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Das Bild der Deutschen im Weltkino:"Am liebsten buchen sie uns als Nazis"

Seitdem hat sich nicht viel verändert: Vor kurzem lag in der amerikanischen Krankenhaus-Comedy-Serie "Scrubs - Die Anfänger" ein angeblich deutscher Patient im Bett. Natürlich trug auch dieser Mann den Namen Müller. Gemimt wurde er allerdings von einem Dänen, weshalb man selbst als Deutscher Schwierigkeiten hat, ihn in der Originalfassung zu verstehen: "Warum so kalt hier?", fragt Herr Müller.

Im fünf Kilo schweren Fettanzug aus Blei und Silikon: Der Schüler Philip Wiegratz aus Sachsen-Anhalt in einer Szene von "Charlie und die Schokoladenfabrik". US-Regisseur Tim Burton hatte den Sohn eines Steuerberaters und einer Bankerin im Jahr 2005 als fetten Deutschen für seine Interpretation von Roald Dahls Kinderbuchklassiker gebucht, da war Philip gerade einmal zwölf Jahre alt.

(Foto: Warner Bros.)

"Ich sollte eine Heizgiboi dabei haben oder eine brustige Krankenschwester bei mir unter die Bettdecke." Bitte? Dem US-Publikum freilich dürften solche sprachlichen Improvisationen nicht das Geringste ausmachen. Am liebsten buchen sie uns noch immer als Nazis", sagt Schauspieler Christopher Buchholz, 49. "Das ist schon komisch. Ich zum Beispiel bin Jude, wohne in Berlin und spreche fließend Italienisch, Englisch und Französisch. Aber dann krieg' ich wieder den Wehrmachtsoffizier."

Vor 25 Jahren, immerhin, durfte Buchholz einmal den türkischen Papst-Attentäter Ali Agca verkörpern. Das waren noch Zeiten. Der aktuelle Film "Shanghai" spielt wieder in den vierzigern, Buchholz ist hier ein ideologischer Unsympath, der zusammen mit Hauptdarsteller John Cusack neben Franka Potente das Schiff "Bremen" verlässt.

Erst redet Buchholz, in seiner Rolle heißt er natürlich Müller, Englisch mit starkem Akzent, dann sagt er auf Deutsch: "Ich schau nach dem Gepäck", nennt Cusack einen "Idioten" und blafft ein paar asiatische Kofferträger an ("Müller! Erste Klasse!"), bevor er in einem schwarzen Auto hinter Hakenkreuz-Wimpeln verschwindet. Sein Auftritt dauert nur Sekunden. Buchholz' Vater Horst hatte in "Das Leben ist schön" von Roberto Benigni 1997 eine weitaus tragendere Rolle - er spielte den KZ-Arzt. Wenigstens hieß der statt Müller Lessing.

Als Deutscher bist du echt für jede Rolle dankbar, die nichts mit dem Dritten Reich zu tun hat", bestätigt Pierre Semmler, 68. Bereits für den Jean-Paul Belmondo-Film "Das As der Asse" wurde Semmler als Wehrmachtsoffizier eingesetzt: "Herr General, wir haben den Dieb ihres Autos festgenommen!" 15 Sekunden - und tschüss. Auch heute noch ist Semmler stets froh, wenn er nicht die Hackenstiefel knallen lassen muss. Mit Freude erinnert er sich an einen ZDF-Traumschiff-Dreh, bei dem er als arabischer Scheich auftrat.

Assistent des Teufels

Wenn nicht Nazi, dann wahnsinnig: Torsten Voges, 49, der in "The Big Lebowski" als deutscher Nihilist Frettchen durch die Badewannen seiner Opfer jagt oder als Assistent des Teufels in der US-Fernsehserie "Eastwick" mitspielt, darf in seiner Muttersprache vor der Kamera beispielsweise verkünden: "In Bremen werden Pfannkuchen mit richtiger Butter gemacht!" Im Ausland ist so etwas ein Riesenbrüller.

Als "Doktor Lars" wiederum bekommt er in "Funny People" von seinem Patienten Adam Sandler zu hören: "Your accent makes things sound worse than they actually are." (Ihr Akzent lässt die Dinge schlimmer klingen, als sie sind.) - "Was will ich tun?", fragt der in Hamburg aufgewachsene Zwei-Meter-Mann Voges in seiner Wohnung in Los Angeles. "Man beschäftigt mich gerne als Freak. Ich bin riesig, wirke unbeholfen - und ich spreche Deutsch."

Wenigstens wurde Voges noch nie ein fünf Kilo schwerer Fett-Anzug mit Blei und Silikon verpasst, wie dem Schüler Philip Wiegratz, 18, aus Sachsen-Anhalt. US-Regisseur Tim Burton hatte den Sohn eines Steuerberaters und einer Bankerin im Jahr 2005 als fetten Deutschen für seine Interpretation von Roald Dahls "Charlie und die Schokoladenfabrik" gebucht, da war Philip gerade einmal zwölf Jahre alt.

Deutsche Jungs sind eben fülliger

Beim Casting in einem Berliner Luxushotel hatte Burton ihm gesagt, wenn er tatsächlich die Rolle des deutschen Metzgersohnes Augustus Gloop haben möchte, so müsse er noch mindestens zehn Kilo zunehmen, erinnert sich Wiegratz. Der Junge lehnte ab, die Rolle bekam er dennoch. Aber nur mit Fett-Anzug. Deutsche Jungs sind eben, zumindest wenn es nach Tim Burton geht, manchmal etwas fülliger.

Bei den Dreharbeiten in London musste Wiegratz bergeweise Süßigkeiten in sich hineinschaufeln und durch einen Schokoladensee schwimmen. Zwergenähnliche Wesen singen im Film dazu: "Augustus Gloop - so big and vile. So greedy, foul and infantile." (Augustus Gloop, so groß und widerwärtig. So gefräßig, schmutzig und infantil.) In den Drehpausen habe ihn Hauptdarsteller Johnny Depp manchmal mit Sätzen auf Deutsch aufgeheitert, sagt Wiegratz. "Einer seiner Lieblingssätze war: 'Mein Vater ist ein Stierkämpfer'."

Vielleicht ist ja Bollywood das Paradies für deutsche Darsteller. Die vom Bodensee stammende Suzanne Bernert, 29, zum Beispiel genießt es, "vor allem in den unteren indischen Kasten" ein Star zu sein. Als Akteurin einer beliebten Seifenoper verfügt die Tochter eines deutschen Zöllners im Verkehrschaos von Mumbai sogar über einen eigenen Chauffeur: "Die Menschen hier sind sehr freundlich zu mir." Selbst der gelegentliche Gruß "Heil Hitler" sei von ihren indischen Zuschauern immer ausgesprochen freundlich gemeint.

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