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Brexit-Kolumne: "Affentheater":Popo, der Todesclown

"Unser Premierminister hat zwei Stärken - Ehebruch und Versteckspiele."

(Foto: AP)

Über einen Premierminister mit fragwürdigen Stärken, ein Weltbild aus dem 18. Jahrhundert und KGB-Propagandatechniken: Die schottische Autorin A.L. Kennedy berichtet ab sofort wöchentlich aus dem Seelenleben des Brexit.

Ich lebe in interessanten Zeiten. Mir wäre es lieber, ich lebte in anderen. Das Weihnachtsfest war in Großbritannien eine schwarze Varieté-Version seiner selbst. Unser aktueller Außenminister war bekanntlich überrascht von dem Umstand, dass es sich bei Großbritannien um eine Insel handelt. Unser Land sieht beispiellosem, selbst verschuldetem Unheil entgegen und es hat eine Regierung, gegen die brennende Clown-Autos professionell aussehen.

Unser Premierminister hat zwei Stärken - Ehebruch und Versteckspiele. Trotz seiner offenkundig grenzenlosen Unfähigkeit, die Wahrheit zu sagen, kann er nicht einmal besonders gut lügen und ähnelt am ehesten einem schläfrigen, verwöhnten Gesäß, das aus einem Heuballen hervorgrinst, während verschiedene Medienhäuser - und sein Vater - aus seiner Unfähigkeit Kapital schlagen. Seine Unfähigkeit ist das Glaubwürdigste an ihm. Doch er gibt die Richtung vor. Oder sein Boss, wer auch immer das ist. Diese Unsichtbarkeit ist verstörend, ähnlich einem Hai, den man für einen Augenblick in tiefen Gewässern erspäht.

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Einst waren unsere Probleme zu Weihnachten schal und gewöhnlich. Ein Fest aus Anlass eines Paares, das um eine Notunterkunft bettelt, war zu unserer unökologischen Standardausrede geworden, Dinge zu kaufen, die wir nicht wirklich mögen, für Leute, die wir nicht wirklich kennen. Miteinander gefangene Familien, die von nichts Wesentlicherem gefoltert wurden als schlechtem Fernsehen, Alkohol und umständlichen Mahlzeiten. Paare, die zärtlich über ihre eigene Entführung fantasierten, um nicht noch einen einzigen weiteren Tag dieser ungefilterten Intimität ertragen zu müssen. Und unsere Medien erzählten uns, dass außerhalb unseres sozialen Umfeldes jeder andauernd irrsinnig glücklich sei. Es war großartig.

Wir dachten, schlimmer könnte es nicht werden. Bis es doch schlimmer wurde

Doch im letzten Jahrzehnt hat unser trauriger kleiner Felsen - und Nordirland - eine verheerende Sparpolitik erlebt, die mit exponentiell eskalierender Grausamkeit durchgesetzt wurde. An Weihnachten zu viel Geld auszugeben, bedeutet heute für Millionen Briten, Heizung und Wasser zu bezahlen. Für zwei Millionen Nutzer der kostenlosen Essensausgabe ist das Fest winterlicher Gemütlichkeit vor allem ein Anlass, sich noch einmal besonders isoliert zu fühlen, während Zehntausende obdachlose Kinder sich fragen, ob der Weihnachtsmann überhaupt noch weiß, wo sie leben. Für ein schönes Weihnachtsfest ist es heute essenziell geworden, das Leid anderer Menschen eisern auszublenden. Wir dachten, schlimmer könnte es nicht werden. Bis es doch schlimmer wurde. Jetzt erzähle ich Ihnen davon auf dieselbe Art, wie ich mit Fremden sprechen würde, um nicht zu schreien.

A L Kennedy, writer of novels, short stories and non-fiction, appearing at the Edinburgh International Book Festival 2014. Edinburgh, UK. Thursday 14th Aug, 2014

A. L. Kennedy wurde 1965 in Dundee geboren. Zuletzt erschien ihr Roman "Süßer Ernst", übersetzt von Ingo Herzke und Susanne Höbel (Hanser, München 2018. 400 S., 25 Euro).

(Foto: mauritius images)

2019 war das Jahr, in dem verstaubte Gentlemen's Agreements, von denen wir lange glaubten, sie seien genauso gut wie eine schriftliche Verfassung, wie feuchte Biskuits in sich zusammenfielen. Ein Schuljungenstreit zwischen zwei Politikern aus Eton hat sich irgendwie mit einem ranzigen Weltbild aus dem 18. Jahrhundert gepaart. Das Ergebnis vermählte sich mit kaum modernisierten KGB-Propagandatechniken und einem Fläschchen mit Pinochets Speichel, um schließlich online zu gehen, und die Voraussetzungen dafür zu zerstören, dass wir eine funktionierende Nation bleiben können - und frisches Obst kaufen, ohne dafür eine Hypothek aufnehmen zu müssen. Unsere Medien erzählen uns, dass jeder außerhalb unseres sozialen Umfelds ein Schwein sei und dass wir ununterbrochen irrsinnig glücklich sein sollten ob unserer unbesiegbaren Britishness. Auch unsere Politiker erzählen uns das.

Sie haben unsere Traurigkeit gestohlen und sie in einen Fake verwandelt

Das Jahr 2020 gibt uns nur noch weniger als einen Monat, bevor unser Premierminister, Popo, der Todesclown, uns sehr wahrscheinlich in den von ihm bevorzugten No-Deal-Brexit zwingen und behaupten wird, die Schuld daran trage die EU. Demokratie und Recht waren zu langsam, um uns zu retten. An diese Art der Niederlage sind wir nicht gewöhnt. Wir assoziieren sie immer noch mit dem Ausland.

Zu Weihnachten hat eine Legion von Social-Bots, die uns ununterbrochen heimsuchen, Twitter mit Beschwerden über nicht zufriedenstellende Luxusprodukte und kleinere soziale Geringfügigkeiten überschwemmt. Die Bots haben dafür gesorgt, dass der Hashtag #RuinedChristmas trendete. Sie haben unsere Traurigkeit gestohlen und sie in einen Fake verwandelt.

Ferienfreude und alltägliche Objekte waren verwunschen. Pullover, Kopfschmerzmittel, Weihnachtsbeleuchtung, Toilettenpapier - alles importiert, alles vor einer ungewissen Zukunft. Jedes Essen schmeckte nach Lkw-Staus, Rationierung, öffentlichen Unruhen. Werden wir in Lichtgeschwindigkeit draufgehen oder nur in Schallgeschwindigkeit? Oder mit der Geschwindigkeit verdünnter Soße? Wir wissen es nicht.

Politisches und konstitutionelles Versagen geht aus kulturellem Versagen hervor

Und während die meisten darauf warten, dass die zahlreichen Desaster zueinanderfinden, warten die anderen darauf, dass sie verschwinden: Schwarze, Muslime, EU-Bürger, Juden, Behinderte, Linke, Homosexuelle, Jugendliche, Leser, Comedians, Anwälte, Vegetarier, Autoren. Die übliche Liste.

Ich bin Autorin. Wenn ich überhaupt eine Aufgabe habe, dann besteht sie darin, menschliche Wesen daran zu erinnern, dass auch andere menschliche Wesen sind. Politisches und konstitutionelles Versagen geht aus kulturellem Versagen hervor. Wir haben weder unsere Vorstellung von diesem Land verteidigen können, noch unsere Fähigkeit, unsere Lebensweise aufrechtzuerhalten und die Kultur zu verändern. Jetzt haben wir dieses Affentheater.

Eine dunkle Zeit ist angebrochen, also müssen wir besser werden, solange wir es noch können. Ich muss besser werden, zumindest besser scheitern. Das mag sich als unmöglich erweisen, aber es wird instruktiv werden, und vielleicht sogar interessant.

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