Zum Tod von Bibi Andersson Die Macht der Worte über die menschliche Fantasie

Begierden und Tumulte und Widersprüche im Inneren einer modernen Frau: Bibi Andersson in Ingmar Bergmans "Persona" (1966).

(Foto: imago images)

Bibi Andersson schaffte es, die Schlüsselmomente in Ingmar Bergmans Werk zu magischem Leben zu erwecken. Nun ist die schwedische Schauspielerin gestorben.

Nachruf von Tobias Kniebe

Es ist eine Strandszene ohne Strand, eine Sexszene ohne Sex - und doch einer der erotischsten Momente, die das Kino je hervorgebracht hat. Mitten in Ingmar Bergmans verrätseltem Zwei-Frauen-Drama "Persona" fängt Bibi Andersson an, von einem Tag auf den Schären zu erzählen, von der Sonne auf ihrem nackten Hintern, von einer anderen Frau, von zwei sehr jungen Männern, die erst nur beobachten und sich dann nähern - und wie das alles plötzlich surreal-pornografisch eskaliert. Und Liv Ullmann, ihre Zuhörerin, sitzt dabei, in einem dunklen Raum, sie lauscht und bleibt scheinbar völlig ungerührt.

Es geht um die Macht der Worte über die menschliche Fantasie, zugleich aber auch um die Begierden und Tumulte und Widersprüche im Inneren einer modernen Frau, die endlich, im Jahr 1966, auch mal sexuell explizit werden durften; es geht um die Entblößung der Seele und das Rätsel der Existenz überhaupt. Das war damals grundlegend neu, und Bibi Andersson war eine der Frauen in diesem obsessiven Projekt, die Bergman verehrte und benutzte und vergötterte und überhöhte, bis sie unter dem liebevoll-gnadenlosen Blick seiner Kamera Wahrheiten in sich fanden, von denen sie selbst noch nichts ahnten.

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Berit Elisabeth Andersson wurde 1935 in Stockholm geboren und an der Schauspielschule des Königlichen Dramatischen Theaters ausgebildet. Mit sechzehn Jahren war sie bereits das Gesicht eines Werbespots für Seife, und der Mann, der mit dieser Auftragsarbeit Geld für seine Theaterkompanie verdiente und sie bald ins Ensemble aufnahm, war Ingmar Bergman. Irgendwie passt das, denn damals erschien sie tatsächlich ein wenig zu glattgeschrubbt, um ganz wahr zu sein - einen Tick zu hübsch, zu blond, zu warmherzig, das perfekte schwedische Mädchen von nebenan. So tauchte sie dann auch in ihren ersten Bergman-Filmen auf.

Sie entfesselt in wenigen Minuten die Wut und Enttäuschung eines Frauenlebens

In "Das Lächeln einer Sommernacht" war es noch eine einzige entrückte Szene, in "Das siebente Siegel" wurde sie zur Verkörperung ungebrochener Gläubigkeit in einem zweifelnden Film. Auch der alte Professor in "Wilde Erdbeeren" verdankt ihr am Ende einen Teil seines Seelenfriedens. Da taucht sie gleich in einer Doppelrolle auf, als ideale erinnerte Geliebte und als Anhalterin, ein Freigeist mit Kurzhaarfrisur und einer jugendlichen, unschuldigen, heilenden Empathie. In jener Zeit, Ende der Fünfzigerjahre, war sie auch privat Bergmans Partnerin.

Dann löste sie sich von ihm, drehte auch mit anderen schwedischen Regisseuren wie Alf Kjellin und Vilgot Sjöman, und war doch immer dann am Unvergesslichsten, wenn sie wieder ins Bergman-Universum hineingezogen wurde. "Persona" war dabei ein Meilenstein, denn nun schien auch Härte in ihren Zügen auf, gewann ihr Bild im Kino an Tiefe und Schärfe. Als Krankenschwester soll sie sich um eine von Liv Ullmann verkörperte Schauspielerin kümmern, die auf der Bühne verstummt ist und nicht mehr spricht. Wie zu Beginn ihrer Karriere scheint es so, als sei Andersson für die Wärme und Fürsorge in dieser Konstellation zuständig - bis sich die Psychologien und Identitäten der beiden Frauen immer mehr ineinander auflösen.

Darin lag eine Emanzipation, die Andersson in anderen Rollen dann expliziter ausleben konnte, etwa in dem Film "Die Mädchen" der Regisseurin Mai Zetterling, wo 1968 in Protestszenen gegen das Patriarchat schon mal die Büstenhalter flogen. Zugleich begann sie, internationale Rollenangebote anzunehmen, spielte etwa eine schöne, neurotische, vom Leben gebeutelte Prostituierte für John Huston in "Der Brief an den Kreml", wirkte in Robert Altmans Eis- und Endzeitvision "Quintett" mit und in einer Folge der Allstar-Flugkatastrophen-Reihe "Airport '80 - Die Concorde". Eine wirklich internationale Karriere wurde daraus jedoch nicht, und auch kürzere Auftritte wie in Gabriel Axels dänischem Film "Babettes Fest" waren irgendwann rar.

So lässt sich ihre Entwicklung als Frau und Schauspielerin doch am besten mit Bergman-Momenten beschreiben. Ihr letzter Auftritt unter seiner Regie war in "Szenen eine Ehe", 1973, wo sie in der Eröffnungssequenz noch einmal völlig neue Seiten offenbarte. Zwei Paare treffen sich zum Abendessen, die Gastgeber spielen das bürgerlich-souveräne Paar, dessen Zusammenhalt scheinbar nichts erschüttern kann. Andersson aber kommt dazu, redet Klartext und entfesselt in wenigen Minuten die ganze Wut und Enttäuschung eines Frauenlebens. Am Sonntag ist Bibi Andersson, die schon 2009 durch einen Schlaganfall ihr Sprachvermögen verloren hatte, in Stockholm gestorben. Sie wurde 83 Jahre alt.

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