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"Deutschstunde" im Kino:Leuchtpunkte im Grau

Deutschstunde; Filmstill

Anweisung aus Berlin - der Dorfpolizist (Ulrich Noethen) überbringt dem Expressionisten (Tobias Moretti) ein amtliches Malverbot.

(Foto: Wild Bunch)
  • Heide und Christian Schwochow, das Mutter-Sohn-Duo des deutschen Films, haben Siegfried Lenz' "Deutschstunde" neu fürs Kino adaptiert.
  • In Interviews hat Schwochow angemerkt, wie stark heute wieder Diskriminierung, Rassismus, Antisemitismus geworden sind, und eine Sehnsucht nach autoritären Systemen.
  • "Deutschstunde" läuft von Donnerstag an im Kino.

Berlin greift weit, bis an die Nordseeküste, wo das Land ein Ende hat. Auf dienstliche Anweisungen aus Berlin beruft sich bei seinen Auftritten Jens Ole Jepsen, der Dorfpolizist. Auch, als er dem Maler Max Ludwig Nansen das Schreiben überbringt, mit dem diesem Malverbot erteilt wird. Die beiden Männer kennen sich seit Langem, Nansen ist der Patenonkel von Jepsens Sohn Siggi. Der Maler steht am leeren, schlammigen Strand, an der aufgebauten Staffelei. Der Polizist hält ihm das offizielle Papier vor das Bild, mit dem Stempel des Dritten Reichs.

Der Krieg ist nur hin und wieder zu spüren in dieser Landschaft. Wenn der unerschütterliche Polizist Jepsen in offizieller Mission unterwegs ist in seinem geschlossenen kleinen Bezirk, wirkt er wie aus dem 19. Jahrhundert, mit Käppi und weitem Umhang und rundlichem Gesicht, mit kräftigen Pedalschüben das Fahrrad in schneller Bewegung haltend. Ein reitender Bote, romantisch, aus den Anfängen der Bürokratie. Ein dynamisches Bild, in dem aber schon die Traurigkeit eines Niedergangs steckt. Die neue Autorität, der brutale nationalsozialistische Zentralismus, der alles unter Kontrolle bringen will, bedient sich der alten Insignien und Verkleidungen.

Ein halbes Jahrhundert nach seiner Veröffentlichung ist "Deutschstunde", der Bestsellerroman von Siegfried Lenz, erneut verfilmt worden von Christian Schwochow. Im Jahr 1971 hatte es eine Verfilmung fürs Fernsehen gegeben, von Peter Beauvais, mit Wolfgang Büttner als Maler Nansen und Arno Assmann als Polizist Jepsen. Bei Schwochow werden diese Rollen von Tobias Moretti und Ulrich Noethen gespielt.

Eine Neuverfilmung sei an der Zeit, und in Interviews zum Film hat Christian Schwochow angemerkt, wie stark heute wieder Diskriminierung, Rassismus, Antisemitismus geworden sind, und eine Sehnsucht nach autoritären Systemen. Hat das Universelle, das Exemplarische der Geschichte betont, die der Roman erzählt. Eine Frage der Moral? Das Kino freilich ist keine moralische Anstalt, und der Film, den er gemacht hat - und er wollte ihn für die Leinwand machen, unbedingt -, sprengt die Enge der Parabel. "Das Besondere daran ist, dass die einzelnen Figuren in solche Extremsituationen geraten, in denen es schier unmöglich ist, das Richtige zu tun", hat Heide Schwochow erklärt, die für ihren Sohn das Drehbuch schrieb.

Der Maler Nansen ist eine Provokationsfigur, Tobias Moretti spielt ihn kantig und obsessiv

Für den Maler Nansen hat sich Siegfried Lenz an dem Maler Emil Nolde vage orientiert, dessen Bilder von den Nazis als "entartet" eingestuft wurden. Seit Langem aber ist bekannt, dass Nolde Antisemit war und sich Führer und Volk durchaus verpflichtet fühlte, auch Kollegen als jüdisch angegeben hat. Suspekter und gefährlicher für totalitäre Regime sind aber weniger die Künstler als ihre Kunst, die Subversion, die zersetzende Sogkraft, die von ihr ausgeht und das Prinzip jeder Ordnung ad absurdum führt. Die farbigen Bilder Nansens sind Leuchtpunkte in einer grauen, feuchten, müden Welt - Siggi versucht, sie vor dem Zugriff der Behörden zu retten, indem er sie in einem verlassenen Haus unterbringt, einem heimlichen Museum, einem Haus, das überstürzt verlassen werden musste, das nicht mehr bewohnt und gebraucht wird. Gabriele Winzen hat Nansens Bilder malerisch erarbeitet - sie hat auch schon für Lars von Triers "Antichrist", Margarethe von Trottas "Hannah Arendt" oder "High Life" von Claire Denis gearbeitet, und auch bei "Bad Banks" war sie dabei, der erfolgreichen Fernsehserie, die Christian Schwochow vor "Deutschstunde" machte.

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Der Maler Nansen ist eine Provokationsfigur, Tobias Moretti spielt ihn kantig und obsessiv - schon in Oskar Roehlers "Jud Süß - Film ohne Gewissen" hat er einen Künstler im Zwielicht des Nationalsozialismus verkörpert, den Schauspieler Ferdinand Marian, der gezwungen wurde, für Veit Harlans "Jud Süß" zu spielen. Nansen ist eine zweite Vaterfigur für Siggi, zwischen ihm und dem Polizistenvater, der ihn verpflichtet, bei der Überwachung des Malers mitzumachen, reibt der Junge sich auf. "Die Freuden der Pflicht" soll er in einem Aufsatz beschreiben, als man ihn nach dem Krieg in eine Besserungsanstalt steckt, vor dieser Frage nach der Perversität der Macht versagt er.

Es sind die Körper, über die politische Macht ihre Herrschaft ausübt. Die Hand des Jungen auf eine glühende Herdplatte gedrückt, eine unerbittliche Leibesvisitation, nackt, in der Anstalt. Die reglementierten, verletzlichen Körper der Söhne, die verwesenden Körper toter Vögel.

Und der Maler Nansen weiß, wo er ansetzen muss, um die Ordnung in der Familie Jepsen nachhaltig zu zertrümmern. Er macht Siggis Schwester zu seinem Modell, lässt sie sich entblößen vor ihm.

Deutschstunde, D 2019 - Regie: Christian Schwochow. Buch: Heide Schwochow. Nach dem Roman von Siegfried Lenz. Kamera: Frank Lamm. Schnitt: Jens Klüber. Musik: Lorenz Dangel. Mit: Ulrich Noethen, Tobias Moretti, Levi Eisenblätter, Johanna Wokalek, Sonja Richter, Maria Dragus, Tom Gronau, Louis Hofmann. Wild Bunch, 125 Minuten.

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