"Beat It!"-Musical Ein Moonwalk, mondiger als der Mond

Nichts, wie es scheint: Der Herr im Hintergrund trägt Kinnstück.

(Foto: Getty Images)

Wie konnte es nur geschehen, dass Dantanio Goodman, der Imitator Michael Jacksons in der Berliner "Beat It!"-Show, sein Original derart übertraf?

Von Jan Kedves

Man muss ein Herz für Popstar-Imitatoren haben. Sie stecken so verdammt viel Arbeit in ihr Ziel, tänzerisch und gesanglich zu dieser einen Person zu werden, die trotzdem so ikonisch ist, dass sie immer besser und talentierter und, ja, auch echter wirken wird als jeder Imitator. Dabei dürfen Imitatoren keine Sekunde lang sie selber sein, denn sonst würde man sagen: Das war keine gute Imitation. Imitatoren stecken sozusagen ewig in diesem Limbo zwischen Streben und Nie-heranreichen-können.

Bei Imitatoren von Michael Jackson kommt noch hinzu, dass es schon mal gar nicht leicht ist, so auszusehen wie das Vorbild. Manche gehen so weit, sich im Gesicht operieren zu lassen, was sie dann für den Alltag eher untauglich macht.

Dantanio Goodman aus Südafrika aber hat für sich einen gangbaren Weg gefunden, zu Michael Jackson zu werden. Er klebt sich ein Kinnstück mit der charakteristischen Kerbe an, und seine Nase klebt er mit Klebeband so ab, dass sie etwas schmaler und spitzer wirkt. Den Rest erledigt das helle, sehr dick aufgespachtelte Make-up. Das Gesicht stimmt dann schon mal. Wobei Goodman vielleicht etwas zu klein ist, weswegen sein Kopf darum im Verhältnis zum Körper zu groß wirkt und die Gesamterscheinung eher gedrungen. Michael Jackson war doch sehr dünn und leicht wie eine Feder und hatte diese schmalen Hüften. Nun gut.

Dantanio Goodman sang und tanzte bereits die Hauptrolle in der global tourenden "Michael Jackson History Show", er ist nun der Star der neuen Show "Beat It!", die am Dienstag im Theater am Potsdamer Platz in Berlin ihre Vorpremiere feierte und bald durch Deutschland touren wird. Vor einigen Tagen geriet sie in die Schlagzeilen, weil sie sich nicht mehr als Michael-Jackson-Musical bezeichnen darf. Die Nachlassverwalter des 2009 gestorbenen Popstars, der an diesem Mittwoch 60 Jahre alt geworden wäre, hatten aus den USA gegen die Show geklagt.

Und da war man doch überrascht: Er kann ja auch noch singen wie der echte Michael Jackson!

Deshalb, weil sie denken, "Beat It!" sei ein Musical. Zu einem Musical gehört aber eine Handlung. Die gibt es hier nicht. Im Prinzip ist "Beat It!" eine austauschbare Abfolge von 25 live gespielten und gesungenen Jackson-Klassikern, "Dirty Diana", "Thriller", "Man In The Mirror", "Billie Jean", "Beat it", "ABC". Dazwischen gibt es unnötige und eher nervige Intermezzi, in denen "Journalisten" in Anzügen aus Zeitungspapier in einer nachgespielten Redaktionskonferenz versuchen, sich einen Reim auf diesen rätselhaften Jackson zu machen - wobei Formulierungen wie "Wacko Jacko" erfunden werden.

Als "Handlung" möchte man das dann aber noch nicht bezeichnen. Die Klage gegen "Beat It!" dürfte so gesehen keine Chance haben. Das öffentliche Singen von Michael-Jackson-Songs mit abgeklebter Nase ohne Handlung kann einem noch niemand verbieten. Warum klagen die Nachlassverwalter also? Michael-Jackson-Imitatoren brauchen doch auch Arbeit.

Es könnte allerdings einen Grund geben, warum "Beat It!" keine Handlung aufweist, nämlich die Gema, die "Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte" in München. Sie berechnet nach ihrem "U-Büh"-Tarif für eine "bühnenmäßige Aufführung" mit Handlung - also eine Aufführung, in der bestimmte Songs an bestimmten Stellen kommen müssen, weil sonst die Narration nicht funktioniert - fünfzehn Prozent des "geldwerten Vorteils des Veranstalters". Bei einer Show, in der die Songs wild durcheinandergewürfelt werden können, fallen "nur" zehn Prozent an.

Der Veranstalter, die "Cofo Entertainment Group" aus Passau, will wohl etwas Geld sparen. Hoffentlich kommt es jetzt bei Dantanio Goodman und Koffi Missah an, der den jüngeren Michael Jackson mit dunklerer Haut und Afrofrisur spielt. Und bei den Tänzerinnen und Tänzern und Musikerinnen und Musikern, die sich in Kunstleder-Outfits und Haarspray-Frisuren alle Mühe geben, ein glaubhaftes Jackson-Spektakel auf die Bühne zu bringen.

Wobei die juristischen Details vielleicht auch ein wenig den Blick auf die Bühne verstellen, auf der Dantanio Goodman gerade unter lautem Jubel zum wirklich tollen Moonwalk ansetzt, jenem magischen, von Marcel Marceau inspirierten Rückwärtsgang, der aussieht, als liefe man gegen den Wind nach vorne. Dantanio Goodman läuft, bevor er sich nach hinten bewegt, den Moonwalk erst mal einige Sekunden lang auf der Stelle, so lang, wie Jackson selbst es nie getan hätte. Im Stehen schon so zu laufen, dass es aussieht, als liefe man rückwärts vorwärts: Das ist die hohe Kunst. Wächst hier, am Marlene-Dietrich-Platz, ein Imitator über den echten Michael Jackson hinaus?

Das wäre was. Ansonsten fällt es aber schwer, das zu beurteilen, denn die Vorpremiere war von einigen technischen Problemen geplagt. Die Tonkonsole samt des digitalen Back-up-Systems schmierte im zweiten Teil ab, was sich dadurch ankündigte, dass die Live-Spuren und Play-back-Spuren immer weiter auseinanderdrifteten. Alles klang auf einmal sehr breiig, Dantanio Goodmans Stimme schepperte arg metallisch, bis das Play-back dann komplett ausfiel.

Um die Situation zu retten, sang der gute Mann dann einige Strophen ohne digitale Hilfe - und da war man doch sehr überrascht: Er kann ja wirklich singen wie der echte Michael Jackson! Wenn der Imitator jedoch erst in dem Moment hundertprozentig überzeugend wirkt, wenn die Technik ausfällt, drängt sich der Eindruck auf, dass mit der Inszenierung irgendetwas noch nicht ganz stimmt. Und dass einem, wenn die Inszenierung stimmte, die breiten Hüften gar nicht erst aufgefallen wären. Das ist doch unfair!

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