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Serie: Licht an mit Eva Sichelschmidt:Der große Schlaf

Eva Sichelschmidt, Licht an.

"Einzig das Schreiben schützt mich vor der endgültigen Einschläferung": Eva Sichelschmidt

(Foto: Claudia Kromrei)

"Ich war's nicht, Corona ist es gewesen", dies ist mein Mantra. Es ist, als hätte das Virus alle Schuldgefühle endlich ausgelöscht. Mein Dasein als Sorgenstaubsauger hat ein Ende.

Gastbeitrag von Eva Sichelschmidt

"Und dieser Schlaf verbreite sich über das ganze Schloss: der König und die Königin, die eben heimgekommen waren und in den Saal getreten waren, fingen an einzuschlafen und der ganze Hofstaat mit ihnen. Da schliefen auch die Pferde im Stall, die Hunde im Hofe, die Tauben auf dem Dache, die Fliegen an der Wand, ja, das Feuer, das auf dem Herde flackerte, ward still und schlief ein, und der Braten hörte auf zu brutzeln, und der Koch, der den Küchenjungen, weil er etwas versehen hatte, in den Haaren ziehen wollte, liess ihn los und schlief."

Dornröschen ist für mich das Märchen der Stunde. Die Lösung, die Vermeidung und Negierung aller Probleme liegt im Schlaf. Die Welt wäre eine hellere, wenn die meisten Menschen zu Hause blieben und einmal gründlich schliefen. Schlafen, so viel und so lang wie möglich, so leidenschaftlich, so begeistert wie sie sonst essen, trinken, vögeln.

Schlafen als höchster Genuss!

Leidet man unter Schlaflosigkeit, verdunkeln sich sogar Frühlingstage, nicht nur in Zeiten der Pandemie. Ich weiß, wovon ich schreibe, denn ich war über fünfundzwanzig Jahre lang schlaflos. Mit dem ersten Kind begannen die zerrissenen Nächte, die nie mehr zu laufenden Traummetern wurden. Mit dem zweiten und dritten Kind hörte das Schlafen fast vollständig auf.

Der Pandemie gelingt, was die Kombination aus Schlafmitteln und Rotwein nie vermochte

Zwei, drei Stunden immer nur, dann warfen mich diffuse Ängste aus dem Schlaf. Ich drehte und wendete mich, auf der Suche nach erträglicheren Perspektiven, komfortableren Liegepositionen und vorteilhafteren Gedanken. Spätestens um 4.48 Uhr rotierte mich der Problemspieß bei höchster Garstufe. Schweißausbrüche trieben mich in Winternächten im Hemd auf den Balkon. Immer geschickter schnitzte die scharfkantige Nacht aus kleinen Widrigkeiten existenzielle Nöte. Bald schaffte sie es, die Qual bis tief in den Tag zu verlängern.

Und dann kam Corona.

Kontaktbeschränkung, die Welt hat geschlossen, und das im November. Wie also kommen wir ans Licht? In der SZ-Serie "Licht an" finden Sie persönliche Geschichten aus dem Herbst 2020.

  • Wir müssen da durch

    Ein paar Empfehlungen für diese Tage. Auch Bücher. Auch solche, die wenig mit Literatur zu tun haben. Das ist hier nicht der Bachmannpreis.

  • Eva Sichelschmidt, Licht an. Der große Schlaf

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  • Joachim Lottmann Lockdown Corona Wien Zeit der Zärtlichkeit

    Endlich ist Schluss mit den Lockerungen, in Wien ist alles wieder still. Dazu die Kälte. Schön. So kommt der Mensch zu sich. Über den Lockdown in der österreichischen Hauptstadt.

  • Thalia Kinos Filmgespräch Fühlen sie sich manchmal ausgebrannt und leer Regisseurin Lola Randl * Zeit für Trüffel, Sauerkraut und den Liebhaber

    Die Tage werden dunkler, die Pandemie bedrückender. Wie kommt man da durch?

  • Lutz Seiler Corona Licht an Es rauscht im Kieferngewölbe

    Was hilft durch die düstere, bedrückende Zeit der Pandemie? Gespräche auf Bänken mit Stulle und Thermoskanne - und Selbstgespräche unter Bäumen.

  • 'GOLIATH96' Premiere In Hamburg; Katja Riemann Man will nicht allein sein

    Grüner Tee am Morgen, Pfefferminztee am Abend und dort in Kontakt gehen, wo es möglich ist. Und es hilft in diesen Zeiten, mit vielen Mitbewohnern unterschiedlicher Herkunft zusammenzuwohnen.

  • Eva Menasse, österreichische Autorin; Eva Menasse Solange wir leben, bleibt das Beste immer möglich

    Ja, es kommen dunkle Wochen. Aber anstelle von weihnachtlichem Warenkapitalismus könnte es eine Zeit für das Detail sein, für die Überraschung. Und für die Dankbarkeit.

Der Pandemie gelingt jetzt, was die Kombination aus Schlafmitteln und Rotwein nie vermochte, sie schickt mich mit der zweiten Welle dieser albtraumhaften Krise in den Schlaf. Dabei hatte alles mit einem hysterischen Anfall beim Lockdown im Frühjahr begonnen, an schlafen war da nicht mehr zu denken.

"Wie soll es bloß weitergehen?" Diese Frage blähte sich wie ein Fesselballon aus tiefschwarzer Seide und nahm mich mit. In meinem Körbchen schwebte ich über die unterschiedlichen Sorgenfelder: Finanzen, Kindeswohl, Gesundheit, Erfolg... Gerade erst war mein neuer Roman erschienen, da war alles blockiert. Absagen ersetzten Anfragen. Die Buchmesse kam und kam doch nicht, Preise rauschten vorbei, Freunde zogen sich zurück, die schulpflichtige jüngste Tochter vereinsamte vorm Computer.

"Alles umsonst" war nun der Satz meiner schlaflosen Nächte.

Dann folgte ein lauer Sommer der Dankbarkeit, die Grenzen öffneten sich, im Süden durchtanzten wir zu zweit die Nächte. Alles war scheinbar wie immer. Aber die Sonne senkte sich wieder und die Infektionsrate stieg. Da kaufte ich mir ein neues Bett, stellte es in einen anderen Raum, legte mich hinein und schlief zum ersten Mal durch. Nun glaube ich wieder - nicht nur an Feng Shui.

"Ich war's nicht, Corona ist es gewesen", ist jetzt mein Mantra. Es ist, als hätte das Virus alle meine Schuldgefühle ausgelöscht.

Sechs Stunden Nachtschlaf beschenken mich mit einem ungeahnten, mir unbekannten Pragmatismus. Mein Dasein als Sorgenstaubsauger hat ein Ende. Beim Einschlafen lausche ich in die Stille der Nacht, deute die Dunkelheit in "Hygge" um - ein nordisches Modewort für die altbekannte, verstaubte Gemütlichkeit - bevor mir die Augen zufallen. Bei Tage lüfte ich mein Schlafzimmer, ehe ich die Wohnung verlasse und in schnellen Schritten, mit nie gekanntem Elan die Stadt durchquere. Auch die viele Frischluft macht mich nun angenehm müde. Ich bin ein anderer Mensch geworden. Umgänglicher, wie meine Freunde behaupten.

Wenig passiert in den eigenen vier Wänden. Nichts wird verpasst in der Welt, oder alles. Wir können im Moment nichts ändern. Das beste, was ich tun kann, ist, mich still zu verhalten, mich auf mein Schreiben zu konzentrieren. Der Kulturbetrieb schläft. Die Kunst liegt hinter hohen Hecken im Vorwinterschlaf. Kein Kino kann mich in seine dunklen Säle locken. Kein Theater, kein Konzerthaus bringt Licht in meine gleichförmigen Tage. Einzig das Schreiben schützt mich vor der endgültigen Einschläferung.

Kein Brot backen, keine Briefe schreiben, nicht gärtnern

Das Telefon schweigt, im E-Mail-Eingang findet sich nichts als Werbung. Die Post mit den Kontoauszügen bleibt ungeöffnet. Neben dem Schreiben treibt nur noch eines mich an: Auch den Rest der pandemischen Nächte so gut es geht zu verschlafen. Ich werde kein Brot backen, keine Briefe schreiben, nicht gärtnern, nicht noch mehr turnen oder trinken. Aber auch nicht weniger. Ich will die kommenden stillen Tage ausgeruht meistern, will Trauer nicht mehr mit Wut verwechseln und viel Optimismus ausstrahlen. Und während ich das schreibe, muss ich an die Menschen in den Krankenhäusern denken, an die Patienten im künstlichen Schlaf und an ihre Helfer, die Ärzte und Pfleger, die seit Monaten ihren Schlaf in der Nacht opfern.

Jetzt gibt es Hoffnung. Das Licht, blitzt es nicht gerade wieder auf? Eine erste Rettung ist angekündigt.

Schon vernehme ich das Getrappel der Hufe des Schimmels, auf dem sich der Märchenprinz dem Schloss nähert. Gleich hagelt es wieder Ohrfeigen, gleich werden wieder Hühnchen gerupft, gleich macht ein neuer König mit seinem Hofstaat wieder Politik. Und die Horden feiern wieder.

Hoffentlich lässt sich der Prinz noch etwas Zeit.

Eva Sichelschmidt, geboren im Ruhrgebiet, lebt seit dreißig Jahren in Berlin. Im Januar erschien ihr neuer Roman "Bis wieder einer weint".

© SZ/gor
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