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Die CDs der Woche - Popkolumne:Böse Retromania

Nicolas Jaar

Der DJ Nicolas Jaar aus New York.

(Foto: oh)

Wenn das Ende der Popmusik so klingt, wollen wir mehr davon: neue Tracks von Nicolas Jaar und Jamie XX. DJ Harvey erkundet den Psychedelic-Rock der späten Sechziger - ein Hardcore-Retro-Projekt zum Niederknien. Die Popkolumne - zum Lesen und Hören.

Etwas zu viel teleologisches Geschichtsbewusstsein geistert im Popdiskurs der Gegenwart herum. Ein bisschen zu oft geht's um die Frage, warum der Popmusik nicht nur ihre revolutionäre Kraft verloren gegangen sei, sondern auch jede Kraft zur eigenen ästhetischen Erneuerung. Und verdächtig einig sind sich die Diskutanten meist.

Zuletzt durfte der britische Popkritiker Mark Fisher in der Online-Ausgabe der Zeit über die böse Retromania klagen: "Es gibt viele Anzeichen dafür, dass Popmusik ihre zentrale kulturelle Rolle verloren hat. Dass sie nicht mehr so wichtig ist und nie mehr so wichtig werden wird, wie sie war." Schuld ist natürlich der allgegenwärtige ökonomische Druck und die Aufmerksamkeitsspannen im Internet.

Aber wie die meiste Kulturkritik neigt auch die Popkritik dazu, Gegenwart und Zukunft an einer schamlos idealisierten Vergangenheit zu messen. Und Dinge dürfen einfach nicht zu Ende sein oder wenigstens mal eine Pause machen. Was dabei gerne verloren geht, ist der genaue Blick auf den Moment - also zum Beispiel die unglaubliche Menge großartiger Alben und Songs allein in den vergangenen Tagen und der laufenden Woche.

Glasig-federndes Sounddesign

Eben erschienen ist etwa das Debütalbum der Berliner Elektro-Pop-Band The/Das "Freezer" (Sinnbus). Schon bei ihrem Vorgängerprojekt Bodi Bill gelang Fabian Fenk und Anton Feist ein ganz wunderbar glasig-federndes Sounddesign. Es fehlten nur ein paar wirklich gute Songs. Mit "My Made Up Spook" oder "(Under) Miami Waters" gibt es die jetzt auf "Freezer". Wirklich neu ist daran natürlich nichts, - es ist einfach nur sehr, sehr gute Popmusik.

Wenn Sie diese Songs nicht hören können, melden Sie sich bitte bei Spotify an.

Auch nicht im strengen Sinne bahnbrechend ist das neue Akustik-Album "Tied To A Star" (Sub Pop) des alten Indie-Noise-Helden J Mascis. Aber niemand schrammelt einen so schön in Tagträume hinein wie dieser Mann, der die Kunst beherrscht, immer dasselbe zu tun, ohne sich dabei allzu deutlich zu wiederholen. Man höre nur das herzerreißende "Better Plane".