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BDS in der Kulturszene:Kein Verständnis für den Boycott von Menschen

Sophia Deeg leitet die Berliner BDS-Facebookgruppe . Man könne ihr Fragen per Mail stellen, schreibt sie, aber ein Treffen sei nicht möglich. Warum? Die 66-jährige ehemalige Lehrerin und Übersetzerin schreibt, Interviews seien zu zeitaufwendig und das Ergebnis "meist kümmerlich bis kontraproduktiv. Unsere Zitate wurden oft in einen sinnentstellenden Kontext gestellt."

Argumente gegen BDS gebe es "kaum", schreibt Deeg in einer Mail, "allerdings eine starke Gegnerschaft", was "nicht verwunderlich" sei "bei den Erfolgen der Kampagne". BDS behindere nicht den Dialog, sondern sei in Wahrheit ein "globales Gespräch". Ist sie für die Zweistaatenlösung? Deeg weicht aus. "Ich habe nicht das Recht, mich an der Stelle der Betroffenen für irgendeine Form der Staatlichkeit einzusetzen, die diese anstreben sollten."

In Israel und den besetzten Gebieten war Deeg zuletzt vor 16 Jahren. "Ich brauche es nicht darauf ankommen zu lassen, als relativ bekannte BDS-Aktivistin womöglich an der Einreise nach Israel gehindert zu werden", mailt sie.

Ein Opfer des BDS-Boykotts ist das von Daniel Barenboim gegründete West Eastern Divan Orchester, dem Musiker aus Israel, den Palästinensergebieten, Syrien, Jordanien und Spanien angehören. 2005 spielte das Orchester Beethoven in Ramallah. "Heute ginge das nicht mehr", sagt Barenboim. Denn das wäre für Palästinenser "ein Akt der Normalisierung". Zwar werde Normalisierung "auf der ganzen Welt eigentlich als etwas Positives" verstanden, sagt Barenboim, aber im Nahen Osten hieße das, "den Status quo der Besatzung fortzusetzen". BDS-Aktivisten hätten Musiker seines Orchester unter Druck gesetzt, sagte Barenboim in einem Dokumentarfilm des BR. Er könne verstehen, wenn eine Regierung boykottiert werde. Wofür er aber kein Verständnis habe: Wenn Menschen boykottiert würden.

Ein Abend in der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Rund 400 Plätze in Hörsaal 118 sind belegt. Michael Meyen, Professor für Kommunikationswissenschaft, kündigt die Veranstaltung "Israel, Palästina und die Grenzen des Sagbaren" an. Sprechen soll der in Genf lebende taz-Journalist Andreas Zumach. Ein gutes Dutzend Organisationen hatte die Absage der Veranstaltung verlangt, unter anderen der Verband der Jüdischen Studenten in Bayern, die Zionistische Organisation München, die Jewish Agency und die "Münchner Bürger gegen Antisemitismus und Israelhass". Zumach werbe für BDS und propagiere Antisemitismus, kritisierten sie.

Seinen Vortrag beginnt Zumach mit einer Drohung: "Wer mich mit der Absicht der Verleumdung falsch zitiert, der bekommt großen Ärger, das sage ich in aller Klarheit, das wird viel Geld kosten." Er habe gute Anwälte. Im Hörsaal sitzt der Vertreter der Jewish Agency in München, Yonatan Shay, und viele Münchner Juden. Einer hat sich in die Israelflagge gehüllt. In ihren Augen ist Zumach Antisemit.

Zumach gehört dem "Bündnis zur Beendigung der Israelischen Besatzung" (BIB) an, das auf seiner Internetseite viel Verständnis für militante Palästinenser zeigt. Die Raketen aus dem Gazastreifen seien "Ausdruck der Verzweiflung und Ohnmacht angesichts der Ausweglosigkeit ihrer Situation". Über eine Stunde liest Zumach vom Manuskript ab, immer wieder gestört von Israel- und Palästina-Sympathisanten. Kritik an der Palästinenserführung übt Zumach nicht.

In Hörsaal 118 der Münchner Uni hofft ein Palästinenser auf die nächste Intifada

Nirit Sommerfeld hat der Vortrag gefallen. Die in Israel geborene Schauspielerin sympathisiert mit der BDS-Bewegung, sagt sie an einem Wintervormittag in einem Münchner Café. Sommerfeld ist Mitgründerin von BIB. Das hat ihr im Freundeskreis Abneigungen beschert. Jüdische Freunde, sagt sie, "mit denen ich vor 15 Jahren noch Party gefeiert habe, wollen nichts mehr mit mir zu tun haben".

Sommerfeld sagt, die beiden Intifadas, die Aufstände der palästinensischen Jugendlichen, hätten gezeigt, dass die Palästinenser mit Gewalt nichts erreichen. Also "haben sie sich für eine gewaltfreie, geistige Bewegung, die BDS" entschieden. Sie findet es "gut, dass es keinen BDS-Verein gibt mit einer Satzung und Mitgliedschaft. BDS ist total divers." Manchmal aber gehe ihr die Diversität zu weit: "Bei BDS tummeln sich womöglich auch antiisraelische Aktivisten, die Juden aus ganz Palästina vertreiben möchten."

In Hörsaal 118, in Reihe acht, saß ein älterer Palästinenser. Seit 16 Jahren lebt der Familienvater in München. Er hat einen Job als Ingenieur. Es gehe ihm gut, hatte er gesagt, nicht aber seinen Verwandten in einem Dorf nahe Hebron im Westjordanland. "Seit es BDS gibt, werden wir Palästinenser endlich wieder gehört." Um ehrlich zu sein, hatte er geflüstert, während Zumach redete, "müsste es eine dritte Intifada geben". Boykott allein helfe nicht. Israel verstehe "nur Gewalt". Mit diesem Satz dürfe man ihn aber nicht zitieren. Am Ende der Veranstaltung hatte er es sich dann doch anders überlegt und gesagt: "Sie dürfen mich sehr gerne mit diesem Satz zitieren. Aber nur ohne Namen."

Gegendarstellung

Zu "Hauptsache, dagegen" BDS in der Kulturszene vom 28.1. 2019

Sie schreiben über mich: "Er zählt auf, was er an BDS gut findet. Israels Regierung sei "die größte Gefahr für Frieden", sagt er."

Dazu stelle ich fest: Ich habe nichts genannt, was ich an BDS gut finde. Ich habe nicht gesagt, dass Israels Regierung die größte Gefahr für Frieden sei.

Gesagt habe ich: "Die völkerrechtswidrige Besatzungspolitik der israelischen Regierung ist die größte Gefahr für eine gesicherte und auf Dauer unbedrohte Existenz des Staates Israel."

Genf, den 3. Februar 2019

Andreas Zumach

Herr Zumach hat Recht. Die Redaktion.

© SZ vom 28.01.2019/heka/stein

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