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US-Politologe über Identität:"Die Liberalen wollen unser Weltbild reformieren, anstatt das Land"

Ist die Tatsache, dass Identitätsfragen heute so große Beachtung finden, nicht ein Erfolg linken Engagements? Früher wurden viele Randgruppen einfach totgeschwiegen.

Als historische Behauptung ist das richtig, aber all das Gerede ist zwecklos, wenn es nicht in konkrete Politik mündet. Selbstentfaltung und Selbstfindung reichen nicht aus, um die Welt zu verändern.

Reicht es denn, sich gegenseitig als Staatsbürger zu verstehen?

Es ist auf jeden Fall konkreter als erfundene Identitäten, denn Staatsbürgerschaft ist eine Realität. Staatsbürgerschaft teilen wir alle. Die liberalen Kräfte konzentrieren sich allerdings nur noch auf diese kulturellen Diskussionen, nicht mehr auf die politischen. Sie wollen unser Weltbild reformieren, anstatt das Land. In den USA dominiert die Linke die Popkultur, aber das hat sie die politische Macht gekostet.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Fast zwanzig Prozent der Amerikaner identifizieren sich als Evangelikale. Weniger als ein Prozent der Bevölkerung identifiziert sich als transgender. Nun schauen Sie sich mal an, wie beide in Hollywood oder im Fernsehen repräsentiert werden. Man könnte glauben, jeder Fünfte sei transgender und die Evangelikalen nur eine Randgruppe. Ich scherze natürlich, aber es ist wahr, dass viele junge Amerikaner aus den liberalen und säkularen Küstenstaaten ihr Land nicht mehr kennen, weil die Realität verdreht wird. Das führt zu Dogmatismus, Snobismus und politischer Ohnmacht.

Oder zu Empathie und gesellschaftlicher Toleranz.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich glaube, es ist positiv, Diversität zu zeigen, aber sie muss realitätsgetreu sein. Ursprünglich wollten Liberale die Minderheiten vom Rand in die Mitte bringen. Aber jetzt scheint es mir, als seien die Minderheiten für viele Linke zur Mitte der Gesellschaft geworden, und das ist faktisch falsch. Das ist ein gefundenes Fressen für jemanden wie Trump, der wütenden Wählern wieder das Gefühl gibt, gehört zu werden. Wieso kann die Linke das nicht? Wieso geht niemand von der SPD nach Bayern und sagt: Ich kann Kruzifixe in Behörden nicht dulden, aber ich respektiere Ihren Glauben, Ihre Lebensart und Ihre Bedenken? Warum ist das so schwer?

Weil die Stammwähler das als Verrat oder Anbiederung deuten könnten?

Als ob die SPD noch so was hätte! Und wieso würde es die Stammwähler ärgern? Sie sollten sich freuen, dass ihre Partei sich öffnet. Aber das passiert nicht. Weil die Linke von säkularen Snobs getrieben wird, die Toleranz für das eigene Weltbild einfordern, aber intolerant gegenüber Andersdenkenden sind. Die deutsche Linke fordert, dass man die Kultur und Lebensweise der Muslime akzeptiert, aber verweigert den Katholiken in Bayern ihre Ansichten.

Glauben Sie, dass die andere Seite toleranter ist? Dass Erzkonservative den Dialog mit Progressiven suchen?

Im Gegenteil, aber Politik ist kein Moralwettbewerb, sondern ein Machtkampf. Um Minoritäten zu schützen und politische und wirtschaftliche Gerechtigkeit herzustellen, braucht man Macht, und die erlangt man nur über politische Institutionen. Und dazu muss man Wähler überzeugen, und um sie zu überzeugen, muss man einen Schritt auf sie zugehen. Man muss sie dort treffen, wo sie sind, nicht, wo man sie sich wünscht. Sie werden nicht auf Knien angekrochen kommen.

© SZ vom 27.09.2018/cag
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