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Berlinale:"Die Filmindustrie hat in meinen Augen ein Problem"

Schauspieler Welket Bungué bei der Pressekonferenz zum Film BERLIN ALEXANDERPLATZ anlässlich der 70. Internationalen Fil

Welket Bungué bei der Berlinale.

(Foto: K.M.Krause/Imago)

Der Schauspieler und Regisseur Welket Bungué über Vorurteile im Kino und das Glück, bei der Berlinale dabei sein zu dürfen.

Von Julia Meidinger

Welket Bungué hatte seinen Durchbruch als Hauptdarsteller in der Neuverfilmung von "Berlin Alexanderplatz", die 2020 auf der Berlinale Weltpremiere feierte. Dieses Jahr kehrt der 33-Jährige zum Festival zurück mit einem Kurzfilm, den er selbst inszeniert hat.

SZ: Letztes Jahr waren Sie einer der Shooting-Stars auf der Berlinale. Wie hat sich das angefühlt?

Welket Bungué: Gut, sehr gut sogar. Es war wahnsinnig wichtig für mich, dort zu sein, denn es war ein weiter Weg. Ich stamme aus Guinea-Bissau. Mein Vater hat mit den Portugiesen, den Besetzern, zusammengearbeitet. Und nachdem Guinea-Bissau unabhängig wurde, hatten diese Menschen es schwer dort. Meine Eltern sind nach Europa ausgewandert, als ich ein Kleinkind war, und haben so einen Weg gefunden, frei zu sein. Für mich persönlich war es zudem ein großer Erfolg, dass ich nicht in einem portugiesischen, sondern in einem deutschen Film mitspielen durfte. Und darin eine Sprache sprechen musste, die ich nicht kannte. Das war ein wichtiger Moment.

Das ist eher selten in der Filmindustrie.

Viele denken, dass Menschen mit meinem Profil nicht die Voraussetzungen mitbringen, um die Hauptrolle in einem Film wie "Berlin Alexanderplatz" zu spielen. Deswegen muss es ein Appell an diejenigen sein, die das Filmbusiness dominieren. So etwas müsste öfter passieren, damit wir die Welt diverser und das Film- und Showbusiness repräsentativer machen.

Das bedeutet auch, dass Schwarze nicht nur Geflüchtete, sondern auch andere Hauptrollen spielen.

Ich mag es nicht, wenn man Menschen wie Frances in unserer Version von "Berlin Alexanderplatz" einen Flüchtling nennt. Nennt ihn lieber Neuankömmling. Die Filmindustrie hat in meinen Augen ein Problem: Sie reproduziert Stereotype. Sie zeigt den Menschen, was sie sehen wollen. Das ist in Deutschland nicht anders als in Portugal oder Großbritannien. Und natürlich sehen die Menschen in "Berlin Alexanderplatz" die Reise eines Flüchtlings. Aber wenn sie sich von allen Vorurteilen lösen, sehen sie einfach nur einen Reisenden. Mich erinnert Frances' Reise an Homers "Odyssee". Es ist eine universelle Geschichte.

Ist Ihr kritischer Blick auf kommerzielle Filme der Grund, warum Sie jetzt eigene Filme machen?

Auf alle Fälle. Ich kann nur einen Film über etwas drehen, das mich beschäftigt oder bewegt. Deswegen kann ich nicht nur reines Unterhaltungskino machen. Dafür gibt es Menschen mit Geld. Sie nutzen ihr Wissen über Psychologie, Werbung, Farbkorrekturen und sexistische Darstellungen von Körpern, um möglichst viele Leute in ihre Filme zu locken. Aber das will ich nicht, das interessiert mich nicht.

Ihr Kurzfilm, bei dem Sie Regie führen, heißt "MUDANÇA". Wie haben Sie erfahren, dass er auf der Berlinale laufen wird?

Ich war zu dem Zeitpunkt in Guinea-Bissau, und alles musste sehr schnell gehen. Leider ist das Internet dort echt schwach, deswegen musste ich meine Log-in-Daten und Passwörter einem Freund in Portugal schicken, damit der meinen Film hochladen konnte.

Inwiefern unterscheidet sich Ihr Film von konventionellen Produktionen?

Bei konventionellen Filmen gibt es ein festes Skript, Tontechniker und einen Regisseur, der den Schauspielern sagt, was sie zu tun haben. Ich habe eine breitere Auffassung vom Kino. Mein Film folgt keinen Regeln. All meine Filme müssen eine Reflexion der Gegenwart sein. Ich verstehe sie als Dienst an der Öffentlichkeit. Aber es ist schwer für mich, mit meinen Filmen viele Menschen zu erreichen - weil ihr Inhalt und die Art, wie sie produziert sind, von den Vorgaben abweichen. Ich muss alternative Wege finden, um der Öffentlichkeit meine Filme zu zeigen. Deswegen ist es auch so wichtig für mich, an der Berlinale teilzunehmen.

Kinostart - 'Berlin Alexanderplatz'

Albrecht Schuch und Welket Bungué in "Berlin Alexanderplatz".

(Foto: Picture Alliance/dpa)

Verstehen Sie sich als politischer Künstler?

Sehr, man kann ja nicht der Realität entfliehen. Wenn ich den Menschen in meinen Filmen zeige, dass sie einen freien Willen haben, ist das für mich schon politisch. Für mich sind Entscheidungen immer dann politisch, wenn den Menschen bewusst wird, dass sie eine Wahl haben. Ansonsten folgen sie blind irgendwelchen Menschen, wie in den sozialen Netzwerken. Ich will den Leuten zeigen, dass sie die Wahl haben, wie sie auf die Welt blicken. Meine Filme sind nicht aus der Sicht eines Portugiesen oder Afrikaners gedreht, sondern von jemandem, der die Welt als Einheit sieht.

Im Trailer Ihres neuen Films rezitieren Sie Gedichte, eine Frau singt. Mich hat das an eine Theaterinszenierung erinnert.

Das Projekt war tatsächlich erst als Bühnenstück geplant. Aber da es wegen Corona nicht aufgeführt werden konnte, habe ich es verfilmt. Dafür habe ich zwei Prosagedichte meines Vaters Paulo T. Bungué genommen und die portugiesische Parlamentarierin Joacine Katar Moreira für ein Performance-Stück eingeladen. Ziel war es, ihre Aussagen in Bewegung zu übersetzen. Der Höhepunkt dieses Films ist der spontane und sehr persönliche Vortrag von Joacine. Niemand hatte ihn aufgeschrieben, die Worte sind einfach aus ihr rausgebrochen.

Gibt es ein Erlebnis, das Sie als Mensch und Künstler besonders geprägt hat?

Ich bin 2012, damals war ich 24, nach Brasilien gegangen, um dort zu studieren. Das war wie eine Wiedergeburt für mich, ähnlich wie bei Hesses "Siddhartha". In Brasilien war ich nicht schwarz im Sinne der Afrobrasilianer, aber natürlich war ich auch nicht weiß. Ich war ein afroeuropäischer Schwarzer. Die Brasilianer diskriminieren auch heute noch die Afrobrasilianer, die sie früher versklavt haben. Ich habe mich anfangs gefragt: Warum behandeln sie mich nicht genauso? Dann habe ich gelernt, dass die Brasilianer mich anders sehen als die Europäer. In Brasilien war ich nicht mehr nur der Schwarze, sie unterscheiden zwischen den schwarzen Afrobrasilianern und den Afrikanern. Dort ist mir zum ersten Mal wirklich mein kulturelles Erbe bewusst geworden. Und ich konnte zum ersten Mal verstehen, wer ich wirklich bin.

Warum mussten Sie erst nach Brasilien gehen, um das herauszufinden?

Weil ich in Portugal mein Schwarz-Sein nicht zelebrieren konnte. Dort ist die afrikanische Kultur unsichtbar, sie verstecken sie, auf den Straßen und in den Medien. Aber in Brasilien war diese Kultur lebendig. Die Afrobrasilianer haben mich den "Mann aus Afrika" genannt und ihre Augen haben dabei geleuchtet. Weil sie in gewisser Weise auf einen ihrer afrikanischen Vorfahren geblickt haben, gegenwärtig und am Leben. Diese Beziehung zu den Afrobrasilianern hat mir sehr viel bewusst gemacht, auch wenn ich mich innerlich immer wie ein afrikanischer Europäer gefühlt habe, daran gibt es keine Zweifel. Das ist, was ich bin. Die Brasilianer haben mir mehr beigebracht, als Europa es jemals könnte.

Trotzdem sind Sie nach Europa zurückgekehrt, Sie leben aktuell in Berlin. Warum?

Seit Jair Bolsonaro in Brasilien an der Macht ist, verwandelt er das Land in eine Diktatur. In so einem Land kann und will ich nicht leben. Außerdem haben wir 2019 angefangen, "Berlin Alexanderplatz" zu drehen. Allein für dieses Mammutprojekt musste ich nach Europa ziehen. Und, vielleicht der schönste Grund: Meine Partnerin ist aus Deutschland und freut sich, wieder in ihrer Heimat zu sein.

© SZ/dbs
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