrte die Kubanerin jedoch zurück nach Havanna, wo sie als Dissidentin nicht nur bespitzelt und vom Internet abgeschnitten arbeitete, sondern auch wiederholt inhaftiert wurde.

Das "Instituto de Artivismo Hannah Arendt (INSTAR)" gründete sie dann im Mai 2015 mit einer kollektiven Lesung aus Hannah Arendts "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft". Seither ist das Netzwerk nicht nur ein politischer Zusammenschluss von Künstlern, sondern auch Archiv, Nachrichtenbörse, Anlaufpunkt und Förderer (Instar vergibt Stipendien und Kunstpreise). In den Ausstellungsräumen in der Documenta-Halle werden für jeweils zehn Tage insgesamt zehn Ausstellungen zensierter kubanischer Künstler installiert. Ihre Sichtbarkeit ist für Instar mehr als ein ästhetischer Gewinn, sondern gilt als nachdrücklich politischer Widerstand in einer Gesellschaft, in der der Kultursektor zu einem Akteur des Wandels geworden sei, wie es im Begleitbuch heißt.

Graziela Kunsch

Es ist sicher eines der radikalsten Projekte dieser Documenta: Die "Eltern und Kleinkinder Krippe", die Graziela Kunsch konsequent nach den Maximen einer auf Autonomie zielenden Erziehung und im Geist der ungarischen Kinderärztin Emmi Pikler eingerichtet hat. Der Raum ist während der Laufzeit täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet und soll Kleinstkindern die Möglichkeit eröffnen, sich selbst zu beaufsichtigen. Während die Eltern, wie die Künstlerin hofft, "vielleicht mehr von unseren Babys und untereinander lernen, als wir den Babys beibringen".

Der helle, mit Holzeinbauten möblierte Saal ist der schönste Klassenraum der Fridskul. Über dem ausladenden Sandkasten hängen Schaukeln aus buntgefärbten Stoffen, an den Wänden erinnern zurückhaltend gerahmte Schwarzweiß-Fotografien an das ungarische Waisenhaus, das nach den Pikler-Maximen betrieben wurde. Dazwischen liegen ein paar Rasseln aus Weidengeflecht und bunte Becher. Allerdings ist der Raum tagsüber für Besucher gesperrt, erst nach der Abholzeit darf das Kunstpublikum die Utopie betreten.

Anmerkung: Die ursprüngliche Version des Artikels enthielt einen Hinweis auf weitere Kunstwerke, der nach einer redaktionellen Überprüfung entfernt wurde. Die Hintergründe lesen Sie hier.

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