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Comics als Vorläufer der Bürgerrechtsbewegung:"Die Tea Party ist zu einer irrationalen Kraft in der US-Politik geworden"

Cruse: Nein, sie hat sich aus dem konservativen Flügel der Republikaner entwickelt, der von einer Hysterie angetrieben wird. Eine Hysterie, die sich allein um die Reduzierung des Staatsdefizits dreht und die Einschränkung aller sozialen Projekte der Regierung einfordert. Derzeit verhindert die Tea Party aktiv Regierungsprojekte zur Schaffung von Arbeitsplätzen, wie sie Franklin D. Roosevelt mit seinem New Deal während der Großen Depression einführte. Die Leute haben eine solche Angst vor dem Zorn der Tea Party, dass Politiker kein Geld für Projekte zur Verbesserung der Infrastruktur bewilligen. Solange man die Öffentlichkeit in einem hysterischen Zustand belässt, werden sinnvolle Dinge nicht durchsetzbar sein. Die Tea Party ist zu einer äußerst irrationalen Kraft in der amerikanischen Politik geworden.

StuckRubberBaby - nur für die aktuelle Produktion! Howard Cruse

Ein Auszug aus "Stuck Rubber Baby".

(Foto: Cruse / Cross Cult)

sueddeutsche.de: Sehen Sie die "Occupy Wall Street"-Bewegung als linke Gegenbewegung zur Tea Party?

Cruse: "Occupy Wall Street" ist wesentlich basisdemokratischer als es die Tea Party je war. Dennoch bin ich mir sicher, dass es eine Vielzahl von Reichen geben wird, die Wege finden, die Bewegung zu ihrem eigenen Vorteil zu nutzen. Die Geschichte wird zeigen, ob die Bewegung Erfolg haben wird, ob sich genug Wut gegen die ungleiche Verteilung von Geld aufgestaut hat, um eine Veränderung zu erzwingen.

sueddeutsche.de: Reden wir abschließend noch über einen anderen wichtigen Moment in der amerikanischen Geschichte. Welche Auswirkungen hatte der 11. September 2001 in diesem Zusammenhang auf Amerika?

Cruse: Die Reaktionen auf 9/11 haben sehr viele positive Beispiele gezeigt. In den ersten Tagen und Wochen nach den Anschlägen konnte man das Mitgefühl für die Menschen, die ihre Lieben verloren haben, förmlich sehen. Einer der Parks in New York City wurde zu einer Gedenkstätte mit Schildern, Fotos, Kerzen und Blumen, welche die gemeinsame Trauer repräsentierten. Die meisten wollten dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit bewahren, doch hatten wir leider einen Präsidenten, der die Möglichkeit sah, einen Krieg gegen Afghanistan und letztendlich gegen den Irak zu führen. Meine Erfahrung sagte mir, dass es sinnlos sei, gegen den Afghanistan-Krieg zu protestieren. Die Wut war nach dem 11. September einfach zu groß und al-Qaida war offensichtlich eine Bedrohung, gegen die vorgegangen werden musste. Doch es gab keine weitläufige Überzeugung gegen den Irak vorzugehen. Diese Situation wurde allein von Politikern erzeugt, indem sie die öffentliche Meinung manipulierten.

sueddeutsche.de: Wie haben Sie den 11. September damals in New York erlebt?

Cruse: Eddie und ich lebten noch in Queens, aber wir saßen gebannt vorm Fernseher, wie so viele andere damals. Als wir aus unserem Apartment sahen, konnten wir am Himmel den Rauch des Word Trade Centers sehen. Es war eine angsteinflößende und alarmierende Zeit, weil niemand wusste, ob wir jeden Moment weitere Angriffe zu erwarten hatten. Außerdem hatten wir Freunde, die in der Nähe von Ground Zero wohnten und auch Verwandte, die in den Gebäuden arbeiteten.

sueddeutsche.de: In Stuck Rubber Baby zeigen Sie, wie aus Schwulen und Afroamerikanern Sündenböcke gemacht werden. Ist der Muslim zum Sündenbock unserer Zeit geworden?

Cruse: Da muss ich Ihnen zustimmen. Wir stecken in zwei Kriegen gegen muslimische Länder fest. Egal welche Absicht wir haben, es ist schwierig diese Tatsache nicht als Krieg gegen den Islam selbst zu sehen. Erinnern Sie sich noch an die Hysterie über die sogenannte Ground-Zero-Moschee? Letztendlich wurde das Projekt durch irrationale Wut eingestellt. Die Einsprüche gegen die Moschee hatten überhaupt keine reale Begründung. Gute Menschen wurden davon abgehalten, sinnvolle Dinge zu tun und das nur wegen nicht nachvollziehbaren Schuldzuweisungen.

HOWARD CRUSE: Stuck Rubber Baby. Aus dem Amerikanischen von Andreas C. Knigge. Mit einem Vorwort von Alison Bechdel und einem Nachwort von Andreas C. Knigge. Cross Cult Verlag, Ludwigsburg 2011. 240 Seiten, 26 Euro.

© sueddeutsche.de/SZ vom 15.11.2011/gr/pak
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