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Biennale in Venedig:Als häufigstes Motiv ist das Meer zu sehen

Auf dieser Biennale ist die Kunst an der Lagune politisch wach, berichtet von den politischen und ökologischen Katastrophen der Welt. Nicht nur im deutschen Pavillon, der sich zum "Ankerzentrum" erklärt hat und den "ruinösen" Begriff der nationalen Repräsentation ausforscht. In den amerikanischen Pavillon, den die Trump-Regierung zunächst gar nicht bespielen wollte, stellt der Afroamerikaner Martin Puryear eine kolossal vergrößerte phrygische Mütze - ein vielfach konnotiertes Freiheits- und Unabhängigkeitssymbol.

Im polnischen Pavillon hat Roman Stańczak einen Luxusjet, den Familienschlitten der Superreichen, ausgeweidet und auf den Rücken abgelegt, als immobiles Wesen. Ein Haufen aus festgefressenem Stahl, Reifengummi, Kabeln und Kunstleder. Wie die Motorräder, die von der deutschen Bildhauerin Alexandra Bircken sauber zerschnitten und verdreht zusammengesteckt werden. Vor dem Metallschrott kann man die Epoche der Bewegung sanft austuckern lassen, die Ära des ressourcenverschlingenden "Jettens". Und das Meer ist eines der häufigsten Motive, als historischer Schauplatz, als Grenze und politisch vermintes Terrain. Aber auch als gefährdete Welt von eigener Schönheit, die Laure Prouvoust im französischen Pavillon in eine kitschige Multimedia-Installation verwandelt, an deren Fragilität die meterlangen, aus buntem Garn gehäkelten Korallenriffe der Australierinnen Christine und Margaret Wertheim erinnern.

Roman Stańczaks Luxus-Schrott-Jet im polnischen Pavillon.

(Foto: Tiziana Fabi/AFP)

Dass sich so viele Künstler in den Pavillons der Auseinandersetzung mit einer als Endzeit empfundenen Gegenwart stellen, macht die Qualität dieser Biennale aus, während ausgerechnet die streng kuratierte Großausstellung bizarr wirkt. Ralph Rugoff hat viel Aufhebens darum gemacht, dass er nur wenige Künstler eingeladen hat und sie zwei verschiedene Ausstellungen einrichten ließ. Gekommen sind viele internationale Stars und mehr als ein Dutzend chinesische Künstler, die kaum einer kennt. Diese Auswahl hat Rugoff dicht, aber beziehungslos über die Säle verteilt. Irgendwo rappelt es immer. Eine elektrifizierte Kuh saust auf Schienen im Kreis. Ein von Roboterarmen animierter Pinsel, breit wie eine Baggerschaufel, rührt in einer blutigen Pfütze.

In dem Durcheinander kann sich nur behaupten, wer, wie die Videoprojektionen, eine eigene, dunkle Kabine zugeteilt bekam - wie Kahlil Joseph, der mit "BLKNWS" einen utopischen, schwarzen News-Kanal simuliert. Oder die hellsichtigen Videocollagen von Arthur Jafa, die den alltäglichen Rassismus des Westens noch einmal mit "The White Album" ausbuchstabieren.

Einige Künstler grenzen sich mit Mauern ab: In den Einbauten, die der Architekt David Adjaye für Ghana aus ockerfarbenem Lehm in den Arsenale setzte, können El Anatsui, John Akomfrah und Lynette Yiadom-Boakye ein Bild vom afrikanischen Kontinent ausstellen, das nicht von Armut oder Naturkatastrophen bestimmt ist - sondern einfach große Kunst ist.

"Mondo Cane", die Installation von Jos de Gruyter und Harald Thys für den belgischen Pavillon.

(Foto: Nick Ash)

Ralph Rugoff als Kurator dagegen hat sich auf geradezu auffällige Weise nicht darum bemüht, seine Künstler angemessen zu präsentieren. Wahrscheinlich weil er wusste, dass seine Biennale ohnehin von dem einen Bild beherrscht sein wird, von Büchels "Barca Nostra". Italienische Politiker von der rechtspopulistischen Lega wie der Venezianer Roberto Ciambetti forderten unverzüglich ihre Demontage, was der Präsident der Biennale, Paolo Barratta, sogleich mit den Worten konterte, es sei deren Auftrag, "das Gewissen anzusprechen".

Dabei wirkt "Barca Nostra" selbst vollkommen gewissenlos. Als Luc Tuymans im Jahr 1986 eine Gaskammer malte, galt das noch als Tabubruch. Gerhard Richter hat sich über Dekaden mit Fotografien aus dem Vernichtungslager Birkenau beschäftigt, sie schlussendlich mit Farbe zugedeckt. Aber es scheint, als gälten andere Regeln, wenn es um die Vernichtung von Armen geht, um tote schwarze Körper.

Es ist an der Zeit, dass sich die Kunst selbst gegen die Vermarktung des Grauens abgrenzt. Die Ersten, die protestierten, waren Künstler: "Die gleiche bescheuerte 'Qualität' der Kunst wie Ai Weiwei", lautete einer der Kommentare. Julieta Aranda postet, dass man sich als Künstler nicht "eine Brücke auf den Rücken anderer Körper bauen sollte". Schon vor der Eröffnung der Biennale wurden Boykottaufrufe laut.

Zeitgenössische Künstler haben erst in diesem Frühjahr mit Boykottdrohungen dafür gesorgt, dass große Museen sich von ihren Sponsoren trennten. In Venedig können jetzt allein die Künstler eine Diskussion mit Ralph Rugoff erzwingen: indem sie mit Abbau drohen. Sie allein haben die Macht, dem Boot die Nachbarschaft ihrer Werke, dem Skandal die Kunst zu entziehen.

Biennale di Venezia. Bis 24. November. www.labiennale.org.

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