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Science-Fiction-Roman von Julia von Lucadou:Meditiert, dann seid ihr besser auszubeuten

Kuala Lumpur, Malaysia-September 30, 2011: A BASE jumpers in jumps off from Kuala Lumpur Tower. KL Tower BASE Jump is an annually event and participants from experienced BASE jumpers from all around the world.

Die Protagonistin, eine Hochhausspringerin, ist so berühmt, dass man einen Drink nach ihr benannt hat. Sie hat einen attraktiven Partner. Und sie hat sich alles, was sie hat, selbst erarbeitet. Ist es nicht das, was man Erfüllung nennt?

(Foto: mauritius images)
  • Julia von Lucadou bringt mit "Die Hochhausspringerin" ihren ersten Roman heraus. Ihre Geschichte spielt in einer nicht allzu weit entfernten Zukunft.
  • Das Buch handelt von der Hochhausspringerin Riva Karnovsky, die als Superstar dieser Sportart gesehen wird und hoch dotierte Werbevertäge abgeschlossen hat.
  • Eines Tages macht sie mit allem Schluss. Hitomi Yoshida, eine junge Wirtschaftspsychologin, soll Riva wieder motivieren.

Wäre es nicht schön, einen Chef zu haben, der einen, statt Überstunden einzufordern, daran erinnert, auch bitte genug zu schlafen? Der sofort nachfragt, wenn man überspannt wirkt, und dann ein paar Mindfulness-Übungen anregt? Und der, ohne zu zögern, den Antrag auf Home-Office genehmigt, wenn man glaubt, zu Hause besser mit der Arbeit voranzukommen? Die Welt, die Julia von Lucadou in ihrem brillanten Debütroman "Die Hochhausspringerin" beschreibt, liegt in einer nicht allzu weit entfernten Zukunft. In dieser Zukunft gibt es solche Chefs. Und sie ist der reine Horror.

Der Roman spielt in einer generischen globalen Megacity, die geografisch nie verortet wird. Die Idee, dass man zur Ausbeutung von Angestellten keine Stechuhr braucht, sondern Psychologie, ist längst zur Vollendung gebracht, die Grenze zwischen Fürsorge und Überwachung hat sich aufgelöst. Statt die Leute zur Arbeit zu zwingen, stellt man ihnen offen einsehbare Mitarbeiter-Rankings und Fitness-Tracker zur Verfügung, schon wird aus Konkurrenzkampf eine Möglichkeit zu transparenter Selbsteinschätzung und aus der Kontrolle aller Körperfunktionen eine Hilfe zur Selbstfürsorge.

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Die Hochhausspringerin, die dem Roman seinen Titel gibt, heißt Riva Karnovsky, und sie springt tatsächlich beruflich von Hochhäusern. Das "Highrise Diving" ist eine Art Hochleistungstrendsportart: ästhetisch beeindruckend, lebensgefährlich und ideologisch aufgeladen. Beim Springen im "Flysuit", so heißt es, ist man maximal "bei sich", ein Mensch gewordener Flow-Zustand. Riva, der Superstar dieser Sportart, hat Millionen Follower und einträgliche Werbeverträge. Jedes Wort, jedes Bild von ihr werden von Sponsoren zu Geld gemacht.

Ein dystopischer Science-Fiction-Film mit perfekter Ausstattung

Eines Tages aber steigt Riva aus. Sie hört auf zu trainieren, sitzt nur noch teilnahmslos auf dem Boden ihrer Designerwohnung, lässt ihre Muskeln verkümmern, postet nichts mehr. In dieser unerhörten Krisensituation kommt nun die eigentliche Hauptfigur und Erzählerin des Romans ins Spiel: Hitomi Yoshida, eine junge Wirtschaftspsychologin, soll Riva wieder motivieren. Bald beobachtet sie ihre Klientin über versteckte Kameras Tag und Nacht. Immer angestrengter sucht sie in Rivas Kindheit nach Gründen für diesen provokanten Selbstboykott. Aber sie findet nichts. Dass hinter Rivas Nichtstun, man könnte auch sagen: ihrer Depression, eine Form von - Gott bewahre: politischer - Rebellion stecken könnte, ist für Hitomi unvorstellbar. Riva habe sich doch so viel, so hart erarbeitet, findet sie, ihr "Credit Level" ist hoch. Sie ist so berühmt, dass man einen Drink nach ihr benannt hat. Sie hat einen attraktiven Partner. Und ist das nicht das, was man Erfüllung nennt?

Was Julia von Lucadous Roman so beeindruckend macht, ist die Genauigkeit, mit der sie diese hochglänzende, neue, aber keineswegs komplett fiktive Welt beschreibt. Die Autorin ist promovierte Filmwissenschaftlerin, und man liest diesen Roman, als liefe ein dystopischer Science-Fiction-Film mit perfekter Ausstattung vor dem inneren Auge ab. Jedes Detail sitzt so genau, dass hinter der Makellosigkeit des Textes immer dieselbe Perfidie der Selbstoptimierung zu lauern scheint, um die es ihm geht.

Alles in dieser namenlosen Stadt ist auf Erfolg getrimmt. Die Figuren prahlen mit ihrer "Mindfulness-Skala", die oft beinahe bei hundert Prozent ist. Sie bewerten Dates miteinander hinterher öffentlich mit Punkten, und die Namen der Männer klingen, als führen sie alle nonstop teure Luxusautos: Zeus Schmidt, Royce Hung, Hugo M. Master. Diese Welt ist glatt, glänzend und restlos durchkommerzialisiert, das Trademark-Symbol, kleines T und kleines M, steht hochgestellt hinter den Namen von Cocktails, Apps, aber auch hinter tröstlichen Standardsätzen wie "Everything is going to be alright". Welcher Human-Ressources-Motivations-Dienstleister sich daran wohl die Rechte gesichert hat?

Die Psychologin Hitomi ist jedenfalls bald nicht mehr "alright". Als sie an ihrem Auftrag mit Riva zu scheitern droht, beginnt ihr Fitnesstracker viel zu hohe Stresswerte anzuzeigen. Sie schläft nicht gut und flüchtet sich zur Beruhigung in die Lektüre eines subversiven Blogs, den ein Junge über sein idyllisches Leben mit seinen "Bioeltern" schreibt.

Die Grundlage einer produktiven Arbeitswelt: Meditation, Therapie und Wellness

Das ist selten: Kinder werden in Lucadous Zukunftsvision nur noch in Ausnahmefällen von ihren biologischen Eltern aufgezogen. Im Normalfall kommen sie in Internate, in denen sie von frühester Kindheit an auf "Castings" vorbereitet werden, die darüber entscheiden, ob sie ihr Leben später als Leistungsträger der Wissensgesellschaft in den Städten oder als Arbeiter und Außenseiter in den Peripherien zubringen werden. Julia von Lucadou beschreibt eine hypereffiziente Gesellschaft, in der jeder Leistungsträger weiß, dass er dem Burn-out aktiv vorbeugen muss, um weiter mitspielen zu dürfen. Hitomis Chef ist nicht um ihretwillen besorgt, wenn er ihre Fitnesstracker-Werte überprüft. Er sorgt sich um die Bewahrung ihrer Leistungsfähigkeit. Was auf den ersten Blick aussieht wie ein Kapitalismus mit menschlichem Antlitz, ist in Wahrheit einer, der aus jeder Befreiung des Individuums neue Zwänge erschafft. Der Konzepte wie Meditation, Therapie und Wellness, die den Menschen eigentlich eine Alternative zu den Zwängen der Arbeitswelt bieten sollen, wieder in den Teufelskreis des Funktionierenmüssens integriert. Das psychologische Interesse am Menschen hat hier mit Humanismus und Selbstfürsorge nichts mehr zu tun. Was ist eine Selbsterkenntnis wert, die explizit nur dazu dient, möglichst schnell wieder leistungsbereit zu sein? Wer nachlässt, bekommt in von Lucadous Welt die Genehmigung entzogen, in der Stadt zu wohnen. Die Verlierer müssen raus in die heißen, dreckigen Peripherien. Selbst ein Superstar wie Riva kann sich nicht sicher fühlen. Auch ihr Leben ist jederzeit vom sozialen Abstieg bedroht.

"Die Hochhausspringerin" zeigt, was passiert, wenn das aufklärerische Potenzial und die Erkenntniskraft seelischen Leids komplett geleugnet und wegtherapiert wird. Fast sehnt man sich beim Lesen ins Industriezeitalter zurück, als es jenseits des Fließbands noch so etwas wie echte Freizeit - und damit eine Freiheit - gab, die nicht schon wieder im Dienst der Selbstoptimierung stand. Am Ende aber öffnet Julia von Lucadou doch noch eine Tür, zumindest für ein paar ihrer Figuren. Sie führt hinaus aus der perfektionierten Welt aus Glas und Erfolg in den Städten, hinaus in die Peripherien.

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