Popkolumne:Allerfreundlichst verschaukelt

Popkolumne: Leicht ist schwer was: Sonja Glass (li.) und Valeska Steiner sind "Boy".

Leicht ist schwer was: Sonja Glass (li.) und Valeska Steiner sind "Boy".

(Foto: Johan Sandberg/Boy/Grönland Records)

Neue Musik von Bruno Mars, Anderson Paak, "Boy", Madi Diaz, "Khruangbin" und "Lip Talk" - sowie die Antwort auf die Frage nach dem zeitgemäßen Ersatz-Sommerhit.

Von Jens-Christian Rabe

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Der neue Song "Resentment" der 35-jährigen amerikanischen Indie-Folk-Sängerin und Songwriterin Madi Diaz ist streng genommen gar nicht neu. Geschrieben hat sie die Abschiedsballade einer ernüchterten Liebhaberin ursprünglich mit den Songwritern Jamie Floyd und Stephen Wrabel. Erstmals aufgenommen wurde sie im vergangenen Jahr von der Highscore-Pop-Sängerin Kesha für deren Album "High Road", unter anderem mit Conscious-Country-Superstar Sturgill Simpson. Auch die Pop-Version ist minimalistisch arrangiert, die Instrumentalspur dominiert wie bei Diaz über weite Strecken eine gezupfte Westerngitarre. Allerdings ist Keshas Variante einen Tick schneller, ihre Stimme kraftvoller, also konventionell röhrender, und gegen Ende konnten die Produzenten nicht widerstehen, mit dräuend-sphärischen Chor-Flächen die Intensität zu erhöhen, wie es bei Pop-Balladen üblich ist. Diaz' Version, in deren Video sie sich übrigens betont unaufgeregt in Zeitlupe im Overall mit dem Vorschlaghammer auf einem Schrottplatz austobt, ist dagegen mal wieder ein eindrucksvoller Beweis, dass die gängigen Geschmacksverstärker, selbst wenn sie gar nicht übermäßig eingesetzt werden, einen guten Song oft eher schwächen, austauschbarer machen - eine schwächere Stimme etwa jedoch Intimität und Fabelhaftigkeit noch steigern kann. Fluch des Mainstream-Pop. Zauber des Indie-Folk.

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Mit minimalistischen Indie-Folk-Balladen wurden unter dem Bandnamen Boy auch die Zürcher Sängerin Valeska Steiner und die Hamburger Musikerin Sonja Glass bekannt. 2011 erschien "Mutual Friends", und ihr Hit "Little Numbers" landete in der "Nonstop You"-Kampagne der Lufthansa, mit der die den jungen urbanen Easy-Jet-Set zurückgewinnen wollte. Passte den Spöttern natürlich gut in den Kram, der Lifestyle-Ausverkauf. Hatten sie ja ohnehin nie für mehr als seichte Berlin-Mitte-Emo-Muzak gehalten. Ganz falsch war das nicht, aber auch nicht ganz richtig. Leicht ist schwer was. Viele der Songs, "Skin" etwa, "This Is The Beginning" oder "Drive Darling" auf dem Debüt waren schon richtig gut, sonst hätten sie die kargen Arrangements niemals so gut verkraftet. Das zweite Album 2015 war mehr vom Gleichen, nur leider mit schlechteren Songideen. Dann kam lange nichts Neues - bis zur neuen Single "Fit Back In" am vergangenen Montag. Nicht schlecht, zärtlich-elegisch, vom Schlagzeug etwas zackig nach vorne gepatscht, streng genommen aber womöglich doch den entscheidenden Tick zu nah dran am Soundtrack für den Spot einer Bank, die jüngere, weiblichere und urbanere Kunden gewinnen will. Andererseits könnte der Song auch Teil des Soundtracks eines zärtlich-elegischen Films sein über das Schicksal eines Berliner Indie-Pop-Duos, die ihre Kunst an den Kommerz verrät. Und "Fit Back In" läuft dann genau in dem Moment, in dem ihnen irgendein Feuilleton-Schlaumeier erzählen will, sie hätte ihre Kunst an den Kommerz verraten.

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In der Disziplin "Einmal den Wahnsinn der Gegenwart an den Hörnern packen und dann so verrückt eklektische wie hinreißend schwungvolle Avantgarde-Indie-Folk-Disco-Pop-R'n'B-Elektro Hymnen für die Ewigkeit draus basteln" ist David Longstreth alias Dirty Projectors immer noch ein einsamer Meister. Auf ihrem neuen Album "Laughing & Eating Cake" zeigt sich die amerikanische Sängerin und Produzentin Sarah K. Pedinotti alias Lip Talk allerdings als gelehrige Meisterschülerin. Man höre nur "King", "HD" oder "(Everyday Is) Bargain Day". Musik für den bittersüßen Alltagsschwindel.

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Pünktlich zum Sommer wurde auch dieses Jahr wieder gern darüber geklagt, dass es seit Luis Fonsis "Despacito" 2017 keinen echten Sommerhit mehr gegeben habe. Nun, angesichts von hirnzersetzenden Sommerhit-Meisterwerken der Vergangenheit wie "Macarena" (1996), dem "Ketchup Song" (2002) oder eben "Despacito" erscheint der Verlust verkraftbar. Die Schonung sogar sehr willkommen. Zumal es ja gut sein kann, dass es auch mal wieder einen Sommerhit gibt, wenn die Zeiten - aus welchen falschen Gründen auch immer - dem gewissenlosen Hardcore-Hedonismus, ohne den es keinen Sommerhit geben kann, dereinst wieder zuträglicher sind. Für die gute Laune dieses Jahr sei zu Bruno Mars und Anderson Paaks neuer Single "Skate" geraten. Eine große Seventies-Soul-Hommage, formvollendet lässig-funky dahinmusiziert. Man fühlt sich ertappt und allerfreundlichst verschaukelt, während man vergnügt zur Parodie seiner eigenen nostalgischen Träume tanzt. Der zeitgemäße Ersatz-Sommerhit.

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Apropos lässig-funky: Das famose texanische Psychedelic-Funk-Trio Khruangbin hat ihre jüngste, 2020 erschienen Platte "Mordechai" von Freunden und Komplizen wie Soul Clap, Ron Trent, Knxwledge oder Quantic remixen lassen. Fortan Unverzichtbares ist dabei, wie so oft bei Remix-Alben, eher nicht entstanden, bestenfalls, wie bei Quantic oder Knxwledge, schlau von der inneren Tagtraumcouch auf die Tanzfläche Geschubstes. Eine gute Erinnerung daran, mal wieder das so grandios beschwingt mäandernde Original-Album zu hören, ist das aber unbedingt. Niemand macht so schön verspulte Avantgarde-Fahrstuhlmusik wie Khruangbin!

© SZ/biaz
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