"Big Eyes" im Kino Zombies von der Westküste

Im Kabinett von Mr. und Mrs. Keane - Amy Adams und Christoph Waltz in Tim Burtons "Big Eyes".

(Foto: Leah Gallo)

Die Frau malt, der Ehemann verkauft die Bilder teuer unter seinem Namen: Tim Burton erzählt in "Big Eyes" die wahre Geschichte eines Kunstdiebstahls. Warum waren die Bilder von Menschen mit ängstlich großen Augen so gefragt?

Von Fritz Göttler

Natürlich hätte man einem solchen Typen nie trauen dürfen. Mit seinem gestreiften Leibchen, dem selbstverliebten Grinsen, dem treuen Dackelblick, der Christoph Waltz bereits zwei Oscars eingebracht hat, ist Walter Keane, den er nun für Tim Burton spielt, der absolute Verführer. Ein aufdringlicher Filou.

Aber es imponiert, wie er der blonden Margaret hilft, ein bisschen mehr Zulauf zu bekommen bei ihrem Geschäft, auf dem sonntäglichen Trödelmarkt in San Francisco die Flaneure in wenigen Minuten zu porträtieren. Schon da malt sie Gesichter mit ungewöhnlich, erschreckend großen Augen, und das wird dann später Margarets Markenzeichen - da haben Walter und sie geheiratet und er bringt sie groß heraus, mit allen Tricks, die der Kunstbetrieb bereit hält.

Allerdings verkauft er - da ist er irgendwie, ganz unbedacht, reingerutscht - unter seinem, nicht ihrem Namen. Sie protestiert eher schwach, hält sich aber dann an den Deal, und er macht das große Geld für sie. Er hat sogar eine Erklärung parat für den Ursprung dieser großen Augen, die aus dem Elend des Zweiten Weltkriegs kommt.

Eine völlig absurde Geschichte, aber sie ist wahr. Die Wesen mit den großen Augen kennt man aus früheren Filmen von Tim Burton, aus den Stop-Motion-Puppenfilmen zumal, "Nightmare Before Christmas", "Corpse Bride" und "Frankenweenie", in denen die Grenzen offen sind zwischen dem Totenreich und dem der Lebenden.

Margaret gleicht, obwohl sie blond und kerngesund ist, den bleichen Figuren dieser Filme in ihrem künstlerischen Somnambulismus. In ihrem Atelier sind die Vorhänge zugezogen, um das starke Westküstenlicht draußen zu halten, das Innere hat dadurch etwas Exotisches und Orientalisches.

"Ich hatte eine Factory", sagt Walter, "bevor Warhol wusste, wie eine Suppendose aussieht."

Die heftige Debatte ist noch nicht entschieden, ob das Kunst war oder Kitsch, was die Keanes damals produzierten - sie arbeiteten an einem Scheitelpunkt der modernen Kunstgeschichte, dem Moment, da das Kunstwerk endgültig seine Aura, seine Originalität, seine Ausdruckskraft verlor und seine Dynamik aus den Marktgesetzen zu beziehen begann.

Walter schaltet die traditionellen Instanzen des Kunstbetriebs radikal aus, er stellt im Club "The Hungry I" aus und fängt an, die vom Publikum heiß geliebten Bilder zu reproduzieren und zu verkaufen.

Was hier betrieben wird, ist die erste Factory - und Walter scheint sich durchaus bewusst gewesen zu sein, in welcher Konkurrenz er da zu entsprechenden New Yorker Unternehmen stand: "Ich hatte eine Factory, bevor Warhol wusste, wie eine Suppendose aussieht."