Boygroups in Bildern:Was hat euch bloß so ruiniert?

Boygroups wie Take That dominierten einst die Charts. Einige versuchen, den Hype neu zu beleben. Vom Fall eines Genres.

Sarah Ehrmann und Michael König

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Boygroups, Take That; Getty

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Es war einmal ein Trend: Boygroups wie Take That machten die Charts unter sich aus. Einige versuchen bis heute, den Hype neu zu beleben. Vom Aufstieg und Fall eines Genres.

Was ist das? Drei bis fünf junge Männer im frisch zeugungsfähigen Alter tragen sonnengebräunte Haut, einheitliche Kleidung und viel Gel im Haar. Mindestens einer von ihnen zeichnet sich durch ein besonders sanftes Wesen aus, ein anderer gibt sich rebellisch. Die anderen liegen charakterlich irgendwo dazwischen. Sie tanzen und singen zu seichten Liedern und besitzen die Fähigkeit, sehr ausdauernd zu lächeln.

Klingt wie eine schlechte Zirkusnummer, war aber in den Neunzigern ein heißer Trend: Boygroups wie Take That (hier im Bild) verkauften Millionen Platten und rührten ebenso viele Fans zu Tränen. Immer neue Retortenbands erblickten das Licht der Welt, gerade in Deutschland schien der Hype kein Ende zu nehmen. Es werde erst aufhören, "wenn Gott aufhört, kleine Mädchen zu machen", sagte einmal der Backstreet-Boys-Erfinder Lou Pearlman.

Er irrte: Heute will die einstigen Gassenhauer kaum noch jemand hören. In Anlehnung an ein Lied der Nicht-Boygroup Die Sterne fragen wir: Wo fing das an und wann? Was hat sie irritiert? Was hat sie bloß so ruiniert? Die Bilder.

Foto: Getty Images Texte: Sarah Ehrmann und Michael König (sueddeutsche.de/kar/rus/jja)

Boygroups, New Kids on the Block; oH

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New Kids on the Block - die Milchzahnrocker

Wo fing das an und wann? In einem Bostoner Arbeiterviertel suchte Produzent Maurice Starr im Sommer 1984 fünf Jugendliche für eine neue Band. Er fand Donnie Wahlberg, Bruder des späteren Unterhosen-Models und Schauspielers Mark Wahlberg ("Marky Mark"), und vier gleichaltrige Genossen - allesamt bewegliche Jungs. Starr steckte sie in Flickenjeans und Lackschuhe und ließ sie banale Lieder singen.

Vier Jahre später waren die New Kids on the Block (NKOTB) Megastars - und ein neues Musikgenre war geboren: Boygroup-Pop. Mit Hanging Tough erreichten sie Platz eins der amerikanischen Charts, der Ohrwurm Step by Step eroberte weltweit die Hitparaden.

Was hat euch irritiert? Kritiker schmähten die fünf Bubis als "Milchzahnrocker". Parallel zur wachsenden Fangemeinde entwickelte sich ein Geschäft mit dem Anti-Hype: NKOTB-Hasser ließen New Kids under the Block-T-Shirts drucken, die einen Felsklotz zeigten, unter dem blutige Beine hervorschauten. Einzelne Bandmitglieder wurden mit Waffengewalt bedroht. Den Fans erging es kaum besser: Auf Konzerten waren Sanitäter im Dauereinsatz, um Rippenbrüche, Quetschungen und Ohnmachtsanfälle zu versorgen. Der Hype fraß seine Kinder.

Was hat euch bloß so ruiniert? 1992 kam es bei einem Konzert in Südkorea zum Desaster: Beim Versuch, die Bühne zu stürmen, wurden Dutzende Fans schwer verletzt, einer starb im Krankenhaus. Nachdem der Veranstalter die Boygroup zwang, den Auftritt dennoch fortzusetzen, zogen sich die Jungs aus dem Musikgeschäft zurück - trotz "Rettungsaktionen" der Fans. Ein Comeback im Jahr 2008 scheiterte. Was ist geblieben? Der Hit Step by Step wird noch heute in Clubs und Discotheken gespielt - als Rausschmeißer.

Screenshot: nkotb.com

Boygroups, Take That; ddp

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Take That - aus dem Schwulenclub an die Spitze

Wo fing das an und wann? Was kaum einer für möglich gehalten hatte: Der Hype um die New Kids on the Block ließ sich noch steigern. Take That brachen alle Rekorde, der Erfolg der fünf Briten erinnerte an die Beatlemania. Was 1990 mit einigen Auftritten in Schwulenclubs in Manchester begann, erreichte mit der Hitsingle Back for Good (1995) seinen Höhepunkt. Jason Orange, Mark Owen, Gary Barlow, Howard Donald und Robbie Williams waren Superstars geworden. Von da an konnte es nur noch bergab gehen.

Was hat euch irritiert? Es ging bergab. Robbie Williams, für den in der Gruppe die Rolle des Filous vorgesehen war, rebellierte gegen das brave Image der Band. 1995 verließ er Take That. Der Mythos von den fünf Freunden bröckelte, die Fans trugen Trauer, Sorgentelefone wurden eingerichtet. Die Münchner Hiphop-Band Blumentopf reimte in ihrem Lied 6 Meter 90: "Unvorstellbar, diese Massenhysterie / Ich verstehe nicht, wieso sich die Verfassungsschützer nie / mit Take That beschäftigt haben, denn sowas / gab's nicht einmal bei Scientology oder den Zeugen Jehovas."

Was hat euch bloß so ruiniert? Ohne das enfant terrible Williams überdauerten Take That noch einen Sommer und einen Winter - im Februar 1996 gaben sie ihre Trennung bekannt. Zehn Jahre später gab es einen Comeback-Versuch, die Single Patience kletterte gar auf Platz eins der deutschen Charts. Bei einer anschließenden Tour versuchten die Band mit Tricktechnik, den einstigen Hype neu zu entfachen: Robbie Williams wurde als Hologramm auf der Bühne "eingeblendet" - während des Songs Could it be Magic.

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Boygroups, East 17; AP

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East 17 - Der proletarische Gegenentwurf

Wo fing das an und wann? Wem Take That zu brav waren, der wandte sich den etwas wilderen Jungs von East 17 zu. "East" stand für das Londoner East End, die "17" für den Stadtteil Walthamstow, die Heimat der Gruppe. "Sie trugen Glatzen, hatten Tätowierungen und waren viel cooler als die verweichlichten Jungs von Take That", urteilte die Zeitung The Independent. Ach, und Musik machten sie auch: Die Single It's Allright schaffte es 1994 in Deutschland auf Platz zwei. Der Refrain fräst sich noch heute verlässlich in jedes Gedächtnis - dank seiner beeindruckenden Schlichtheit: "It's alright / it's alright / it's alright / it's really alright."

Was hat euch irritiert? Mit Stay Another Day landeten East 17 noch einen weiteren Hit, dann wuchsen der Band die Probleme von Lead-Sanger Brian Harvey über den Kopf: Der überzeugte Käppi-verkehrt-herum-Träger entwickelte eine Vorliebe für Drogen und verprügelte im Vollrausch einen Fotografen.

Was hat euch bloß so ruiniert? So viel Wildheit war selbst für die wilde Version von Take That zu viel - Harvey musste die Band verlassen. Später folgte auch Songwriter Tony Mortimer wegen zwischenmenschlicher Differenzen. 2007 probierte es die Band unter dem neuen Namen E17 erneut - mit Harvey, ohne Mortimer. Harvey kündigte eine neue Single an, die jedoch nie erschien. Dabei war der Titel abermals von beeindruckender Schlichtheit: Sie sollte "Fuck that" heißen.

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Boygroups, Caught in the Act; Reuters

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Caught in the Act - die Seifenopernsänger

Wo fing das an und wann? Der niederländische Produzent Cees van Leeuwen fasste 1992 den Plan, den Boygroup-Hype nach Kontinentaleuropa zu holen - und gründete die Band Caught in the Act ("Auf frischer Tat ertappt"). Hinter dem etwas sperrigen Titel standen Lee Baxter, Benjamin Boyce, Eloy de Jong und Bastian Ragaas, denen man echte Freundschaft schon deshalb nicht abnahm, weil die eine Hälfte aus Großbritannien, die andere aus den Niederlanden stammte. Den Fans war es egal. Die Single Love is everywhere erreichte Platz zehn in den deutschen Charts - mit freundlicher Unterstützung des Fachmagazins Bravo und der Seifenoper Gute Zeiten, schlechte Zeiten, in der CITA Gastauftritte hatte.

Was hat euch irritiert? Über Platz neun in den deutschen Charts kam CITA nie hinaus. Obwohl mit großer Verve Gerüchte über homosexuelle Mitglieder der Bands lanciert und wieder dementiert wurden (erst 1999, ein Jahr nach der Trennung, outete sich Eloy de Jong als Lebensgefährte des kürzlich verstorbenen Boyzone-Sängers Stephen Gately), ging Ende der neunziger Jahre der Ruhm zur Neige. Im Vergleich zu der Boygroup-Konkurrenz war die niederländisch-englische Kooperation langweilig geworden.

Was hat euch bloß so ruiniert? Auch die Trennung war vergleichsweise langweilig: Es gab keinen Streit, keine Eskapaden, nein, der Plattenvertrag lief einfach aus. Für ihren letzten Auftritt im Jahr 1998 hatte sich die Band nicht etwa eine Bühne in Berlin, Hamburg oder München ausgesucht, sondern: Magdeburg.

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Boygroups, Backstreet Boys; Reuters

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Backstreet Boys - die Rentnerband

Wo fing das an und wann? Lou Pearlman, ein geschäftstüchtiger Liebhaber bunter Hawaii-Hemden, suchte Anfang der neunziger Jahre nach einer Möglichkeit, schnelles Geld zu verdienen. Angestachelt vom Erfolg der New Kids on the Block beschloss er, ebenfalls eine Boygroup zu gründen. Willige Talente gab es in Pearlmans Heimat Florida genug, und als Cousin des Musikers Art Garfunkel glaubte der Produzent, Talente erkennen zu können. Der Erfolg gab ihm Recht: Die Backstreet Boys getaufte Gruppe landete mit ihrem ersten Album einen Riesenhit. Mit We've got it goin' on (1995) gelang der kommerzielle Durchbruch. Die Single Quit Playing Games (1996) erreichte in Deutschland Platz eins der Charts.

Was hat euch irritiert? Pearlman schickte nach und nach weitere Bands ins Rennen: 'N Sync, O-Town, US5 und Natural folgten auf die Backstreet Boys, deren ältestes Mitglied, Kevin Richardson (geboren 1971), bald wie ein Kindergärtner wirkte. Und auch den jüngeren Hinterhof-Jungs nahm man das Herumgehopse nicht mehr ab.

Was hat euch bloß so ruiniert? Die Band trennte sich von Pearlman, der Gelder unterschlagen haben soll - und heute wegen Betrugs hinter Gitter sitzt. Gerüchte über Alkohol- und Drogenprobleme machten die Runde. Bis 2005 war Sendepause, dann stieg das Album Never Gone in Deutschland noch einmal auf Platz eins der Charts - fiel aber genauso schnell wieder. 2006 verließ Oldie Richardson die Band. Die restlichen Mitglieder - Howie Dorough, Alexander James McLean, Nick Carter und Brian Litrell - denken offenbar nicht ans Aufhören, obwohl der letzte Top-Ten-Hit in Deutschland fünf Jahre zurück liegt. Dorough erzählte jüngst, die Gruppe wolle sich an den Rolling Stones oder Aerosmith orientieren - die Fans dürfen sich auf eine Choreographie mit Krückstock und Gehwagen gefasst machen.

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Boygroups, Boyzone; dpa

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Boyzone - die irische Variante

Wo fing das an und wann? Zeitgleich mit den Backstreet Boys und Caught in the Act wurde in Irland Boyzone gecastet. Eine irische Boygroup gab es noch nicht, und obwohl die Macher bei der Wahl des Bandnamens keinen Funken Kreatitivät erkennen ließen, war das Publikum auf der Insel begeistert. Die Musik war eingängig, und der größte Hit No Matter What (1998) vielleicht besser als die Konkurrenzprodukte von Take That. Auf jeden Fall aber irischer.

Was hat euch irritiert? Bandmitglied Ronan Keating entdeckte 1999 seine Qualitäten als Songwriter, die ihm für Boyzone offenbar zu schade waren. Er hatte als Solo-Künstler großen Erfolg (When you say nothing at all) und stahl der Band die Show.

Was hat euch bloß so ruiniert? Nach der Auflösung im Jahr 2000 kamen immer wieder Gerüchte über ein Comeback auf, das angeblich an der Finanzierung scheiterte. Anders als bei Take That fand sich angeblich kein Investor. So hatten die Engländer den Boygroup-Wettstreit mit Irland letztlich doch noch gewonnen. Im Oktober 2009 starb Bandmitglied Stephen Gately, der sich in der Zwischenzeit zu seiner Homosexualität bekannt hatte, an einem Lungenödem.

Foto: dpa

Boygroups, Worlds Apart; AFP

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Worlds Apart - die Zweitligisten

Wo fing das an und wann? Der britische Musikproduzent und -manager Garry Wilson träumte 1993 von einer multikulturellen Boygroup und suchte passende Talente aller Herren Länder. Die fünf Originalmitglieder von Worlds Apart stammten tatsächlich von drei Kontinenten. Das allerdings garantierte noch keine Karriere.

Was hat euch irritiert? Der große Hit blieb aus, in Deutschland etablierte sich Worlds Apart als eine Art Zweitliga-Boygroup. Einzig in Frankreich konnte die Band Erfolge feiern.

Was hat euch bloß so ruiniert? Die Plattenfirmen und die Bandbesetzung änderten sich, der Misserfolg blieb. Spätestens als die Band beschloss, das Boygroup-Image zugunsten einer Karriere als seriöse Musiker begraben zu wollen, schien das Ende nah. Eine Auflösung der auf drei Mitglieder geschrumpften Gruppe lässt allerdings bis heute auf sich warten. Die Schlagzeile auf der offziellen Homepage lautet: "Stilles Comeback!" Für eine Band nicht unbedingt ein Kompliment.

Foto: AFP

Boygroups, Bed and Breakfast, Daniel Aminati; ddp

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Bed & Breakfast - Quartett mit Lokalkolorit

Wo fing das an und wann? Eine deutsche Boygroup, das fehlte gerade noch. In einer Hamburger Künstleragentur wurde im Jahr 1995 aus Florian Walberg, Daniel Aminati (im Bild), Kofi Ansuhenne und David Jost die Gruppe Bed & Breakfast geformt.

Was hat euch irritiert? Die deutschen Jugendmagazine sprangen auf die Boygroup mit Lokalkolorit an, die Konsumenten aber nicht: Die erfolgreichste Single, If you were mine, schaffte es auf Platz 35 der deutschen Charts.

Was hat euch bloß so ruiniert? Bereits ein Jahr nach der Gründung stieg Aminati wieder aus - heute moderiert er das Klatschmagazin Taff auf Pro Sieben. Die verbliebenen Mitglieder tingelten noch bis 2001 durch Großraumdiscos, bevor auch sie einsahen: Eine deutsche Boygroup, das hatte gerade noch gefehlt.

Foto: ddp

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