"Blutsauger" im Kino:Jenseits der Keinhirnhasen

Lesezeit: 3 min

"Blutsauger" im Kino: Die junge Fabrikbesitzerin und ihr Diener, der so nicht genannt werden soll: Lilith Stangenberg und Alexander Herbst in "Blutsauger".

Die junge Fabrikbesitzerin und ihr Diener, der so nicht genannt werden soll: Lilith Stangenberg und Alexander Herbst in "Blutsauger".

(Foto: Grandfilm)

Der Tauschwert von Kunst im real existierenden Kulturfördersystem erzeugt auch mal marxistische Vampirkomödien: Julian Radlmaiers Film "Blutsauger".

Von Juliane Liebert

Für links halten sich sicher viele Regisseure in Deutschland. Was sie darunter verstehen, bleibt aber in der Regel diffus. Ein bisschen Diversität, ein bisschen Die-da-oben-Geraune, viel mehr lässt sich aus Werken und Interviews oft nicht herauslesen. Julian Radlmaier ist da anders. Bei ihm steht "Das Kapital" vermutlich als zerfledderte Leseausgabe neben dem Klopapier, findet sich unterm Kopfkissen und im Strandgepäck. Insofern ist es nur folgerichtig, dass er mit "Blutsauger" eine marxistische Vampirkomödie abliefert - auch Untote haben ein Anrecht auf Sommerfrische!

Auf jeden Fall macht Radlmaier sich seinen ganz eigenen Reim auf die marxsche Arbeitswert-Theorie. Schon in der "Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes" wurden Kapitalisten- und Revolutionärssau gewissermaßen gemeinsam durchs Dorf getrieben, bei dem es sich um eine Apfelplantage im göttlichen Brandenburg handelte. Nun treibt er die Spirale der grotesken Politreflexionen noch ein paar Drehungen weiter, kulturhistorische Metaebenen und gut durchgekalauerte Ausbeutungsmetaphorik (Kapitalisten! Vampire!) inklusive.

Wie es um den Gebrauchswert seiner Filme bestellt ist, sei mal dahingestellt. Was man sagen kann, ist, dass Radlmaier bestens verstanden hat, wie man den Tauschwert von Kunst im real existierenden Kulturfördersystem erhöht. Am ehesten lassen sich seine Filme beschreiben als ein leicht linkisches Gruppen-Rendevous, bei dem sich der Erzmarxist und Medienmasher Godard, der Brecht-Fassbindersche-Verfremdungseffekt-Komplex, ein etwas lustlos gewordener Buñuel und die deutsche Fernsehprovinzialität begegnen, um über ihre bourgeoisen narzisstischen Zipperlein sowie die Weltrevolution zu diskutieren. (Oder, alternativ, als hätte Susanne Heinrichs melancholisches Mädchen das kommunistische Manifest zum Frühstück gegessen und den Rest des Tages davon geträumt, Sergej Eisenstein mit dem Strap-on ... nun, lassen wir das.)

Trotzki fiel in Ungnade, und sein Darsteller wurde weggeschnitten

Wir befinden uns also im Jahre 1928. Wir sind am Meer. Die junge Fabrikbesitzerin Octavia Flambow-Jansen (Lilith Stangenberg), stets in Begleitung ihres "Assistenten" aka Dieners Jakob gabelt dort einen Baron auf, der sich bald als Möchtegern-Dieb und gescheiterter Schauspieler herausstellt. Sein Name ist eigentlich Ljowuschka. Ljowuschka war Fabrikarbeiter, wurde von Eisenstein für dessen Film "Oktober" gecastet. Er spielte Trotzki, und er liebte seinen neuen Job, besonders die langen, erholsamen Pausen zwischen seinen Szenen. Doch dann fiel Trotzki in Ungnade, und Ljowuschka wurde vollständig aus dem Film geschnitten.

Nun will der in Ungnade gefallene falsche Baron nach Hollywood, um dort nochmal sein Glück zu versuchen. Aber erst mal hängt er in der eigentümlich künstlichen, aber faszinierenden Strandwelt seiner Gastgeberin fest. Lilith Stangenberg spielt die reiche, nahezu allmächtige Herrscherin des Puppenhauses dieser Szenerie mit einer irgendwie herzerwärmenden Blasiertheit. Ihre Exaltiertheit ist nicht laut, sondern leise, und gerade durch das, was sie auslässt, erzeugt sie merkwürdigerweise Charaktertiefe - wie ein halb abgewaschenes Kaugummitattoo einer Meerjungfrau mehr Ähnlichkeit mit einem wirklichen Fabelwesen hat als eine 3D-Simulation. Ab und zu findet eine Coladose den Weg in ihren wohlbürgerlichen Salon.

All dem sieht man sehr gerne zu, auch wenn man sich nie ganz schlüssig wird, ob der Regisseur sich selbst, den Kommunismus oder doch seine Zuschauer verarscht. Man könnte sich natürlich fragen, ob dreifach im Farce-Säurebad gehärteter und selbstbespiegelungsverchromter Antikapitalismus für arty Wohlstandswuschis im Angesicht eines möglichen dritten Weltkriegs nicht ein wenig aus der Zeit gefallen ist.

Aber es wäre auch irgendwie gemein. Man vergisst es manchmal, aber Absolventen der Deutschen Film- und Fernsehakademie sind keine Supergummibärchen, sondern auch nur Menschen, und man muss schon dankbar sein, wenn sie sich mit Mut zur historisch informierten Bizarrerie, zum Kostümfilmpunk und intellektuellen Quatsch dem eigenen falschen Leben im Falschen stellen. Wenn dann noch Lilith Stangenberg dabei ist, sollte es mindestes ein paar Filmpreise regnen. Und das wäre auch völlig verdient. Denn immerhin dürfen wir hoffen: Ein Kino jenseits von Keinhirnhasen ist möglich! Und vielleicht nicht einmal sinnlos! Danke, Karl Marx, du toter weißer Mann.

Blutsauger, D 2021 - Regie und Buch: Julian Radlmaier. Kamera: Markus Koob. Mit Alexandre Koberidze, Lilith Stangenberg, Alexander Herbst, Corinna Harfouch. Verleih: Grandfilm, 127 Minuten. Kinostart: 12. Mai 2022.

Zur SZ-Startseite

Neu in Kino & Streaming
:Welche Filme sich lohnen - und welche nicht

Auch Vampire haben Karl Marx gelesen, und ein indischer Junge findet das Glück im Dorfkino. Die Starts der Woche in Kürze.

Lesen Sie mehr zum Thema