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Neu auf DVD: "Der wunderbare Mr. Rogers" mit Tom Hanks:Willst du mein Nachbar sein?

Tom Hanks (Finalized); Der wunderbare Mr. Rogers

Tom Hanks spielt die amerikanische Fernsehlegende Fred Rogers, der mit seiner Show "Mr. Rogers' Neighborhood" Kinder und Erwachsene prägte.

(Foto: Lacey Terrell/Verleih)

"Der wunderbare Mr. Rogers" von Marielle Heller auf DVD: Tom Hanks spielt eine Ikone des US-Fernsehens und zelebriert die bedrohte amerikanische Tugend der Freundlichkeit. Und das macht er wirklich wunderbar.

Von Fritz Göttler

Wie kommt der Mann mit der verschrammten Nase an die Bilderwand von Mr. Rogers, hinter eins der Türchen, die der TV-Moderator in seinen Sendungen öffnet wie einen Adventskalender - hinter denen sonst die regulären Mitarbeiter seiner Sendung stecken, Lady Aberlin oder König Friday der Dreizehnte?

Fred Rogers war im amerikanischen Fernsehen eine Institution mit seiner Show "Mr. Rogers' Neighborhood", vom Ende der Sechzigerjahre bis 2001. Eine Kindersendung, aber immer auch für Erwachsene konzipiert, die oft die sehr viel schlimmeren Probleme hatten. "Won't you be my neighbor?", singt Fred Rogers zu Beginn jeder Sendung, während er sein Jackett in den Schrank hängt, in die rote Jacke schlüpft und sich die blauen Turnschuhe zuschnürt - und das Schleifenbinden ist, wie man aus eigener Erfahrung weiß, kein ganz einfacher Akt. Fred schaut ins Innere des Menschen vor ihm, und er hofft, dass der nicht vergessen hat, was er selbst in seiner Kindheit einst erlebte.

Tom Hanks ist Fred Rogers, in dem Film "A Beautiful Day in the Neighborhood", von Marielle Heller, der bei uns "Der wunderbare Mr. Rogers" heißt. Im Frühjahr sollte der Film in die deutschen Kinos kommen, nun startet er auf Plattformen wie Amazon Prime und iTunes und auf DVD/Bluray. Heller hat in schönen kleinen Filmen erzählt, wie Menschen versuchen, ihr Leben in den Griff zu kriegen, durch Aufmüpfigkeit oder ein wenig skrupelloser noch: "The Diary of a Teenager Girl", 2015, oder "Can You Ever Forgive Me?", 2018 - wo Melissa McCarthy Literaturenthusiasten ausbeutet, indem sie Autografen fälscht von Marlene Dietrich oder Dorothy Parker.

Aufmüpfig ist auch Lloyd Vogel, der eigentliche Held von "Der wunderbare Mr. Rogers", gespielt von Matthew Rhys - er wird der Mann mit der verschrammten Nase in der Show werden. Lloyd ist ein Mitarbeiter beim Esquire, von seiner journalistischen Mission ganz fest überzeugt - wir haben, sagt er, einen Sitzplatz ganz vorn in der Geschichte! Durch kritische, scharfzüngige Artikel hat er sich einen Namen gemacht, nun soll er, für ein Heft über Helden, einen kleinen Text liefern zu Fred Rogers, nur 400 Wörter.

Eine Chance, dein Image zu ändern, meint die Redakteurin. Lloyd ist eher skeptisch, angesichts des Gespinsts von Freundlichkeit und Herzlichkeit, von Sanftheit und Naivität. Der Selbstverständlichkeit, mit der Fred ihn gleich als neuen Freund benennt. Ruhm, sagt Fred, sei ein four letter word, das sind in Amerika die Worte, die man nicht in den Mund nehmen sollte.

Am schwersten ist es, einem geliebten Menschen zu vergeben, weiß Mr. Rogers

Lloyd ist selber gerade Vater geworden, seinen eigenen Vater verachtet er, weil der seine Mutter im Stich gelassen hat in ihrer Krankheit. Bei der Hochzeit der Schwester taucht der Vater dann doch wieder auf, angetrunken und aggressiv, Chris Cooper ist großartig in dieser Rolle, er singt den Evergreen "I Love You", mit zärtlicher Kratzigkeit und einer Aura von Ratpack: "You're just too good to be true, can't take my eyes off of you ..." Dann prügeln sich Vater und Sohn, hitzig und unbeherrscht. Als der Vater später kommt, um sich zu entschuldigen, lässt Lloyd ihn vor der Tür in der Seitenstraße stehen, zwei Tage lang.

Um seine Ruhe wieder zu finden, einen Zustand der Versöhnlichkeit, wie er einem Familienvater angemessen ist, gibt's nur einen Weg für Lloyd, er muss Teil der Show von Mr. Rogers werden. Das ist am schwersten, weiß der, einem Menschen zu vergeben, den wir lieben. Man mag das durchaus als Feelgood sehen, aber mit Widerhaken. Mr. Rogers hat, wenn er sein Gegenüber fixiert, meist das eine Auge zugekniffen, wie ein ermittelnder Sherlock, er spricht langsam und mit vielen Pausen, lässt die Worte in der Stille zirkulieren.

Kein Schauspieler heute kann die Trance des Kinos so großartig handhaben wie Tom Hanks. Manchmal beschwört er, wie in einer Litanei, die Namen der Menschen, die ihm gerade wichtig sind. Da ist etwas Schamanisches an ihm, etwas Magisches, Gespenstisches. Manchmal muss auch er sich abreagieren, dann greift er mit allen zehn Fingern in die Tasten seines Klaviers, die für die tiefen Töne, und ganz kräftig.

Die Welt des Mr. Rogers ist voller farbiger Dekorationen und Stadtsilhouetten, ein Trolley kurvt durch die Pappmaché-Straßen, Handpuppen philosophieren melancholisch und existentialistisch daher. Schwere Themen kommen zur Sprache, Tod, Scheidung, Krieg. Der Film spielt Ende der Neunziger, vor der Zeit der digitalen Rund-um-die-Uhr-Kommunikation. Im TV-Studio herrscht eine respektable Distanziertheit, man klopft an eine Tür, und wenn sie sie öffnet, ist man mittendrin in der Show.

Mr. Rogers ist das absolute Gegenstück zu jenem Schamanen, der heute das öffentliche Geschehen bestimmt, dem lautstarken Mr. Trump. Einmal fordert Fred in einem Lokal Lloyd zu einer Schweigeminute auf, um an all jene zu denken, "who loved us into being". Ins Leben hineinlieben ... so sieht das Mr. Rogers, eine Liebe, die anschiebt, die Liebe als Produktivkraft.

A Beautiful Day in the Neighborhood, 2019 - Regie: Marielle Heller. Buch: Micah Firzterman-Blue, Noah Harpster. Kamera: Jody Lee Lipes. Schnitt: Anne McCabe. Musik: Nate Helle. Mit: Tom Hanks, Matthew Rhys, Susan Kelechi Watson, Chris Cooper, Enrico Colantoni, Maryann Plunkett, Maddie Corman. 109 Minuten. Mehr Credits auf imdb. Auf DVD bei Sony und auf Plattformen wie iTunes und Amazon Prime.

© SZ/kni
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