Zukunft der Bibliotheken:Bücher gibt es auch

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Zukunft der Bibliotheken: Die Zentralbibliothek in Köln, wenn die Generalsanierung 2026 fertig ist.

Die Zentralbibliothek in Köln, wenn die Generalsanierung 2026 fertig ist.

(Foto: Mars Interieurarchitecten)

In Köln kann man erleben, was eine Bibliothek alles sein kann.

Von Alexander Menden

Diese besondere Bibliothekenstille, konzentriert, ab und zu Papiergeraschel und leise Schritte, die gibt es hier nicht. Schnarrend baut der 3-D-Drucker ein kleines Modell des Kölner Doms auf, Lage für Lage, aus rotem Plastik. Das Gerät war das erste öffentlich zugängliche Gerät dieser Art in Köln. Seit die Stadtteilbibliothek Kalk im September 2018 komplett umgestaltet wiedereröffnet wurde, rattert es hier stetig. Das Haus hat ohnehin nur noch wenig gemein mit in Reih und Glied aufgestellten Bücherregalen und festungsartigen Theken. Wer hier herkommt, kann erleben, dass eine Bibliothek viel mehr sein kann als ein Ort zum Bücherabholen.

Zukunft der Bibliotheken: Hat nur wenig mit einem Ort zum Bücherabholen gemein: die Stadtteilbibliothek Kalk in Köln.

Hat nur wenig mit einem Ort zum Bücherabholen gemein: die Stadtteilbibliothek Kalk in Köln.

(Foto: Joern Neumann)

Da ist die riesige Hasenskulptur aus Stoff, auf dem Kinder klettern können. Es gibt Virtual-Reality-Brillen, Gaming-Equipment und im ersten Stock eine von der Bremer Künstlergruppe "Urbanscreen" erarbeitete, interaktive Tagtool-Wand: Auf diesem großformatigen Bildschirm kann man mit mehreren Tablets gleichzeitig interaktive Grafiken und Animationen erstellen. Das alles ist eingebettet in ein einladendes Designkonzept mit Holzlamellen vor den Fenstern, die Sichtschutz bieten, ohne ungemütlich zu wirken, sowie Bereichen zum Arbeiten und Lesen. Denn Bücher, die gibt es hier auch noch.

"Das Bedürfnis der Menschen, einander zu treffen, ist überall gleich, egal ob in Oslo oder Ramallah oder Köln."

Das Haus in Kalk nimmt laut Hannelore Vogt, Direktorin der Kölner Stadtbibliotheken, bei der Entwicklung hin zu einem "dritten Ort" eine Vorreiterrolle in Nordrhein-Westfalen ein. Der Begriff "dritter Ort", 1989 vom US-Soziologen Ray Oldenburg geprägt, beschreibt öffentliche, im Idealfall egalitäre Plätze - Parks, Theater, Museen -, in denen man seine Freizeit verbringt. Und zwar in Abgrenzung zum "ersten Ort", dem eigenen zu Hause, und dem "zweiten Ort", der Schule oder dem Arbeitsplatz. In der Weiterentwicklung zeigt die Bibliothek in Kalk, wie sich dieser Begriff angesichts digitaler Mobilität und immer weniger starker Bindung an den Ort weiterdenken lässt.

Zukunft der Bibliotheken: Die Stadtteilbibliothek Kalk ist Vorreiter in Nordrhein-Westfalen, was neue Konzepte angeht.

Die Stadtteilbibliothek Kalk ist Vorreiter in Nordrhein-Westfalen, was neue Konzepte angeht.

(Foto: Joern Neumann)

Der niederländische Designer Aat Vos - er nennt sich selbst auch "Creative Guide" - beschäftigt sich seit Langem mit "dritten Orten". Und hier speziell mit der Umgestaltung von öffentlichen Bibliotheken in diese Richtung. Er wandte das Konzept zum Beispiel auf die Jugendbibliothek des Wohngebiets Tøyen im norwegischen Oslo an und schuf so einen Treffpunkt in diesem wenig betuchten Viertel.

Zukunft der Bibliotheken: Die "neue" Zentralbibliothek in Köln will durch die Umgestaltung zum "dritten Ort" werden.

Die "neue" Zentralbibliothek in Köln will durch die Umgestaltung zum "dritten Ort" werden.

(Foto: Mars Interieurarchitecten)

Die Kalker Bibliothek hat er ebenfalls gestaltet, und ist nun auch am Entwurf der Kölner Zentralbibliothek beteiligt. Deren Umbau soll im kommenden Jahr beginnen und bis 2026 fertiggestellt sein. Bei der virtuellen Vorstellung der Pläne sagt Vos, eine Bibliothek sei vor allem "eine Institution, die die Möglichkeit zu freiem Zugang zu Information und Chancengleichheit" gewähre. Das könne über Bücher geschehen, aber eben auch über andere Medien - gratis-Wlan ist eine wichtige Ressource für viele -, und das an einem Ort, an dem man sich zu Hause fühlen könne: "Das Bedürfnis der Menschen, einander zu treffen, ist überall gleich, egal ob in Oslo oder Ramallah oder Köln", sagt Vos. Das gelte sowohl für Menschen, die selten ausgingen, weil sie kein Geld für Konsum hätten, als auch für "Smartphone Natives", die Kontakt über den das Virtuelle hinaus suchten.

Zukunft der Bibliotheken: Raum für neue Konzepte: die Stadtbibliothek Duisburg.

Raum für neue Konzepte: die Stadtbibliothek Duisburg.

(Foto: krischerfotografie)

Auch andere Städte in Nordrhein-Westfalen bieten mit ihren öffentlichen Bibliotheken mittlerweile ähnliche "dritte Räume". In Duisburg kann man zum Beispiel an der "MachBar", wie auch bereits in Köln vorgemacht, Kassetten und Vinylschallplatten selbst digitalisieren oder Podcasts und Youtube-Videos produzieren. In Düsseldorf wurde im vergangenen November eine neue Zentralbibliothek eröffnet. Am Konrad-Adenauer-Platz sind zwei Stockwerke eines ehemaligen Postgebäudes komplett umgestaltet worden. Auf 8000 Quadratmetern entstand ein Jugendbereich, 600 Arbeitsplätze, 15 flexibel nutzbare Veranstaltungs- und Konferenzräume sowie ein "LibraryLab", in dem wie in Kalk ein 3-D-Drucker steht - zukünftig offenkundig ein unverzichtbares Gerät.

Zukunft der Bibliotheken: In der neuen Zentralbibliothek in Düsseldorf gibt es erstmals eine eigene Jugendbibliothek.

In der neuen Zentralbibliothek in Düsseldorf gibt es erstmals eine eigene Jugendbibliothek.

(Foto: © Landeshauptstadt Düsseldorf/Michael Gstettenbauer)

In Köln wird ebenfalls nicht ganz neu gebaut, sondern das Bestandsgebäude am Josef-Haubrich-Hof genutzt. Die Zentralbibliothek hier besteht aus vier aufeinandergesetzten Kuben unterschiedlicher Größe. Bei der Vorstellung der Pläne betont Hannelore Vogt, dass es ein speziell auf Kölner Bedürfnisse angepasster Ort werden soll. Der Kinderbereich etwa wurde mit Erziehern erarbeitet, mit Buggy-Parkplatz, Wickelbereich und Flaschenwärmer. Das Heinrich-Böll-Archiv mit dem Böll-Zimmer, einer Dauerleihgabe der Familie Böll, soll im Erdgeschoss seinen Ort finden, mit Anschluss an die Veranstaltungsräume, die Spezialsammlung Germania Judaica im ersten Untergeschoss.

Hier kann man auch Musik und Instrumente leihen, einen Konzertsaal gibt es auch

Ein Erschließungskern wird die Treppenhäuser mit dem Rest der Räumlichkeiten verbinden. Das Haus soll möglichst zahlreiche offene Aufenthaltsbereiche bieten, "um viel Aktivität der Bürgerschaft zuzulassen", wie Direktorin Vogt sagt. Feste PC-Plätze wird es weniger geben, dafür mehr Ladestationen für mobile Geräte, die man sich auch am Ort ausleihen kann. Es sind Ruhezonen eingezogen, geschlossene Arbeitsräume, deren Wände das durchbrochene Design des Kölner Kolumba-Museums aufnehmen. Die Musikbibliothek mit kleinem Konzertsaal, bei der man neben Noten vom Konzertflügel bis zur Fender Stratocaster rund 40 Instrumente ausleihen kann, wird mit langen Tischen bestückt sein. Klingt fantastisch, nur warum sind deutsche Bibliotheken nicht längst alle in diese Richtung unterwegs? Man kann die Antwort hier in Kalk erahnen, denn auch hier braucht all das eine lange Vorlaufzeit und Geld.

Die Kölner Gebäudewirtschaft veranschlagt für die neue Zentralbibliothek inklusive Risikoabsicherung ein Gesamtbaubudget von 81 Millionen Euro. Um ähnliche Umbaumaßnahmen deutschlandweit angehen zu können und finanziell zu sichern, brauche es hierzulande, "was es in Dänemark, Norwegen und den Niederlanden schon lange gibt", so Barbara Schleihagen, Bundesgeschäftsführerin des Deutschen Bibliotheksverbandes: "Bibliotheksgesetze, die den gesellschaftlichen Auftrag der Bibliotheken nicht mehr auf den traditionellen Bildungsbegriff verengen, sondern ihre zusätzlichen Funktionen als Orte der Begegnung, der kulturellen Bildung und der demokratischen Willensbildung anerkennen und umsetzen." In fünf Bundesländern existieren solche Gesetze bereits. "Weitere Bibliotheksgesetze müssen folgen, um das öffentliche Bewusstsein für den Beitrag zu schärfen, den Bibliotheken als Kultur- und Bildungseinrichtungen in der Gesellschaft leisten."

Mit ihrer Umwandlung in einen "dritten Ort", meint Aat Vos, sei dieser Daseinszweck der Bibliotheken garantiert. "Die Gestalt der Bibliothek ändert sich", so Vos, "ihr Ziel ändert sich nicht."

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