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Münchner Kammerspiele per Livestream:Phishing for compliments

Flüstern in stehenden Zügen
Münchner Kammerspiele

Dies ist nur eine kurze Szene - aber davon wird sich der Protagonist den Rest des Abends nicht mehr erholen.

(Foto: Katarina Sopcic/Münchner Kammerspiele)

In dem neuen, absurden Stück von Clemens J. Setz versucht ein Nerd, mit all den namenlosen Internet-Betrügern ins Gespräch zu kommen. Es wurde jetzt in München uraufgeführt.

Von Christine Dössel

Gleich zu Beginn sehen wir den Protagonisten an den üppigen Brüsten einer Frau nuckeln (nein, es sind keine echten). Es ist nur eine kurze Szene, aber davon wird er sich für den Rest des Abends nicht mehr erholen. Der Rahmen für das Bild, das sich ein Mensch bekanntlich in den ersten drei Sekunden von seinem Gegenüber macht, ist gesetzt, und der Protagonist - er heißt C. - tut auch in den folgenden siebzig Minuten nichts, diesen ersten Eindruck zu revidieren. Er ist und bleibt der bedürftige Milchbubi, als der er eingeführt wird, ein pathologischer Fall. Als solcher steckt er tatsächlich in einer Art Gummizelle oder Krankenzimmer. Die Wände, gegen die er anrennt, sind weich. Hart ist nur das Leben, aber das findet ganz woanders statt.

"Flüstern in stehenden Zügen" heißt das Stück des Grazer Autors Clemens J. Setz, das aus dem Werkraum der Münchner Kammerspiele nun per Livestream zur Uraufführung kam. Die Abkürzung C. des Protagonisten könnte für Clemens stehen, aber auch für Computer-Nerd. Dies ist nämlich kein Stück über die Deutsche Bahn, sondern über einen etwas durchgeknallten Typen, der sich einen Spaß daraus macht, auf die Spam-und Phishing-Mails zu reagieren, die seinen Account fluten.

Den Abzockern steht die perverse Lust am Telefonstreich gegenüber

C. ruft die dubiosen Kundenhotlines an, deren Nummern in Spam-Mails angegeben sind, und landet in den Callcentern dieser Welt, bei Menschen aus Bukarest, Spanien oder Weißrussland, die sich Dorina, Anton oder auch mal Ulrich Müller nennen und so tun, als arbeiteten sie für Microsoft oder einen Stromanbieter. Ihr gebrochenes Deutsch ist C. jedes Mal einen Kommentar oder ein falsches Lob wert. Mit sarkastischer Freude und vorgetäuschter Gutgläubigkeit lässt er sie ihre Formeln abspulen, und wenn sie Benutzernamen, Passwörter, Telefon- und Kreditkartennummern abfragen, geht er zum Schein darauf ein. Es ist eine perverse Lust, die ihn antreibt, den Abzockern die Geschichte vom Pferd zu erzählen - oder vom Esel im Park. Er lügt, was das Zeug hält, behauptet, sein Vater sei an Maschinen angeschlossen, lässt seine Mutter bei einer Explosion sterben. Die gefoppten Callcenter-Leute legen dann sehr schnell auf.

Flüstern in stehenden Zügen
Münchner Kammerspiele

Komischer Vogel: Bekim Latifi als Protagonist namens C. in "Flüstern in stehenden Zügen".

(Foto: Patrick Orth/Münchner Kammerspiele)

Clemens J. Setz, als Roman- wie als Dramenautor ein Spezialist für Groteskes, menschlich Absurdes, hat sein Stück über die Betrugsmaschen des Internets noch vor der Corona-Pandemie geschrieben. Aber man kann es auch als Lockdown-Stück lesen, als Zwangsneurose unter verschärften Isolationsbedingungen. C. geht es bei seinen Anrufen nicht nur um Pranking, er will tatsächlich mit den Hotline-Abzockern ins Gespräch kommen, ihre roboterhafte Routine durchbrechen, ihnen etwas Menschliches entlocken. Daher die ständigen Fragen nach ihren Namen oder die persönlichen Details, die er ihnen erzählt ("Bei Regen kann ich nie einschlafen") oder Aufforderungen wie: "Hallo? Sag mal was in deiner Sprache."

Der Kameramann hat auch "Toni Erdmann" gedreht

Die Uraufführung an den Kammerspielen hat der 1979 in Pristina geborene Filmregisseur Visar Morina inszeniert, zuletzt gefeiert für sein klaustrophobisches Drama "Exil" (2020) mit Mišel Matičević und Sandra Hüller. "Flüstern in stehenden Zügen" ist seine erste Theaterarbeit - und nun ist coronabedingt doch wieder ein Film daraus geworden, wenn auch live gespielt. Setz' Stück, ein verkappter, von Telefonstimmen durchbrochener Monolog, eignet sich gut für dieses Format, und der Kamerafachmann Patrick Orth ("Toni Erdmann") schafft künstlerisch einnehmende Bildperspektiven - teils auch hochformatig à la Instagram -, die erst spät den ganzen, mit Stofflaken ausgekleideten Raum zeigen, in dem das Stück spielt.

Das ist gut, denn sobald man die quietschgelbe Bühne von Aleksandra Pavlović als Ganzes sieht, mutet sie doch sehr schülertheaterhaft simpel und grobstofflich an. Obwohl das Gelb natürlich sehr schön und hoffnungsvoll ist, von einem Draußen kündend, das in dieser Box komplett ausgeschlossen ist. "Die Sonne ist so dermaßen schön heute. Wenn das meine Mutter sehen könnte, sie wäre stolz auf den Planeten", sagt C. einmal und lobt "die Pracht" draußen: "Alles getränkt in Eucharistie." Das sind so Satzperlen, die den allzu redundanten, gottlob gut eingekürzten Text dann doch manchmal in eine andere Dimension erheben. Denn oft droht er in der Telefonschleife stecken zu bleiben.

Flüstern in stehenden Zügen
Münchner Kammerspiele

Eine Isolationsgeschichte - rechts Leoni Schulz als personifizierte Telefonstimme.

(Foto: Katarina Sopcic/Münchner Kammerspiele)

Man schaut trotzdem gerne zu, ist ja nur eine Stunde, und der junge Schauspieler Bekim Latifi ist stark und keck genug, das Stück zu tragen. Das muss er auch, schließlich hat der Regisseur die Telefonstimmen bis auf die wenigen, die eine Avatar-gespenstige blonde Frau (Leoni Schulz) übernimmt, gestrichen. Dadurch wirkt C. wie ein Patient, der Selbstgespräche führt. In einem roten Schlafanzug. Anfangs baumelt er in einem triangelförmigen Ding in der Luft, das ausschaut wie einer dieser Haltegriffe an Krankenhausbetten. Was für ein seltsamer Vogel. Gackert wie ein Huhn durch seine Zelle, verpuppt sich wie eine Raupe, säuselt, winselt, brüllt und schreit. Leoni Schulz hat es da viel schwerer, so steif-analog, wie Morina sie zwischen gespannten Plastikfolien in einem Rahmen präsentiert, der wohl ein Display symbolisieren soll. Zwar tritt sie am Ende heraus, in eine echte Kommunikation, aber erlösend ist das nicht.

Man schaut C. zu wie einer Ratte im Labor. Interessiert, aber ohne Empathie. Das Ganze ist ohnehin nur eine Theaterersatzdroge. Und die Wirkung ganz schnell vorbei.

Weitere Livestream-Termine: 9. und 25. Februar.

© SZ/jsl
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