Bibel-Geschichte Manna vom Himmel

Die Israeliten beim Einsammeln der wundersamen Speise: Gemälde aus dem 19. Jahrhundert.

(Foto: Jewish Museum)

Jeden Morgen, "als sich die Tauschicht gehoben hatte, lag auf dem Wüstenboden etwas Feines, Knuspriges, fein wie Reif, auf der Erde", so steht in der Bibel. Was ist dran an der Geschichte von der himmlischen Nahrung für das Volk Israel?

Von Sofia Glasl

Alois Hingerl kommt in den Himmel und ist unzufrieden. Der Münchner Grantler soll als Engel Aloisius täglich im Akkord frohlocken, und Bier gibt es auch keines. Manna soll er trinken. "Des kennt's selber saufa", brummelt er sich in Rage. Denn, so das Sprichwort, was der Bauer nicht kennt, frisst - oder säuft - er eben nicht.

Der Schriftsteller Ludwig Thoma porträtierte den griesgrämigen Bierdimpfl 1911 in "Der Münchner im Himmel" so liebevoll wie ironisch, die Frage nach dem Manna klärte er jedoch nicht.

Denn der Hingerl Alois ist beileibe nicht der Einzige, der das sagenumwobene Manna nicht kennt. Was das auch als Himmelsbrot bezeichnete Lebensmittel war, das die Israeliten auf ihrer 40 Jahre währenden Wanderung durch die Wüste vor dem Hungertod rettete, daran scheiden sich selbst heute noch die Geister.

Die weißen Kügelchen glichen hellen Koriandersamen und schmeckten nach Honigkuchen

Wahrscheinlich war es kein Getränk, wie der bierdurstige Alois vermutete, sondern eine Speise, zumindest wird das Manna sowohl im "Exodus" genannten Zweiten Buch Mose des Alten Testaments als auch im Neuen Testament wörtlich wie bildlich als Brot bezeichnet. Nach dem Exodus aus Ägypten führte Moses das Volk durch die Wüste Sin in Richtung des geheiligten Landes am Berg Sinai vorbei, wo er hinaufstieg und die Zehn Gebote empfing und der Prophet zum Heilsbringer Israels wurde.

Zuvor jedoch war das aus der ägyptischen Gefangenschaft befreite Volk zwischenzeitlich nicht so gut auf Moses zu sprechen, denn die Lebensmittelvorräte gingen auf dem langen Marsch durch die Wüste recht schnell zur Neige.

Das Volk murrte, und Gott sprach, wie im Exodus verzeichnet ist: "Ich will euch Brot vom Himmel regnen lassen. Das Volk soll hinausgehen, um seinen täglichen Bedarf zu sammeln. Ich will es prüfen, ob es nach meiner Weisung lebt oder nicht."

Geschichte Was das Christentum vom Judentum kopierte
Religionsgeschichte

Was das Christentum vom Judentum kopierte

Jesus als Sohn Gottes ist nicht eine Idee der Christen, sondern geht auf Vorstellungen aus dem Judentum zurück. Judaistik-Professor Peter Schäfer über die Frühzeit zweier Weltreligionen.   Interview von Oliver Das Gupta

Also ein Handel: Brot gegen Gebotsgehorsam. Gott hielt sein Wort, und die Israeliten fanden seit diesem Zeitpunkt jeden Morgen so viel Manna, wie sie zum Leben brauchten. Es konnte nicht über Nacht aufbewahrt werden, weil es schnell verdarb - eine Prüfung des Vertrauens in Gott, dass er sie täglich versorgen würde.

Doch was genau das Manna nun war, ist aus der Bibel nicht herauszulesen, ebenso wenig aus dem jüdischen Talmud und dem Koran, in welchen das Lebensmittelwunder auch Erwähnung findet. Jeden Morgen, "als sich die Tauschicht gehoben hatte, lag auf dem Wüstenboden etwas Feines, Knuspriges, fein wie Reif, auf der Erde", heißt es in der Bibel.

Die kleinen weißen Kügelchen, die aussahen wie helle Koriandersamen, schmeckten nach Honigkuchen und konnten zu allerlei Speisen weiterverarbeitet werden. Der Begriff "Manna" selbst deutet an, dass die Speise nicht eindeutig zu definieren ist, denn der sprechende Name stammt vermutlich vom Hebräischen "man hub?" ab, was so viel bedeutet wie "Was ist das?"

Über die Jahrhunderte haben sich natürlich Theorien entsponnen, und zahlreiche Vergleiche mit lebensweltlichen Viktualien wurden angestellt. Die weißen Kügelchen hielt man lange für Honigtau, die Ausscheidungen von Schildläusen, die auf dem in der Sin-Wüste vorkommenden Tamarindenbaum vorkommen. Auch der Baumsaft der im Mittelmeerraum ansässigen Manna-Esche wurde für das Original gehalten, wobei natürlich die Namensgebung an den biblischen Mythos angelehnt ist: Also nomen est omen post hoc.

Der als Manna cannelata bekannte Saft gilt auch als Heildroge - mit leicht abführender Wirkung. Man kann sich nun fragen, ob eine vierzigjährige bevölkerungsübergreifende Magenreinigung in der Bibel unerwähnt geblieben wäre, denn eine solche Plage hätte natürlich auch als Strafe Gottes gedeutet werden können. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass das Manna cannelata wohl eher nicht das biblische Manna ist.

Absurdere Erklärungsversuche gibt es natürlich auch, doch sind diese schon beinahe Verschwörungstheorien, die aus recht blumigen Bibelinterpretationen entstanden sein müssen. Denn im Exodus ordnete Gott an, ein Gefäß mit Manna für die kommenden Generationen als Erinnerung an die lange Wanderschaft aufzuheben, zur Archivierung sozusagen.

Moses ließ dieses Behältnis vor die Bundeslade stellen. Diese ist ein ebenso sagenumwobener Kultgegenstand, der den Bund des israelischen Volkes mit Gott besiegelt, aber lediglich in der Bibel überliefert ist. Archäologische Beweise gibt es weder für sie noch für das Manna.

Nach dem Genuss erschien ihnen Jahwe. Ist Manna also eine halluzinogene Droge?

Aus dieser Verknüpfung von Bundeslade und Manna entwickelten sich hanebüchene, aber deshalb enorm unterhaltsame Theorien. Etwa die 1976 in einem Aufsatz mit dem sensationellen Titel "Deus est machina?" der beiden Briten Gordon Sassoon und Rodney Dale aufgestellte Behauptung, das Manna entstehe in einer außerirdischen Maschine, die mithilfe von Radioaktivität Algenkulturen züchte. In der Bundeslade.

Als Beweis ziehen sie Stellen aus kabbalistischen Interpretationen des Tanach heran, also der für das Judentum zentralen Bibeltexte. Ebenso liest Dan Merkur in "The Mystery of Manna: The Psychedelic Sacrament of the Bible" Gotteserscheinungen als drogeninduzierte Halluzinationen, allerdings durch eine kausale Verknüpfung von lediglich chronologisch erzählten Vorkommnissen: Die Israeliten aßen Manna. Anschließend - aber nicht deshalb - erschien ihnen Jahwe.

Alois Hingerl hingegen nörgelt sich bei seiner Begegnung mit Gott zurück auf die Erde und kehrt schnurstracks im Münchner Hofbräuhaus ein. Auch sein Drogendelirium steht erst einmal in keinem direkten Zusammenhang mit der Gotteserscheinung.

Damit ist er allerdings gottesfürchtiger, als es ihm lieb sein dürfte - zumindest in der Fastenzeit. Denn die ist in Bayern traditionell noch Starkbierzeit und somit eigentlich ein Widerspruch in sich: Zwar bricht Flüssiges das Fasten nicht, doch brauten die Mönche ein solch gehaltvolles Nährbier, dass sie es im 17. Jahrhundert in Rom gewissermaßen als irdisches Manna absegnen lassen mussten, um sich nicht der vorsätzlichen Trinkerei schuldig zu machen.

Geschichte Wie die Germanen zu Biertrinkern wurden

Geschichte des Bieres

Wie die Germanen zu Biertrinkern wurden

Biochemiker Franz Meußdoerffer schildert, wie Gerstensaft die Menschen seit Jahrtausenden begleitet - und was Münchner Bier mit Industriespionage zu tun hat.   Interview von Oliver Das Gupta