Großbritannien und der Brexit:Pfundig

Großbritannien und der Brexit: Boris Johnson, hier mit dem Abgeordneten Paul Howell (r.), will zum imperialen System für Gewichte und Maße zurück. Am Bier ändert das nichts, das gab es im Pub schon immer als Pint (= 0,5683 Liter).

Boris Johnson, hier mit dem Abgeordneten Paul Howell (r.), will zum imperialen System für Gewichte und Maße zurück. Am Bier ändert das nichts, das gab es im Pub schon immer als Pint (= 0,5683 Liter).

(Foto: Lindsey Parnaby/AFP)

Boris Johnson will angeblich die alten Maßeinheiten des British Empire wieder einführen. Well, könnte gut sein, dass dieses Vorhaben mit einer toten Katze zu tun hat.

Von Alexander Menden

Darf man Boris Johnson glauben, dann wird demnächst in Großbritannien das metrische System wieder vollständig durch die alten Maße des British Empire ersetzt werden. Die Ankündigung ist Teil einer Liste von "Brexit-Chancen", die Johnsons Regierung gerade veröffentlicht hat. Die sogenannten Imperial Units wurden 1826 eingeführt und umfassten Längen-, Flächen-, Inhalts- und Gewichtseinheiten. Darunter sind so schöne Maße wie der fluid scruple (1,184 Milliliter), der rood (1011,71 Quadratmeter) und die slug (14,59 Kilo). Und das soll nun demnächst wieder das Maß aller britischen Dinge sein?

Zunächst mal ist festzuhalten, dass viele dieser Maße nie verschwunden sind. Zwar wurde Großbritannien 1965 metrisch. Aber während Lebensmittel in Gramm und Kilo gewogen werden, messen Menschen ihr Gewicht oft noch in pound und stone. Körpergröße wird in foot und inch wiedergegeben, Wein in Litern gemessen, Bier aber in Pints ausgeschenkt. An vielen Marktständen, aber auch bei Metzgern, sind die Waagen für die Imperial Units nie verschwunden, sie standen einträchtig neben den metrischen Kollegen. Das Schöne war also lange, dass man es sich aussuchen konnte, wie man was maß.

Pfund und Unzen stehen für die einstige Dominanz der Insel. Der Meter hingegen ist französisch

Allerdings hatten die Tories bereits vor dem Brexit die Maßeinheiten zu einem nationalistischen Schlachtfeld gemacht. So sagte der damalige Premier David Cameron schon 2014 in einem Nachrichteninterview, er fände es wichtiger, in Schulen "pounds und ounces" zu lehren als das metrische System. Diese stehen nach Ansicht vieler Briten eben für die frühere Dominanz der Insel - damals wurden diese Maßeinheiten in alle Kolonien exportiert (die Amerikaner, obwohl als Erste unabhängig geworden, benutzen sie noch heute). Der Meter hingegen ist französisch und daher mit Misstrauen zu betrachten.

Ob das alles wirklich in die Tat umgesetzt wird, ist extrem fraglich. Die Vernünftigeren unter den Brexit-Befürwortern wissen, dass eine solche Maßnahme weitere Probleme in den ohnehin deutlich erschwerten EU-Handelsbeziehungen nach sich ziehen würde.

Es dürfte sich bei Boris Johnsons Vorstoß vielmehr um "Dead Cat Politics" handeln: eine spektakuläre politische Strategie, die von den wahren Problemen wie Corona und den erheblichen Nachteilen des Brexit ablenken soll. Boris Johnson selbst verglich diese Taktik einmal damit, in einer angespannten Situation eine tote Katze auf den Tisch zu schmeißen und abzuwarten: "Die Leute werden empört, alarmiert und angewidert sein", wurde Johnson 2016 vom Guardian zitiert. "Das Entscheidende ist aber, dass alle schreien: 'Da liegt eine tote Katze auf dem Tisch!' Mit anderen Worten, sie werden über die tote Katze sprechen - über das, worüber sie sprechen sollen - und sie werden nicht über das Problem sprechen, das ihnen so viel Kummer bereitet hat."

Die Aufregung über die Imperial Measurements wird sich sicher bald legen - aber die nächste tote Katze liegt gewiss schon im Gefrierfach bereit.

© SZ/c.d.
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