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Kino und Serien:Kann das Kino farbenblind sein?

RELEASE DATE: December 25, 2020 TITLE: Bridgerton STUDIO: CREATOR: Chris Van Dusen PLOT: Wealth, lust, and betrayal set

Feine Gesellschaft: In der Netflix-Serie "Bridgerton" verkörpern nicht-weiße Schauspieler englische Adelige Anfang des 19. Jahrhunderts.

(Foto: Netflix /imago images/ZUMA Press)

In neuen Historienfilmen und -serien spielen nicht-weiße Schauspieler weiße Rollen. Aber gerade People of Color bezweifeln, dass das ein Zeichen von Fortschritt ist.

Von Kathleen Hildebrand

Es ist der Tag der Debütantinnen. Eine adelige Mutter nach der anderen führt ihre herausgeputzte, frisch für heiratsfähig erklärte Tochter in den Palast. Die jungen Damen knicksen vor dem Thron, auf dem die Königin sitzt. Queen Charlotte mustert sie mit strengem Blick. Sie trägt ein opulentes Kleid und eine noch opulentere weiße Lockenperücke. So, wie es eben üblich war im späten 18. Jahrhundert am Hof von England. Alles normal also, business as usual im Reich der Historienschmonzette? Nicht ganz. Denn: Die Königin ist schwarz.

Die neue Netflix-Serie Bridgerton ist das jüngste Beispiel für eine Besetzungspraxis im Film, die man "Colorblind Casting" nennt, die also, zumindest dem Anschein nach, "farbenblind" ist. Nicht-weiße Schauspieler aller Schattierungen spielen Rollen, die in literarischen Vorlagen Weiße sind, oder sogar historische Persönlichkeiten, die eindeutig eine andere Hautfarbe hatten. Wie zum Beispiel George Washington.

In "Maria Stuart" von 2018 besetzte Regisseurin Josie Rourke die weiße Hofdame von Elisabeth der Ersten, Bess of Hardwick, mit der chinesischstämmigen Gemma Chan, und den real ebenfalls weißen Lord Randolph mit dem schwarzen Shakespeare-Schauspieler Adrian Lester. Die Serie "The Great" über Katharina die Große zeigte Sacha Dhawan, Sohn indischer Einwanderer, als Grafen Orlow, Berater des Zaren. Im Hintergrund des Palastlebens waren immer wieder dunkelhäutige Adelige zu sehen. Zuletzt spielte Dev Patel, ebenfalls Sohn indischer Eltern, den Helden des britischen Romanklassikers "David Copperfield".

Der Historienfilm ist ein unfassbar weißes Genre und besonders in Großbritannien zentral für die Filmindustrie

Ganz neu ist das Konzept nicht. Der Ägypter Omar Sharif spielte 1965 den Russen Doktor Schiwago. Der Afroamerikaner Carl Anderson spielte 1976 Judas in "Jesus Christ Superstar". Und 1997 gab es eine Musicalversion von "Cinderella", in der Whitney Houston die gute Fee, die Sängerin Brandy Cinderella und Whoopi Goldberg die Königin spielte. Nichts davon wurde im Film als irgendwie absonderlich kommentiert. Auf den Theaterbühnen ist das Konzept schon länger etabliert. Auch in Deutschland: Anta Helena ­Recke inszenierte die Münchner-Kammerspiele-Inszenierung von "Mittelreich" nach dem Roman von Josef Bierbichler nochmal mit schwarzen Schauspielern und wurde dafür 2018 zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

Sacha Dhawan (Mitte) als Graf Orlow in der Zarenhof-Serie "The Great".

(Foto: Hulu/Starzplay)

Anhand dieser Beispiele ahnt man schon: Wirklich "farbenblind" ist ein solches Konzept natürlich nie. Eine schwarze Cinderella, das ist eine Ansage. Ein schwarzer Judas ebenfalls, gegenüber einem weißen Jesus ist ebenfalls eine, wenn auch eine ganz und gar andere. "Colorblind Casting" geschieht heute, da der identitätspolitische Diskurs vehement geführt wird, nicht blind, sondern sehr bewusst. Mit Bridgerton ist es im Historienkitsch-Mainstream angekommen.

Warum Regisseure so besetzen, scheint erst einmal auf der Hand zu liegen: Der Historienfilm ist ein unfassbar weißes Genre und besonders in Großbritannien zentral für die Filmindustrie. Wer wegen seines Aussehens dort traditionellerweise nicht hineinpasst, hat es als Schauspieler schwer. Das - und die Sorge um Repräsentanz auf Leinwand und Bildschirm - ist bereits ein sehr guter Grund, auch People of Color im Häubchenfilm zu besetzen. Nur weil eine Geschichte von der Vergangenheit handelt, muss sie ja nicht genauso aussehen.

Filme haben es mittlerweile schwer, wenn keine People of Color in ihnen zu sehen sind

Doch Originalität und Gerechtigkeit sind nicht die einzigen Gründe für "Colorblind Casting". Neuere Forschungen zeigen, dass es auch historisch korrekt ist. In ihrem Sachbuch "Black Tudors - The Untold Story" belegt die Historikerin Miranda Kaufmann, dass es schon im 16. Jahrhundert schwarze Menschen in England gab, die ganz normale Leben führten. Kaufmann fand Belege für 360 afrikanische Einwanderer im Großbritannien der Tudor- und frühen Stuart-Zeit, Mitte des 18. Jahrhunderts sollen es mehr als 15 000 gewesen sein. Und nein, sie waren nicht alle Sklaven.

Tatsächlich fanden sich Schwarze selbst in den obersten gesellschaftlichen Rängen. Der Vater des Schriftstellers Alexandre Dumas war der Sohn einer Sklavin und schaffte es in der französischen Armee als General ganz nach oben. Der Urgroßvater von Alexander Puschkin kam als Sklave nach St. Petersburg und stieg zum hochrangigen Militär, Diplomaten und Gelehrten auf. Im Paris des 18. Jahrhunderts war der Chevalier de Saint-George als Musiker berühmt - der Sohn einer schwarzen Sklavin und eines wohlhabenden adligen Kaufmanns. Und von der echten Queen Charlotte heißt es, dass sie "negroide" Züge gehabt habe. Einer Theorie nach stammte sie vom schwarzen Zweig einer portugiesischen Adelsfamilie ab. Darauf beruht die Hautfarben-Vielfalt von Bridgerton.

Nachdem Historiker anfangs bei farbenblind gecasteten Historienfilmen mangelnde Korrektheit bekrittelten, ist es mittlerweile umgekehrt: Filme haben es schwer, wenn keine People of Color in ihnen zu sehen sind. "Little Women" von Greta Gerwig war vielen Zuschauern und Kritikern 2019 zu weiß. Christopher Nolans Film "Dunkirk" bekam 2017 viel Kritik, weil die britischen Soldaten, die darin vor der belgischen Küste gerettet werden, allesamt weiß sind - obwohl Kompanien der Royal Indian Army mit in Dünkirchen waren.

August Wilson bezeichnet Colorblind Casting als "abwegige Idee" und als Symptom des eurozentrischem Kulturimperialismus

Ist Hollywood also auf einem guten, weil fortschrittlichen und inklusiven Weg? Hier wird es noch etwas komplizierter. Denn die "farbenblinde" Besetzung ist nicht unumstritten und die Kritik an ihr kommt gerade von schwarzen Intellektuellen. "Hamilton", das hypererfolgreiche Broadway-Stück von Lin-Manuel Miranda war 2015 einer der Vorreiter für die Praxis. Alle Gründerväter der amerikanischen Verfassung sind darin schwarz. Die meisten fanden diese Idee revolutionär, sie sollte zeigen: Schwarze sind Teil der amerikanischen Geschichte. Trotzdem waren viele von ihnen nicht einverstanden mit "Hamilton". Die Kritik: Es war eben nicht so, dass schwarze Amerikaner an der Verfassung mitgeschrieben haben und genau das sei das Problem des Landes, auch heute noch. Die Geschichte einfach neu zu inszenieren, fanden sie, helfe wenig.

Einer der schärfsten Kritiker des Colorblind Casting ist der US-Dramatiker August Wilson. Die Verfilmung seines Stücks "Ma Rainey's Black Bottom" ist seit Kurzem auf Netflix zu sehen. "Fences" von 2017 mit Denzel Washington beruhte ebenfalls auf einem Wilson-Stück. 1996 hielt August Wilson eine Rede gegen farbenblinde Besetzung. Sie hieß: "Der Boden, auf dem ich stehe". Wilson bezeichnet Colorblind Casting darin als "abwegige Idee" und als Symptom gerade des eurozentrischem Kulturimperialismus, den es eigentlich tilgen soll.

Warum? Wilson fand, dass man nur dann auf die Idee kommen könne, "weiße" Theaterstücke mit Schwarzen zu besetzen, wenn man glaube, dass diese "weißen" Kulturprodukte das Nonplusultra aller Werke seien. Dass Jane Austen die einzig gültige und verfilmenswerte Autorin und die Geschichte des englischen Königtums die einzig inszenierungswürdige Geschichte sei. Die Schwarzen, meint Wilson, dürften nun eben teilnehmen an der Verherrlichung weißer Kulturgeschichte. Dass ihm das nicht reicht, ist nachvollziehbar. Das Menschsein immer nur durch den Filter weißer Kultur zu analysieren, bedeute für Schwarze, "uns unsere eigene Menschlichkeit abzusprechen, unsere eigene Geschichte". Es sei ein Angriff auf den Boden, auf dem sie stünden. Wilson forderte, lieber schwarzes Theater und seine Dramatiker zu fördern.

In einer Zeit, in der das Publikum einen geradezu unstillbaren Hunger nach immer neuen Kostümfilmen zu verspüren scheint und Kino und Streaming-Dienste ständig nachliefern, liegt die praktikable Wahrheit wohl irgendwo dazwischen. Gemma Chan, die Hofdame aus "Maria Stuart", sagte in einem Interview zum Start des Films: "Das ist das England von damals, porträtiert vom England von heute. Ich finde, es ist an der Zeit."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, dass Carl Anderson in "Jesus Christ Superstar" Jesus gespielt habe. Das ist falsch. Er spielte den Judas. Da das andere Implikationen hat, hat die Autorin die betreffende Stelle umgearbeitet.

© SZ/kni
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