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Theater und Politik: "Aktion 40 000":Seid umarmt, Volksvertreter

Staatstheater Hannover

Der niedersächsische Finanzminister Reinhold Hilbers (CDU) mit der Schauspielerin Irene Kugler. Zur "Aktion 40 000" gehört es, dass die Dialogpartner am Ende ein gemeinsames Bekenntnis formulieren.

(Foto: Staatstheater Hannover)

Warum es schön und sinnvoll ist, wenn Theaterleute Politikern ihre Arbeit erklären - im Einzelgespräch.

Von Christine Dössel

Zum Beispiel Boris Pistorius und Hajo Tuschy. Der eine, 60, ist Minister für Inneres und Sport in Niedersachsen (SPD), der andere, Mitte 30, Schauspieler am Staatstheater Hannover. Die beiden kennen sich nicht und haben eigentlich auch nichts miteinander zu tun. An diesem Tag treffen sie zum ersten Mal aufeinander, per Videoschaltung auf Zoom. Pistorius sitzt als Home-Officer in einem Zimmer mit Dachschräge, er trägt ein Hemd ohne Krawatte, hinter ihm ein schmales Bücherregal. Auch Tuschy - Nerd-Brille, schwarzes Shirt, Kahlkopf - sitzt bei sich daheim vor dem Bildschirm, im Hintergrund eine Tür.

Es ist ein Vier-Augen-Gespräch, zu dem die beiden sich verabredet haben. Als die Berichterstatterin sich dazuschalten darf, haben sie schon eine Dreiviertelstunde miteinander geredet: über ihren je eigenen Werdegang, ihre berufliche Tätigkeit, über die Bedeutung und Bedingungen von Kunst und Kultur. "Wir waren uns darin einig, dass Theater in allen Formen jetzt wichtiger ist denn je", berichtet der Schauspieler Tuschy und fragt: "Das lege ich Ihnen doch nicht in den Mund, Herr Pistorius?" Darauf dieser: "Ganz und gar nicht. Es ist schon lange meine Sorge, dass wir nach Corona angesichts der gewaltigen Belastung der öffentlichen Haushalte wieder einmal Gefahr laufen, als Erstes bei den freiwilligen Leistungen zu sparen. Da ist Kultur an oberster Stelle gefährdet. Das darf nicht passieren."

Der Innenminister muss nicht davon überzeugt werden, dass Theater "etwas Elementares" ist

Was sich anhört wie ein konspiratives Treffen zur Planung einer kulturpolitischen Konterrevolution, ist Teil der Aktion "40000 Theatermitarbeiter*innen treffen ihre Abgeordneten". Das ist eine Initiative des Bundes der Szenografen, der Dramaturgischen Gesellschaft und des Ensemble-Netzwerks, 2016 ins Leben gerufen, um einen Dialog zwischen Kultur und Politik in Gang zu bringen. Die Zahl 40000 bezieht sich auf die ungefähre Anzahl der Menschen, die in Deutschland fest angestellt an Stadt- und Staatstheatern arbeiten. Im direkten Austausch mit den politischen Entscheidungsträgern sollen sie aus eigener Erfahrung von den speziellen Arbeitsweisen und Rahmenbedingungen an den Theatern erzählen. Seit 2016 hat es bundesweit bereits mehr als tausend Treffen mit Abgeordneten gegeben, auf Bundes-, Landes- wie auf kommunaler Ebene.

In Hannover haben sich nun Mitglieder des Schauspiels und der Oper auf eigene Initiative an dieser Langzeitoffensive beteiligt und es geschafft, 60 Einzelgespräche mit Landtagsabgeordneten zuwege zu bringen - überwiegend per Video-Meeting, aber auch in persönlichen Treffen, unter Einhaltung der coronabedingten Hygienebestimmungen. Es ist die bisher größte Aktion dieser Art, der halbe Landtag macht mit, dieser Tage sogar auch noch Ministerpräsident Stephan Weil (SPD). Am Staatstheater Hannover sind sie ein bisschen stolz - und überwältigt vom immensen Teilnahmewillen der Politik. Wobei man dazusagen muss: In Niedersachsen stehen 2022 Landtagswahlen an.

Aber zurück in den Chat von Boris Pistorius und Hajo Tuschy. Der Innenminister, vormals Oberbürgermeister von Osnabrück, nennt sich einen "regelmäßigen Theatergänger, keineswegs nur Oper". Dass Theater "kein Nice-to-have" ist, nicht "die Kirsche auf der Sahne", sondern "etwas Elementares, das Gesellschaft ausmacht und formt, wichtig auch für eine Demokratie", davon musste der Schauspieler Tuschy sein Gegenüber nicht erst überzeugen. Pistorius ist lange genug im Politgeschäft, um zu wissen, wie in den anstehenden Spardiskussionen wieder einmal Sport oder Soziales gegen Kultur ausgespielt werden: "Da muss man aufpassen, und ich werde aufpassen."

Ein Innenminister, der verspricht, wachsam zu sein und sich - zumindest als Abgeordneter - für Kultur stark zu machen, das ist vielleicht tatsächlich schon ein Gewinn. Wagt man es, den Gesprächen zwischen Politikern und Künstlern eher nur einen ideellen Wert zuzusprechen, reagiert Pistorius sehr entschieden: "Das ist ein hoher Wert!" Viele Abgeordnete hätten noch nie die Gelegenheit oder Affinität gehabt, mit Kulturschaffenden in einen Austausch zu treten. Man könne dadurch eine Menge lernen, habe somit in den politischen Diskussionen "ein anderes Gespür, auch ein anderes Bild und redet nicht nur ,über die'".

Ähnlich argumentiert auch der CDU-Landtagsabgeordnete Burkhard Jasper, stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Wissenschaft und Kultur, im Video-Plausch mit der jungen Schauspielerin Amelle Schwerk. Der theateraffine Osnabrücker hat 2016 schon in seiner Heimatstadt an der ersten "Aktion 40 000" teilgenommen und sieht den Wert darin, "uns als Kulturpolitiker in der Argumentation zu unterstützen". Es sei ein Unterschied, ob man zu einem Thema "nur etwas liest oder tatsächlich Menschen trifft". Ihn habe die Aktion damals "ermuntert, mich massiv für die kommunalen Theater einzusetzen" (was er tatsächlich getan hat).

Staatstheater Hannover

Die Schauspielerin Amelle Schwerk im Video-Chat mit dem CDU-Landtagsabgeordneten Burkhard Jasper.

(Foto: Staatstheater Hannover)

Amelle Schwerk freut das "total". Die 27-Jährige gehört zum fünfköpfigen Organisationsteam, das die Politik-Schauspiel-Begegnungen initiiert hat. Sie sagt, sie wollten auf keinen Fall ein Polit-Bashing oder eine Warum-helft-ihr-uns-nicht-Klage anzetteln, "sondern wirklich einen Austausch". Viele Politiker wüssten nichts über den künstlerischen Beruf. Etwa, dass Schauspieler auch tagsüber arbeiten, dass sie befristete Verträge haben und mitnichten Star-Gehälter verdienen. "Es ist der Versuch, über unsere Situation aufzuklären." Für Schwerk geht es dabei ganz konkret auch um die eigene Zukunft.

Die Schauspielerin macht keinen Hehl daraus, wie "mega aufgeregt" sie war. Sich eine Stunde lang in Vier-Augen-Gesprächen mit Politikern zu treffen, "da kompetent zu sein und die richtigen Fakten parat zu haben", sei keine Kleinigkeit. Zur Vorbereitung haben die Beteiligten - darunter auch Tänzer, Sängerinnen, Assistenten und eine Souffleuse - viel diskutiert und einen Workshop gemacht.

"Wir müssen lauter werden", sagt ein junger Opernsänger

"Wir müssen insgesamt lauter werden und Lobbyisten unserer selbst sein", findet der junge Opernsänger Uwe Gottswinter, auch er Teil des Vorbereitungsteams. Im Zoom-Gespräch mit der Grünen-Abgeordneten Eva Viehoff argumentiert er versiert und steigt mit ihr tief in die Materie ein, zum Beispiel auch in die Problematik von Solo-Selbständigen. Auch hier sind sich zwei sehr einig, Viehoff ist in ihrer Fraktion Sprecherin für Kultur, eine Kontroverse gibt es nicht. Im Gegenteil, die 63-Jährige erzählt offen, wie sie vor einer Rede im Parlament den Tränen nahe war und einen "emotionalen Ausbruch hatte, den ich mir nicht so oft erlauben kann", weil die Corona-Situation in der Kultur und die Nicht-Reaktion der Politik sie so mitgenommen hatten. Im VW-Land Niedersachsen werde die Kunst neben der Großindustrie sehr schnell mal vergessen. Die Nöte einer Oppositionspolitikerin, auch sie treten im Dialog zum Vorschein.

Staatstheater Hannover

Zwei, die sich einig sind: Eva Viehoff von den Grünen und der Opernsänger Uwe Gottswinter.

(Foto: Staatstheater Hannover)

Dass hier keine (Peer-)Gruppen aufeinandertreffen, sondern zwei Menschen face to face, zwar via Bildschirm, aber dafür ohne Maske, erzeugt eine große Nähe und Konzentration. Ausweichen geht nicht. Man muss sich tatsächlich zuhören, aufeinander einlassen. "Im Grunde ist das ja eine Umarmungsaktion, mit Charme und einer gewissen Cleverness", sagt die hannoversche Schauspielintendantin Sonja Anders. Letztendlich ziele die Aktion, wie das Theater auch, auf Katharsis: "dass man sich öffnet und da was in sich reinlässt". Also dass zum Beispiel Finanzminister Reinhold Hilbers (CDU), der ebenfalls teilnahm, die ihm zugeteilte Schauspielerin Irene Kugler ein Stück weit in sich hineinlasse, "und da drinnen" - das sei ein wenig trojanisch - "wütet sie dann und bringt ihn durcheinander". Im Idealfall.

In der Faktizität der Politik, das hat der Finanzminister klargemacht, führt kein Weg an Budgetkürzungen vorbei. Wie drastisch sie in Hannover im Kulturbereich ausfallen werden, ist noch nicht abzusehen. Aber Sonja Anders ist sich sicher: Wenn das Kabinett Ende Februar zum ersten Mal über den Haushalt berät, wird der Austausch mit dem Theater als Erfahrungswert eine Rolle spielen. Zumindest dahingehend, dass die Abgeordneten dann wissen, "dass es Menschen sind, die man kürzt, keine abstrakte Größe". Gute Gründe, die "Aktion 40 000" andernorts weiterzuführen.

© SZ/kni
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