Berliner Stadtschloss Bei so viel Eifer, alles richtig zu machen, sind die Ausrutscher bemerkenswert

Bemerken sie nicht, wie sie hier mit jedem neuen Schritt in selbstgestellte Fallen treten? Es beginnt beim Thema: Kinder! Das muss ja Spaß machen, nicht zuletzt den vielen Kindern, die mit ihren Klassen oder beim Berlinbesuch hierher kommen. Enttäuscht werden sie feststellen, dass es hier nicht um das Lustige, Berührende, Geniale von Kindern geht, sondern um Kinder als Problem, vor allem von Erwachsenen. Egal, wie gut gelaunt man die Ausstellung betritt, man verlässt sie bedrückt.

Weder die Chronologie der Ausstellung - statt mit Kindern beginnt sie mit Göttern - noch die Auswahl der Themen ist plausibel. Sie spricht viel von Flucht und Migration, verliert aber kein Wort zu Kinderarbeit oder sexuellem Missbrauch. Sie erinnert zu Recht an die Brutalität europäischer Pädagogen in den Kolonien, aber sagt nichts zur Geschichte von Gewalt und Züchtigung in deutschen Schulen und Elternhäusern. Sie zeigt Tragetaschen und Kindersitze, aber ignoriert das Thema, das Eltern gerade viel mehr bewegt, die digitalen Medien. Und wo bleibt das Wichtigste, das Eltern ihren Kindern zum Schutz geben können: Zärtlichkeit, Vertrauen - Liebe?

Offenbar bestand die Aufgabe der drei Kuratorinnen aber ohnehin vor allem darin, die Auftragsliste der Intendanten abzuarbeiten. Der Kolonialismus musste vorkommen und die Religionen, Frauen und indigene Völker, Vergangenheit und Gegenwart, Kostbares und Alltägliches, die Welt, Berlin und natürlich die Humboldts. Zwar sei es mühsam gewesen, die vielen Berliner Häuser zusammenzubringen, stöhnte MacGregor, aber auch das hat man geschafft, auch wenn man das Botanische Museum nicht hätte bemühen müssen, um Müslischüsseln mit Mais, Hafer und Gerste aus dem Bioladen beizusteuern.

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Bei so viel Eifer, alles richtig zu machen, sind die Ausrutscher um so bemerkenswerter. Gefragt, warum die Ausstellung zwar "Bibelgeschichten" zeigt, aber nichts aus dem Koran oder dem Talmud, erklärte die Kuratorin Anke Daemgen: "Wir sind in der kurzen Zeit einfach nicht fündig geworden." Ist ihr entgangen, wie hart zuletzt um das Kreuz auf dem Schloss diskutiert wurde und wie sensibilisiert die Öffentlichkeit deshalb für jedes weltanschauliche Ungleichgewicht ist?

Die Schau hätte besser unter freiem Himmel stattgefunden, im Internet oder in Afrika

Doch das viel größere Problem ist gerade der Zwang zur Ausgewogenheit, der dem Humboldt-Forum jeden Sauerstoff rauben wird. So kann "Vorsicht Kinder" nur sagen, was jeder weiß: dass alle Kulturen ihre Kinder schützen, dass dieser Schutz aber auch Gängelung bedeutet. Die Banalität der These wiederum schlägt auf die Exponate durch. Man hat sie ja weder als Kunstwerke aufgestellt, noch lässt sich viel an ihnen ablesen. Sie dienen lediglich dazu, zu belegen, was ohnehin unstrittig ist. So wirken sie doppelt entwertet.

Es wäre leicht gewesen, sich auszurechnen, dass man mit einer Lehrlingsarbeit schlecht Reklame für ein kommendes Meisterwerk machen kann. Wie erfrischend wäre auf dieser "Probebühne" (MacGregor) ein Experiment gewesen: Kinder hätten die Ausstellung kuratiert, Flüchtlinge, oder Vertreter indigener Völker. Die Schau hätte unter freiem Himmel stattfinden können, im Internet, in Afrika oder in den leeren Sälen der Dahlemer Museen. Alles hätte mehr Lust gemacht und mehr Relevanz gehabt.

Den drei Gründungsintendanten ist die Tristesse nicht allein anzulasten. Auch nicht Monika Grütters oder Angela Merkel, obwohl sie das große Staatsprojekt jahrelang vor sich hin dümpeln ließ. Das Ganze leidet auch nicht nur an der Unmöglichkeit der Aufgabe, in einem Fake-Preußenschloss Objekte zu zeigen, die die preußische Regierung aus den Ländern rauben ließ, mit denen man jetzt "zusammenarbeiten" will. Auch die verquere Organisation ist nicht allein verantwortlich: die Vielzahl der Berliner Institutionen, die an dem Projekt beteiligt sind und um Status, Mittel, Einfluss konkurrieren. Die ungeklärte hierarchische Struktur des ganzen Unternehmens. Und die Tatsache, dass die drei Gründungsintendanten erst berufen wurden, als das Projekt fertig geplant war, vor der Eröffnung aber abgelöst werden durch einen Intendanten, der dann wiederum vor vollendeten Tatsachen steht.

Das Unglück geht vielmehr zurück auf eine überkommene Kultur der Expertengläubigkeit, des Konservatismus und der Staatsgläubigkeit. Man konnte das erleben, als Lavinia Frey, Geschäftsführerin der Humboldt Forum Kultur GmbH, bei der Eröffnung nicht die Gäste oder die Vertreter aus Venezuela als erste begrüßte, sondern die Gründungsintendanten. Diese Kultur ist auch dafür verantwortlich, dass drei weiße Europäer, die im Durchschnitt 66 Jahre alt sind, ein innovatives Weltkulturenmuseum erfinden sollen. Dass die Öffentlichkeit von der Planung so wenig wie möglich erfahren soll. Und dass MacGregor als "Gründungsintendant" tituliert wird und sich titulieren lässt, obwohl er nur einen Beratervertrag über zehn Tage im Monat hat, der in fünf Monaten ausläuft. Mit seinem konkreten Konzept wird übrigens erst Ende des Jahres gerechnet.

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