Das neue Album der Beastie Boys:Pinkelkämpfe auf der Tanzmatte

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Das Album "Hot Sauce Committee Part Two" ist zwar keineswegs schlecht. Doch fügen Diamond, Horovitz und Yauch, die 1979 erst als Punkband starteten und von Mitte der achtziger Jahre an dann rappend dafür sorgten, dass Hip- Hop auch einer weißen MTV-Zielgruppe gefiel, ihrem Œuvre auch rein gar nichts Neues hinzu.

Sollte es schon reichen, wenn die Hallodris, die einst durch Megaphone schimpften und damit eine ganze Generation westlicher Mittelstandssöhne prägten, mit Mitte 40 einfach ein weiteres handwerklich sauberes Album nachschieben? Eines, auf dem sie sich ein bisschen durch Dub-Schleifen hangeln und auf Kuhglocken hauen und ansonsten so tun, als sei zwischen ihren Meisterwerken "Paul's Boutique" und "Check Your Head" keine Zeit vergangen?

Man könnte dem Trio zugute halten, dass das neue Album erst gar keinen verkrampften Anschluss an aktuelle Strömungen des Hip-Hop versucht; Autotune-Plastikstimmen, Eurotrance-Arpeggien oder teuer gebuchte Gastauftritte, die heute angesagt sind, gibt es hier keine.

Lediglich der Rapper Nas, der Ex-Mann von Kelis, macht in einem Stück mit, es trägt den Titel "Too Many Rappers" und geht bezeichnenderweise so: "Wenn dir etwas durch den Kopf geht, dann lass es raus" - doch was folgt, sind Verzerrungs- und Abdämpfungseffekte, sodass man kein einziges Wort versteht.

Auch sonst geht es auf "Hot Sauce Committee Part Two" kaum um Inhalte, höchstens im Stück "Multilateral Nuclear Disarmament", das wohl vom Wunsch nach globaler nuklearer Abrüstung handelt, aber ein Instrumentalstück ohne Text ist. Man könnte sagen: Die Beastie Boys wissen nicht mehr so richtig, warum sie überhaupt rappen. Der zentrale Satz des Albums: "Don't Play No Game That I Can't Win" - sinngemäß: "Wir spielen keine Spiele mehr, die wir nicht gewinnen können."

Das passt natürlich nicht zu jenen Beastie Boys, die sonst immer eine Menge riskierten - nicht zuletzt, sich lächerlich zu machen, was im gerne todernsten Hip-Hop an sich schon außergewöhnlich war. Doch allein mit Erwachsenwerden oder Buddhismus lässt sich die verbale Erlahmung nicht erklären. Auch nicht mit der Läuterung durch Krankheit - 2009 wurde bei Adam Yauch Ohrspeicheldrüsenkrebs entdeckt, den er, hört man, nach Operation und Bestrahlung so gut wie besiegt hat.

Nein, im Film "Fight for Your Right Revisited" ist ja noch alles da: die Selbstironie, der Witz, die Zotigkeit. Dort treffen - nachdem die bösen Eltern im Foyer erstmal passiert sind - die von Elijah Wood, Danny McBride und Seth Rogen verkörperten Beastie Boys auf die Beastie Boys der Zukunft, gespielt von Will Ferrell, John C. Reilly und Jack Black. Team zwei steigt aus einem DeLorean, jenem mattsilbernen Flügeltürer, der in "Zurück in die Zukunft" als Zeitmaschine Verwendung fand.

Die Konfrontation zwischen den neuen und den alten Beastie Boys, die selbstverständlich alle behaupten, die "echten" zu sein, gipfelt im Recycling des eben noch dosenweise eingekippten Budweiser-Biers: Pinkelkämpfe auf der Tanzmatte!

Man könnte sagen: Anstatt ihren Mythos durch neue musikalische Ambition in Gefahr zu bringen, verlegen sich die Beastie Boys darauf, ihren eigenen Mythos vom Regiesessel aus zu dirigieren und mit ihrem Status als Ikonen der Achtziger in Hollywood zu wuchern. Den diebischen Spaß, den sie selbst an "Hot Sauce Committee Part Two" offenbar nicht hatten, gönnen sie im Film jenen Stars, von denen sie sich darstellen lassen. Alles endet mit der Einblendung: "Fortsetzung folgt. Schauen Sie in 25 Jahren wieder vorbei."

Das kann nur heißen: Die Beastie Boys sind mit sich als Comicfiguren schon so zufrieden, dass sie ihr neues Album selbst vergessen haben.

Der Autor ist Chefredakteur der Musikzeitschrift Spex.

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