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Chorsingen und Corona:"P! T! K!"

Berliner Domkantorei

Die Berliner Domkantorei 2019, noch in coronafreien Zeiten.

(Foto: Christian Muhrbeck)

Chöre sind in Zeiten von Corona als besonders üble Virenschleudern verschrieen. Neue Untersuchungen zeigen allerdings, dass das so nicht ganz stimmt.

Am 13. März wurden alle Konzertsäle in den Niederlanden geschlossen. Für den Gemengd Koor aus Amsterdam war das mindestens fünf Tage zu spät. Am 8. März hatte der Laienchor noch Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion im Concertgebouw gesungen. Die ersten Krankmeldungen kamen schon zur Generalprobe, 15 Chormitglieder konnten nicht mitsingen. In den Tagen danach ging es immer weiter.

Wie jetzt die niederländische Zeitung Trouw berichtet, hatten sich 102 der 130 Chormitglieder mit dem Coronavirus infiziert. Viele mussten auf Intensivstationen behandelt werden. Der Dirigent Paul Valk erkrankte mit schwerwiegenden Symptomen, genauso viele Musiker des Instrumentalensembles sowie die Solisten. Laut Trouw starben nach dem Konzert ein 78-jähriges Sänger und drei Angehörige von Chorsängern.

Auch in Berlin gab es einen Chor mit Corona: 60 von 80 Chormitgliedern der dortigen Domkantorei erkrankten, außerdem der Kantor und die Korrepetitorin. In den USA gab es in einem Chor in der Nähe von Seattle Corona-Fälle, zwei Chormitglieder starben.

Das Singen im Chor ist nicht nur eine musikalische, sondern auch eine hochsoziale Tätigkeit

Was in Amsterdam und Berlin passierte, ist derzeit das Schreckensszenario von Chorsängern und Chorleitern. Für Laien wie für Profis gleichermaßen. Denn wer singt, weiß: Ohne Nähe ist Chorsingen kaum machbar. Man steht eng zusammen, hört der eigenen Stimmgruppe zu, schaut der Nachbarin ins Notenblatt. Man atmet, viel und tief. Und man spuckt sogar. Kein Einsingen ohne feucht hervorploppende Plosive: "P! T! K!" Das alles in Probenräumen, die oft kleiner und schlechter belüftet sind, als man sich wünschen würde, mit Chorkameraden, die in Laienchören oft älter sind und somit zur Risikogruppe gehören. Das Durchschnittsalter des Amsterdamer Gemengd Koor liegt bei 50 Jahren. Das klingt nach einem Paradies für Viren.

Trotzdem: So plausibel der Verbreitungsweg Chorprobe wirkt, so unklar ist die Situation bislang noch für die Wissenschaft. Ob sich die Chormitglieder beim Singen infiziert haben, beim Begrüßen oder beim Plausch in der Probenpause, das lässt sich nicht zurückverfolgen. Das Singen im Chor ist nicht nur eine musikalische, sondern auch eine hochsoziale Tätigkeit. "Wir wissen von Ansteckungen in Chören und müssen diese ernst nehmen, solange wir die Gründe nicht genau einschätzen können", sagt Claudia Spahn. Zusammen mit dem HNO-Arzt und ausgebildeten Sänger Bernhard Richter leitet die Medizinerin das Freiburger Institut für Musikermedizin, das zum Uniklinikum und zur Musikhochschule von Freiburg gehört. Spahn und Richter haben eine Studie zur potenziellen Verbreitung von Viren beim Singen durchgeführt, indem sie untersucht haben, wie weit der Luftstrom beim Singen in den Raum vordringt. Das Ergebnis: gar nicht so weit. Beim Singen geht es nicht darum, so viel Luft wie möglich herauszupusten, sondern, im Gegenteil, nur einen geringen Luftstrom kontrolliert entweichen zu lassen. Zwei Meter von einer singenden Person entfernt war keine Luftbewegung mehr registrierbar, auch nicht beim Ausstoßen spuckegesättigter Konsonanten. Die Universität der Bundeswehr in München hat eine ähnliche Studie veröffentlicht: Luft werde beim Singen nur im Bereich bis zu einem halben Meter vor dem Mund in Bewegung versetzt. Konsonanten wurden hier allerdings nicht untersucht.

Vieles aber ist noch offen: Wie lange feinste Partikel, die sogenannten Aerosole in der Luft verbleiben und welche Rolle sie beim Infektionsgeschehen spielen

Seitdem hat das Freiburger Institut seine Empfehlung für Musiker aktualisiert: Statt zu drei bis fünf Meter wie noch vor einer Woche raten sie nun nur noch zu zwei Meter Abstand beim Singen. Vieles aber ist noch offen: Wie lange feinste Partikel, die sogenannten Aerosole, in der Luft verbleiben und welche Rolle sie beim Infektionsgeschehen spielen. Ob das tiefe Einatmen beim Singen das Risiko erhöht. Ob Laien- und Profichöre unterschiedlich stark betroffen sein könnten. "Wir müssen tagesaktuell neue Erkenntnisse berücksichtigen", sagt Bernhard Richter. Die Chorwelt, die sie um Rat frage, sei gespalten. Die einen hätten große Bedenken, einen Probenbeginn ins Auge zu fassen. Andere wollten unbedingt schnell wieder loslegen. Gerade Projektchöre mit nicht fest angestellten Sängern haben derzeit keinerlei Einnahmen. "Wir wollen als Wissenschaftler dazu beitragen, Risiken abzuschätzen", sagt Richter, "klare Handlungsempfehlungen zu geben, ist aber Sache der Politik." Bis Anfang Juni sind Chorproben durch die Kontaktsperre ohnehin noch verboten.

Bis es mehr Klarheit gibt, müssen die Chöre deshalb kreativ sein. Am Gärtnerplatztheater in München wird, wie an anderen Häusern auch, bereits wieder geprobt, allerdings im Home-Office. Chorleiter Felix Meybier verschickt dazu Audiodateien mit Hörbeispielen, das meiste aber bringen sich seine Sänger alleine bei. Wenn Gemeinschaftsproben wieder möglich sein werden, will er den gesamten Zuschauerraum nutzen, damit die Abstandsregelungen eingehalten werden können. Und für die Laien? Wären vielleicht Felix Mendelssohns "Lieder im Freien zu singen" eine Idee.

© SZ vom 14.05.2020/luch

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