Anton Bruckner in der Sagrada Família:Kometensturz ins Licht

Reinhard Brembecks Kritik von Christian Thielemann in der Sagrada Familia

Antoni Gaudís Rausch aus Licht, die Sagrada Família in Barcelona, darin die Wiener Philharmoniker unter Christian Thielemann.

(Foto: Pep Daudé. J.C.S.F)

Wie klingt die Sagrada Família? Christian Thielemann und die Wiener Philharmoniker probieren es mit Anton Bruckners vierter Sinfonie. Ein Treffen der Giganten.

Von Reinhard J. Brembeck

An katholischen Festtagen werden in Katalonien Menschpyramiden, "castells", also Burgen, gebaut. Da drängen sich ganz normale Frauen und Männer, die "castellers", eng in einer kreisrunden Basis zusammen, dann steigen einige von der Mitte aus auf die Schultern ihrer Genossinnen, und so geht das höher und höher und höher. Der Rekord liegt bei zehn solcher Menschenstockwerke, auf die Spitze klettert zuletzt ein Mädchen oder ein Junge mit Helm, reißt eine Hand hoch und ganz unspektakulär schnell wird die Menschenpyramide wieder abgebaut. Ungefährlich ist dieser Volkssport nicht, manchmal bricht das Castell plötzlich zusammen, immer steht mindestens ein Krankenwagen daneben. Die Castells werden als Symbol für die katalanische Zähigkeit gedeutet, als Ausdruck des ausgeprägten Gemeinsinns der Katalanen, ihrer Fähigkeit zu visionär pragmatischen Entwürfen. Sie sind aber auch eine kaltblütig ausgeführte Himmelsstürmerei, ein irrwitziges Unterfangen. "Seny i rauxa", Rausch und Besonnenheit, das katalanische Tugendduo, verwirklicht sich hier in Reinform.

Die alte Kunst des Castell-Bauens kommt aus dem westlichen Katalonien, wo auch die alte Bürgerstadt Reus liegt. Die ist nicht nur die Hochburg der Wermutproduktion, des Nationalgetränks der Katalanen, hier wurde 1852 der Jugendstilarchitekt Antoni Gaudí geboren, der bekannteste Vertreter des mit Naturformen, Glas und Licht agierenden Modernisme. Gaudí, der 1926 starb, kannte sehr wohl die Kunst der Castellers. Das beweist sein tollkühnstes und wahnsinnigstes Projekt ("seny i rauxa"!), die immer noch nicht vollendete aber seit der Weihe 2010 genutzte Jungendstilkitschriesenkirche Sagrada Família in Barcelona. Noch immer wird am zentralen Turm und an der Hauptfassade gearbeitet. Hier wachsen die barock vegetativ überbordenden Türme und Säulen direkt in den Himmel. Wer auch nur einmal den Bau eines katalanischen "castell" erlebt hat, der hat in diesem unendlich hohen, aber gar nicht so großen und zudem hellbunten Kirchenraum unabweislich das Gefühl, dass Gaudí hier vor allem dieser Lieblingsbeschäftigung seiner Landsleute ein Denkmal gesetzt hat.

Ansfelden liegt 1730 Kilometer von Reus entfernt. In Ansfelden wurde ein anderer Himmelsstürmer geboren, Anton Bruckner, der Großmeister gigantisch langer Sinfonien, von denen er acht und drei Viertel fertiggekriegt hat bevor er 1896 starb, einige in mehreren Versionen. Die vierte ist eine der populärsten, sie dauert 80 Minuten, gespielt wird meistens die zweite Version, die Bruckners Erfolg als Komponist einleitete. Die hatten jetzt auch Dirigent Christian Thielemann und die Wiener Philharmoniker in Barcelona dabei, neben einem neuen Stück von Samy Moussa mit dem Titel "Elysium". Denn die Wiener Musiker wollten unbedingt wissen, wie das so ist, wenn sich zwei katholische Himmelsstürmer wie Gaudí und Bruckner persönlich treffen, beide liegen vom Alter her nur eine Generation auseinander, beide stehen für eine grundsätzliche Neuorientierung in ihren Künsten.

Diese Fantasiekirche packt den Klang in Watte, lässt kaum Feinheiten zu

Also machten die Wiener Philharmoniker das Unvermeidliche, sie musizierten Bruckners Vierte in Gaudís Sagrada Família, die kurz nach der Uraufführung von Bruckners Vierter 1881 konzipiert wurde. Das verbindet, auch wenn die 1700 Kilometer Distanz immer spürbar sind. Die Verbindung besteht darin, dass Gaudí wie Bruckner, das macht dieser Abend schnell klar, beide Sonnenanbeter sind. Licht, Helligkeit, Funkeln, Strahlen, Leuchten sind Kategorien, die für das Werk beider Künstler zentral sind. Schon Dante hat die Gottesschau in seiner "Comedia" mit einem Massenaufwand an Vokabeln bewerkstelligt, die alle ums Thema Licht kreisen. Auf Dante, den Großdichter des Christentums, können sich in diesem Punkt auch Gaudí und Bruckner berufen. Für weniger religiöse Menschen aber funktionieren diese Lichtmetaphern auch, da Licht in seiner Unbegrifflichkeit eine für jede und jeden verständliche Form von Transzendenz ermöglicht.

Die Sagrada Família hat einen monströs langen Nachhall, sehr viel länger als in einem Konzertsaal statthaft. Diese Fantasiekirche packt den Klang in Watte, sie lässt fast keine Differenzierung bei Feinheiten und Mehrstimmigkeit zu, sie verändert die Charakteristik ganzer Orchestergruppen. Die Bässe klingen prägnant und drohend wie eine höllische Trommelgruppe. Holzbläserpassagen erinnern an ein Harmonium. Pausen gibt es nicht, nur Nachhall. Die Celli klingen in der Höhe wie eine bisher noch nicht erfundene Instrumentenart. Manchmal hört sich das Orchester an wie eine entfesselte Orgel. Steigerungen, die leise beginnen und auf Fortissimo- oder Forte-Fortissimo-Eruptionen zuschleichen, machen von Anfang an einen furchterregenden Eindruck. Ist da ein Komet im Anflug, der gleich alles Erdenleben auslöschen wird? Werden die Mauern der Sagrada Família dem Klangsturm gewachsen sein oder urplötzlich bersten und Publikum wie die Fernsehleute samt ihren Kameras begraben? Nichts dergleichen geschieht. Die Wiener klingen nur lauter und entfremdeter und enthemmter als je in ihrer Geschichte.

Weil diese Sinfonie aber so ganz und gar entgrenzt klingt, so jenseits jeder gängigen Konzerterfahrung, wird plötzlich Grundsätzliches klar.

Dass Bruckner, der Dirigent Nikolaus Harnoncourt wies immer wieder darauf hin, nicht in die gängige Musikgeschichte gehört, nichts mit Beethoven und Brahms zu tun hat, sondern ein Fremdkörper ist, ein auf die Erde gestürzter Meteorit. Das Fremde ist immer zentral für die Kunst, bei Gaudí wie Bruckner kommt es als maximale Überwältigung daher, und das wird in diesem grandiosen Wettkampf zwischen Architektur und Musik erlebbar.

Qualität ist nur ein konservatives Argument gegen das Neue, Fremde und Kühne

Zudem wird in diesem Experiment das Verhältnis von Alltag und Kunst verhandelt. Alles was messbar ist, beherrschbar, ableitbar, all das hat in der Kunst nichts zu suchen. Gaudí wie Bruckner vertreten mit ihrem Werk diese These. Nur die Überwältigung zählt, der Bruch mit Konventionen und Geschichte, die Kühnheit des Gedankens, die Stimmigkeit der Vision. Bruckners Vierte wie Gaudís Sagrada Família sind Musterbeispiele für diese Ästhetik. Die Idee ist beiden Künstlern wichtiger als die Frage der Ausführung, die Vision schlägt das Handwerk um Längen. Die so oft beschworene Qualität ist immer nur ein konservatives Argument gegen das Neue und Fremde, gegen das Ungewohnte und Kühne.

Weil aber die Idee über dem Handwerk steht, kann sich Bruckners Sinfonievision auch unbeschadet aus dieser Nachhallorgie in der Sagrada Família herausschälen. "Seny i rauxa", das hätte Bruckner ohne Nachzudenken unterschrieben. Und Gaudís für die menschliche Ewigkeit gebaute Licht-Farb-Menschpyramiden-Kirche hilft Bruckners Musik bei diesem Herausschälen, das auf das Wesentliche dieser Klangkunst zielt.

Großer kurzer Jubel. Danach stehen die Zuhörerinnen noch lange in der Sagrada Família und staunen über die bunten Lichtspiele der Fenster und die irrsinnig lichte Höhe des Raums mit seiner zum Himmel drängenden, warmen Intimität. Die Musik ist in der Zeit verklungen, sie hallt nur noch in der Erinnerung nach. Gaudís Vision aber ist in Beton gegossen und damit der Zeit entwunden. So formuliert diese Ausnahmeaufführung nebenbei noch einen Imperativ an alle Künstler: Seid hemmungslos!

© SZ/masc
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