"Confession" im Kino Wie eine Improvisation auf dem Gemeindehausklavier

Auch bei den Dreharbeiten zu "Confession" fielen Dinge vor, ordnungsgemäß. In Regensburg warfen der mittlerweile 34-jährige Doherty und Filmpartner August Diehl zur Faschingszeit das Schaufenster eines Plattenladens ein, stahlen eine Gitarre und eine Schallplatte (was braucht man mehr?), blieben aber straffrei.

Außerdem habe er am Filmset regelmäßig Heroin genommen, mit Wissen der Regisseurin, erzählte Doherty kürzlich dem Guardian: "Es war ihr eigentlich egal. Die Frage war immer nur: Wie schnell finde ich eine Vene, damit wir weiterdrehen können?"

Wie egal Verheyde das war, darüber kann man nur spekulieren. Gut, dass "Confession" überhaupt fertig geworden ist. Schlecht, dass ihr Zugpferd seit vier Jahren keine Platte mehr gemacht hat, zuletzt schon eher krampfhaft in die Schlagzeilen gehoben werden musste.

Und so gerne man ihn gegen die Buhrufe in Schutz nehmen würde, die es in Cannes gegen "Confession" gab: Wenn die Libertines 2002 Rock 'n' Roll waren, dann ist Pete Dohertys Schauspieldebüt eher eine knapp zwei Stunden lange, einhändige Improvisation auf dem Gemeindehausklavier.

Die Geschichte, wie im Buch von 1836: Als junger Pariser Edelmann wird Doherty (der in den Credits förmlich "Peter" heißt) von der Freundin betrogen, rutscht in Exzess und Hedonismus, findet dann bei einer Landpartie die große, wahre, brave Liebe.

Erschwerend kommt hinzu, dass diese von Charlotte Gainsbourg gespielt wird, die bei der ersten Begegnung auf einem verschneiten Waldweg eine kleine weiße Ziege streichelt. In dieser Szene steckt auch schon das komplette Problem des Films. Gainsbourg, eine der besten, Lars-von-Trier-gestählten europäischen Schauspielerinnen - als Sparringspartnerin für den Junkie-Debütanten. Kann es gut sein, dass wir sofort an Kate Moss denken? Und, nun ja, ein Zicklein im Schnee. Der Engländer würde energisch rufen: Come on!

An anderer Stelle muss Doherty Sätze sagen wie: "Ich habe zu erzählen, bei welcher Gelegenheit mich die Krankheit des Jahrhunderts befiehl." Muss dazu pausbäckig, triefäugig und ungekämmt in Zimmern umhergehen, starrend, laut atmend. Dass der Künstler beim großen Leinwanddebüt oft wie ein krankes Kind im Arztwartezimmer wirkt, liegt nicht bloß an mangelndem Spieltalent, sondern daran, dass "Confession" überhaupt eine gewaltige Schlagseite hat.

Umständlich eingebaute Bezüge zur Finanzkrise

Lasche Dramaturgie, Schultheater-Dialoge, teilweise konfuse Kameraführung. Verheyde will aus dem De-Musset-Buch unbedingt eine Art Fieberkurve der Gegenwartsjugend machen, baut umständlich Bezüge zur Finanzkrise ein. Vergisst aber, ihrem wertvollen, hilflosen Star die Hand zu reichen, die er als Kinodebütant gebraucht hätte.

Und so wird die Hauptfigur in "Confession" die erste Rolle, an der Pete Doherty scheitert. An der er scheitern muss. Nicht etwa, weil er sich selbst spielt, das hat er ja lange genug geübt, nach eigenen Regeln, mit einer streng privaten Version von Authentizität. Viel schlimmer: In Sylvie Verheydes Film muss er der Doherty sein, den die anderen zu sehen glauben. Eine Karikatur in Gehrock und Rüschenhemd, ein Clown, der sich in einer Szene ernsthaft als "der größte Libertin von Paris" bezeichnen muss. Libertin wie in Libertines.

Mike Leigh hätte ihn einen Supermarktverkäufer spielen lassen. Werner Herzog einen Engel oder Vampir, Judd Apatow einen trotteligen Polizisten. Das hätte Spaß gemacht, vielleicht eine neue Ebene eröffnet. Aber dass Pete Doherty, der Risikokünstler und romantische Punk-Eulenspiegel, noch mal einen Film drehen wird, das ist nach dieser Pleite eher unwahrscheinlich.

La confession d'un enfant du siècle, F/D/GB 2012 - Regie und Buch: Sylvie Verheyde. Kamera: Nicolas Gaurin. Mit Pete Doherty, Charlotte Gainsbourg, August Diehl. Verleih: Farbfilm, 120 Min.