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Deutsch-türkische Beziehungen:Die vergessene Liebe zwischen Türken und Deutschen

Deutsche und t¸rkische Fahne

"Die Liebe der Türken und Deutschen zueinander ist so alt, daß sie niemals zerbrechen wird", meinte einst Bismarck.

(Foto: dpa)

Es gibt eine türkisch-deutsche Geschichte, einen türkisch-deutschen Mittelstand und türkisch-deutsche Literatur. Wieso nur nimmt das kaum jemand wahr?

Wenn heute mit angewiderter Miene über den "Türkei-Deal" gesprochen wird, sollte man bedenken: dass europäische Politik ohne dieses Land nicht zu konzipieren ist, war seit dem frühen 19. Jahrhundert Gemeingut der außenpolitischen Eliten. Die beiden erfolgreichsten Staatsmänner des 19. Jahrhunderts, Metternich und Bismarck, waren Freunde des Osmanischen Reiches, das sie vor allem gegen russische Expansionsgelüste stützten. Für sie war das europäische Staatensystem ohne die Grenzmacht am östlichen Mittelmeer nicht vorstellbar.

Eine Modernisierungspartnerschaft

Ähnlich sahen es die Briten, die weder Russen noch Franzosen am Bosporus haben wollten. Und so wurden die Beziehungen zwischen den westlichen Hauptstädten und "Konstantinopel", wie man damals noch gern sagte, ausgesprochen freundschaftlich. Der 1855 beendete Krimkrieg kann als gemeineuropäische Rettungsaktion für das Osmanische Reich verstanden werden; dabei war dessen gesellschaftliche Zurückgebliebenheit schon damals ein Thema der Pariser und Londoner Presse.

Preußen und später Deutschland hatten da weniger Probleme, dafür entstand seit den 1830er-Jahren eine zunächst militärische Modernisierungspartnerschaft, die mit Helmuth von Moltkes berühmter Reise von 1835 bis 1839 begann und im Bau der "Bagdad-Bahn" vor dem Ersten Weltkrieg ihren Höhepunkt fand. Moltkes Bericht von 1841, "Briefe über Zustände und Begebenheiten in der Türkei", gehört zu den Meisterwerken deutscher Reiseprosa des 19. Jahrhunderts. Eigentlich wartet man auf die überfällige Neuausgabe in der "Anderen Bibliothek". Sie könnte dazu beitragen, dem deutsch-türkischen Verhältnis wieder etwas von der historischen Tiefendimension zu geben, die es verdient.

Die preußische Liebe zum Osmanischen Reich

Hätte man sie im Blick gehabt, dann hätte man sich das Einfrieren der EU-Verhandlungen mit der Türkei 2010 vielleicht noch einmal überlegt; dass dahinter auch französischer Druck stand, wiederholt eine Konstellation des 19. Jahrhunderts. Frankreich war aus außenpolitischer Räson eben traditionell weniger türkeifreundlich als das Deutsche Reich. Bismarck handelte nicht ohne Bedacht, als er 1871 sein berühmtes Zitat in die Welt setzte: "Die Liebe der Türken und Deutschen zueinander ist so alt, daß sie niemals zerbrechen wird." Es ging um die Balance zu Russland, und dieses Problem ist in Syrien derzeit für die gesamte EU wieder akut geworden.

Im Ersten Weltkrieg wurde aus der militärisch-wirtschaftlichen Interessengemeinschaft eine deutsch-türkische Waffenbrüderschaft wurde, was den Osmanen nicht gut bekommen ist. Seit Napoleons Ägyptenexpedition nagten die westeuropäischen Kolonialmächte an den arabischen Provinzen des Osmanischen Reichs. Dieses brach am Ende des Ersten Weltkriegs zusammen und wurde in den Versailler Friedensverhandlungen ähnlich harsch behandelt wie Deutschland, zumal es sich mit dem Massenmord an den Armeniern ein unerhörtes Großverbrechen hatte zuschulden kommen lassen.

Dass Kemal Atatürk nach 1920 den skandalösen Aufteilungsvertrag von Sèvres ignorierte und einen neuen laizistischen Nationalstaat errichtete, sicherte ihm große Sympathien bei der deutschen Rechten, die das Erbe der preußischen Liebe zum Osmanischen Reich antrat. 1933 machte die sich planvoll modernisierende Türkei die Tore für emigrierende deutsche Wissenschaftler und Künstler weit auf.