Buchmesse: "Das war ich nicht" Alle Flaschen leer

Wenn Tick, Trick und Track mit Limonade dealen, sehen Heuschrecken alt aus: Kristof Magnusson zapft in seinem Roman Das war ich nicht der Finanzkrise pures Lesevergnügen ab.

Von Kristina Maidt-Zinke

Je unheimlicher die Zeiten, desto dankbarer ist man, wenn man nicht auch noch bierernste Bücher darüber lesen muss. Die Finanzkrise ist offenbar ein Thema, das sich am besten im Unterhaltungsgenre abhandeln lässt, was die Hoffnung nährt, dass ihre Auswirkungen nicht bis an den existentiellen Grund des Menschseins rühren. Es überrascht allerdings, dass das Sujet in der deutschsprachigen Literatur mit leichterer Hand ergriffen wird als in der angelsächsischen: Was Adam Haslett in Union Atlantic zwar bewundernswert prophetisch und kompetent, aber auch ein wenig reißerisch und übellaunig schildert - wie man eine Bank zugrunde richtet und damit den Zusammenbruch des gesamten Systems riskiert -, hat Kristof Magnusson in seinem zweiten Roman Das war ich nicht viel entspannter, kurzweiliger und komischer ausgemalt.

Weltläufig, gewitzt und schwerelos

Wie Haslett hatte Magnusson seine Geschichte schon vor dem großen Crash konzipiert, und wie jener schreckt er vor Klischees und Stereotypen nicht zurück. Er spielt jedoch, was man vielleicht erst beim zweiten Hinsehen merkt, bei aller Lockerheit hintergründiger mit ihnen als sein US-Kollege. Freilich passt der gebürtige Hamburger des Jahrgangs 1976 nur bedingt in die Schublade "deutscher Autor", denn erstens ist er halber Isländer, was ihn zum gefragten Übersetzer aus dieser Sprache qualifiziert, zweitens hat er längere Zeit in New York gelebt und gearbeitet, und drittens zählt womöglich, das weiß er nicht so ganz genau, der amerikanische Schriftsteller Theodore Dreiser (1871-1945) zu seinen entfernteren Verwandten. Wie dem auch sei: Weltläufig, gewitzt und schwerelos verknüpft Magnusson in seiner Geschichte die Finanzkrise mit einer Schaffens- und einer Sinnkrise. Gemeinsam ist allen drei Krisenvarianten, dass sie durch den leichtsinnigen Umgang mit virtuellen, also nur in der Vorstellung existierenden Größen ausgelöst werden.

Der alternde Erfolgsautor und Pulitzerpreisträger Henry LaMarck hat sich in einer britischen Talkshow dazu hinreißen lassen, einen Jahrhundertroman über den 11. September anzukündigen - unter anderem deshalb, weil er Elton John beeindrucken wollte, den er als Künstler und aufgrund gemeinsamer erotischer Neigungen schätzt. Als das Projekt an einer unüberwindlichen Schreibblockade scheitert, bekommt nicht nur Henrys Selbstwertgefühl einen Knacks, sondern auch die ohnehin labile Sinnstruktur im Leben seiner deutschen Exklusiv-Übersetzerin Meike Urbanski.

Eine börsianische Zwangslage

Die wiederum hat sich der drohenden Verbürgerlichung in Hamburg durch die Flucht nach Nordfriesland entzogen, kann aber ihr bescheidenes Refugium in Tetenstedt nur finanzieren, wenn der Auftrag für LaMarcks Opus magnum eintrifft. Sie weiß nicht, dass ihr Brief, in dem sie ihn auf Fehler und Unstimmigkeiten in seinem letzten Werk hinwies, an seiner Schreibhemmung mitschuldig ist. Und somit auch daran, dass der berühmte Romancier inkognito in einem Chicagoer Hotel untertaucht, unauffindbar für alle, die etwas von ihm wollen oder erwarten.

Unterdessen hat der junge Bochumer Banker Jasper Lüdemann, durch einen Karrieresprung zum Optionenhändler beim Chicagoer Bankhaus Rutherford & Gold aufgestiegen, sich in eine börsianische Zwangslage manövriert - nicht etwa aus Gier, sondern aus purer Hilfsbereitschaft gegenüber einem Kollegen und in blauäugiger Unterschätzung des Risikos.

Die Mechanismen, die in dieser Situation zum Jonglieren mit immer abenteuerlicheren, gleichwohl inexistenten Beträgen führen und den Urheber alsbald nötigen, einen angeblichen Großkunden zu erfinden, sind hier minutiös wiedergegeben, was ihre Undurchschaubarkeit, ja Unfassbarkeit nur umso gnadenloser zutage treten lässt.

Die allgemeinverständliche Erklärung dafür, wie solche Vorgänge globale Bankenkrisen heraufbeschwören können, findet sich im Donald-Duck-Comic, den jemand im Händlersaal an die Wand hinter dem Wasserspender geheftet hat: "Tick, Trick und Track bieten auf einem Flohmarkt Limonade an. Tick hat einen Taler, kauft ein Glas, trinkt es, zahlt den Taler an Trick. Der kauft dann ein Glas, trinkt es. Zahlt an Track. Auch der kauft ein Glas und zahlt mit dem Taler. So verkaufen die drei sich reihum mit demselben Taler immer wieder neue Limonade. Als alle Flaschen leer sind, glauben Tick, Trick und Track, dass sie viel Geld verdient haben - schließlich haben sie ja jedes Glas Limonade verkauft. Als sie feststellen, dass in ihrer Kasse nur ein Taler ist, fallen sie aus allen Wolken."

In einem Akt der Verzweiflung

Vermutlich muss man isländisches Blut in den Adern haben, um den ebenso schrägen wie genial einfachen Zusammenhang zwischen Disney und dem Desaster herzustellen. Jedenfalls verliebt Henry LaMarck sich in das Zeitungsfoto eines verzweifelt auf die Börsenkurse starrenden Business-Boys, der niemand anderer ist als Jasper Lüdemann, und Meike Urbanski macht sich in einem Akt der Verzweiflung auf den Weg nach Chicago, um den verschollenen Schriftsteller, von dem ihr Lebensunterhalt abhängt, auf eigene Faust zu suchen.

Wie sich die Wege und Schicksale der drei kreuzen und ineinander verhaken, wie aus Verzweiflung allmählich Verwirrung und am Ende Vergnügen erwächst, das erzählt Kristof Magnusson so raffiniert unprätentiös, dass man ihm noch die unwahrscheinlichsten Koinzidenzen abnimmt.

War sein Debütroman Zuhause noch ein wenig überfrachtet mit popkulturellen Referenzen und isländischer Heimatmythologie, scheint Magnusson, der auch schon erfolgreiche Bühnenstücke verfasst hat, jetzt den ihm gemäßen Prosa-Ton gefunden zu haben. Nicht schaden könnten freilich mehr Szenen von der Art, wie sie ihm zum Flughafen Frankfurt-Hahn eingefallen ist, wo der US-Intellektuelle Henry LaMarck, vorübergehend verarmt, ahnungslos mit einem Billigflieger landet. "Gab es ein zweites Frankfurt in der Ukraine?

Dies war also Deutschland

Oder sollte das wirklich die Stadt der weltgrößten Buchmesse sein?" fragt er sich beunruhigt. Und staunt noch mehr, als er ins Freie tritt: " ,Scotty's American Hot Dogs' stand an einer Bude vor der Eingangshalle, die geschlossen hatte, daneben gab es eine zweite, auf deren Spitze sich eine riesige Bretzel drehte. Die zweite Bude öffnete gerade, langsam wurde es hell. Dies war also Deutschland."

Das Beiläufig-Skurrile, auch dies vielleicht eher ein isländisches Erbe als ein deutsches oder amerikanisches, ist eine Stärke, die Magnusson weiter kultivieren sollte. Hat nun aber jemand behauptet, dies sei ein wichtiger, ein bedeutender, ein außerordentlicher Roman? Das war ich nicht.

Kristof Magnusson: Das war ich nicht. Roman. Verlag Antje Kunstmann, München 2010. 286 Seiten, 20,50 Euro.