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Phänomen "Public Shaming":Brauchen wir mehr oder weniger öffentliche Beschämung?

Ja, man könnte mit Blick auf diverse, oft vorschnelle digitale Lynchmobs - deren Risiken auch Jennifer Jacquet benennt - ebenso gut zu dem Urteil kommen: Wir brauchen nicht noch mehr öffentliche Beschämung, sondern weniger davon. Das zeigte sich zuletzt auch in Deutschland bei mehreren Prozessen gegen prominente Persönlichkeiten - Thomas Middelhoff, Uli Hoeneß, Sebastian Edathy: In unappetitlicher Weise greift nach der ersten Aufregung dann das rechtsstaatlich sehr fragwürdige Argument um sich, jemand sei durch die öffentliche Beschämung "schon genug gestraft".

Dieses "Genug gestraft" ist zwar womöglich etwas, was ein Richter in seiner Urteilsfindung berücksichtigen kann - aber nichts, worüber die Öffentlichkeit stimmungsmäßig zu richten hat.

Ein probates Mittel, wenn sich politisch oder rechtlich nichts bewegt

Jennifer Jacquet: Scham. Die politische Kraft eines unterschätzten Gefühls. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015. 224 S., 18,99 Euro, E-Book 16,99 Euro.

Jennifer Jacquet aber hält die Beschämung, zumal per Internet, immer dann für ein probates Mittel, wenn sich gegen große Schweinereien von Konzernen und Investmentbanken auf politischem oder rechtlichem Wege (noch) nichts bewegen lasse - und schon gar nicht durch Kaufentscheidungen der Verbraucher. Nur dann seien bessere Gesetze und Regulierungen zu erreichen, wenn sich der Westen wieder ein wenig von der individuellen Schuld- zurück zur kollektiven Schamkultur entwickle, heißt es in dem religions- und ideengeschichtlich sonst eher dürftigen Buch.

Man kann Jacquets Verzweiflung über untragbare Missstände sicher gut nachempfinden - was aber, wenn der Beschämte, wie jüngst Fifa-Chef Josef Blatter, sich gar nicht schämt?

© SZ vom 02.06.2015
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