Buchpreis für "Europa erfindet die Zigeuner":"Sie niederzuschießen, zu hauen und zu schlagen"

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Klaus-Michael Bogdal beginnt seine Studie mit einer Seite aus der Spiezer Chronik Diebold Schillings des Älteren (um 1445-1486). Man sieht das gut befestigte Bern und davor eine Gruppe eng beieinander stehender Menschen in irgendwie orientalisch aussehender Bekleidung: "von den swartzen getouften haiden die miteinander gen Bernn kument". Im 15. Jahrhundert waren sie da, Fremde, auf die man sich einen Reim machen musste. Man nannte sie Egyptier, Tataren, Ziganer, erdichtete verschiedene Herkunftslegenden. Sind sie Nachkommen Kains? Haben sie der Heiligen Familie auf der Flucht nach Ägypten die Unterkunft verweigert? Sie haben kein Territorium und keinen sozialen Ort, man schlägt sie kollektiv den Bettlern, Räubern, den Ehrlosen zu.

Bogdal mustert Chroniken und Verordnungen, Lexika, Erzählungen, Dramen, Gedichte. Je größer die Fortschritte Europas auf dem Weg in die Moderne, desto größer der Abstand zu den "Fremden", die bald als unvereinbar Andere, eine unverständliche Bedrohung erscheinen, gegen die jedes Mittel recht ist. Ein Mandat aus Nassau-Diez gestattet jedem Einwohner, "auf dieselbe alsofort Feuer zu geben, sie niederzuschießen, zu hauen und zu schlagen" - ohne mit Strafe rechnen zu müssen.

Daneben entwickelt sich die Zigeunerromantik, von Cervantes' exemplarischer Novelle "La gitanilla" bis hin zu Victor Hugos Esmeralda und Prosper Mérimées Carmen. Alexander Puschkin imaginiert in seinem Poem "Die Zigeuner" (1827) eine "erstrebenswerte Gesellschaftsordnung an den Rändern Europas".

Dieses Buch über die "Erfindung der Zigeuner" bereitet dem Leser eine schwer erträgliche Erfahrung. Selbst dort, wo die Zigeuner nicht verachtet, abgewertet werden, lernt man die wirklichen Menschen hinter den Zerrbildern nicht kennen, sie selbst, über die in Bogdals Quellen ständig geredet wird, kommen nicht zu Wort. Das liegt auch daran, dass ihre Sprache erst im 18. Jahrhundert "entdeckt" wird, dass aus ihrer mündlichen Kultur Zeugnisse weitgehend fehlen.

Ausufernd materialreich

Erst nach dem Völkermord an den Zigeunern, in autobiografischen Texten, ändert sich das. Der Antiziganismus äußert sich allerdings auch nach Auschwitz mit großer, unverschämter Unbefangenheit. Es braucht Jahrzehnte und energische Proteste der Sinti und Roma, bis sie als Opfer der NS-Vernichtungspolitik anerkannt werden. Das Berliner Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma ist vor Kurzem erst, im Oktober des vergangenen Jahres, eingeweiht worden.

Hinter die Erkenntnisse dieses ausufernd materialreichen Buches kann nun keiner mehr zurück. Man lernt daraus einen richtigen Ekel vor Diskussionen über "Fremde", "Andere", in denen diese selber nicht zu Wort kommen. Und man möchte allen, die über Zigeuner reden, "Levins Mühle" (1964) von Johannes Bobrowski in die Hand drücken: "Richtige Zigeuner sind richtig schön. Das ist wahr, ich sage es, wie es ist. Beschreiben allerdings kann man Zigeuner nicht. Wanderer, kennst du sie nicht, so lerne sie kennen, habe ich an einer Kirchenwand gelesen, an einer Außenwand, wo es zum Gedächtnis einer Verstorbenen angeschrieben war. Wie mit dieser Verstorbenen, so steht es auch mit den Zigeunern, sie sind tot. Zusammengetrieben und erschlagen in jenen Jahren, an die wir uns erinnern, in jenen Gegenden, von denen hier erzählt wird. (. . .) Wer jetzt sagt, ich kenne welche, der denkt sich das bloß, der weiß nicht, was er redet, der meint die drei schwarzhaarigen Männer, einen dünnen und zwei dicke, die im Kaffeehaus Musik machen und all das tun, was man (nur so als Mensch) vom Zigeuner erwartet: Umhergehn mit weichen Gelenken, biegsamen Hüften, sanft durchdringendem Blick, einer Geige, die ein bisschen verölt klingt und auf der es offenbar keine richtige Mittellage gibt, das bekannte Zimbal dazu. Das meine ich alles nicht, ich meine Zigeuner, die man nicht beschreiben kann."

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