Sommertheater:"O Captain! My Captain!"

Sommertheater: Nicht nur Jungs, die Gedichte lesen: Die Schüler beleben den "Club der toten Dichter" neu.

Nicht nur Jungs, die Gedichte lesen: Die Schüler beleben den "Club der toten Dichter" neu.

(Foto: Klaus Lefebvre)

In Bad Hersfeld starten die 70. Festspiele mit dem richtigen Theaterstück für Coronamüde.

Von Christiane Lutz

Wenn der Regen kommt, ist Zeit für Sommertheater. Keine Bauernregel, altes Theatergesetz. Das wissen die Zuschauer der Bad Hersfelder Festspiele natürlich und sind bei 13 Grad entsprechend ausgestattet mit Wintermänteln und Decken, wird ja ganz schön kalt

70 Jahre ist es her, dass der Österreicher Johannes Klein die nach dem Vorbild der Salzburger Festspiele gegründeten Bad Hersfelder Festspiele als Intendant übernahm. Schnell war es das Sommertheater des Landes, fast so aufregend wie Salzburg, man spielte den "Jedermann", klatschte ab 1966, vorher hatte man ehrfürchtig in der Kirchenruine zu schweigen. Götz George, Will Quadflieg, Erika Pluhar, Witta Pohl, Theo Lingen spielten, Bad Hersfeld sonnte sich in ihrem Glanz. In den Achtzigerjahren ging es bergab, schnelle Intendantenwechsel, bis 2015 Dieter Wedel kam und 2018 wieder ging, wegen Vorwürfen von Vergewaltigung und sexualisierten Übergriffen.

Beherzt packte damals sein Assistent Joern Hinkel an, 2020 sollte der 70. Geburtstag gefeiert werden, doch der musste aus bekannten Gründen auf 2021 verschoben werden. Nun stehen bis zum 8. August vier neue Produktionen auf dem Plan: "Momo", das Musical "Goethe!", die Komödie "Extrawurst", und zur Eröffnung "Der Club der toten Dichter".

Als "Der Club der toten Dichter" 1989 ins Kino kam, wollte jeder einen Lehrer wie John Keating haben, der des Titels "O Captain! My Captain!" würdig war. Und auch wenn es einem nicht so vorkommt: der Stoff wurde noch nie auf einer europäischen Bühne gespielt. Entsprechend lang mussten Festspielleiter Joern Hinkel und sein Team telefonieren, ehe sie bei Drehbuchautor Tom Schulman landeten. Der ließ sich überzeugen, wollte aber an einer Fassung mitarbeiten.

Das erklärt, warum Hinkel seine Inszenierung so nah am Film anlehnt, anlehnen musste. Das ist schön für jene, die den Film verehren, aber auch wenig originell für alle, die gern eigene Ideen von Künstlern auf der Bühne sehen. Der Zauber der Geschichte aber liegt in ihrem romantischen, unverstellten Pathos, und das bringt Hinkel dann auch immerhin genauso originalgetreu auf die Bühne.

Naturalistisch zeichnet er die Geschichte der Schüler nach, die vom unkonventionellen Lehrer John Keating zum Selbstdenken und -fühlen angeregt werden. Der autoritäre Muff eines Elite-Internats in den späten Fünfzigerjahren, kichernde Mädchen in Cheerleader-Uniformen, Väter, die der Krieg hart gemacht hat und die ihre Söhne zu etwas formen wollen, das sie selbst nicht mehr sind. Hormone und heimliches Rauchen, der Wahnsinn der ersten Liebe. Hinkel hat ein paar tolle junge Schauspieler dabei, Nico Ramon Kleemann, 19, schreit als introvertierter Todd Anderson (im Film war das Ethan Hawke) sich mit einem, Zitat Walt Whitman, "barbarischen Yawp" frei, Till Timmermann spielt einen vor Leidenschaft glühenden Neil Perry. Der charismatische Lehrer John Keating ist sicher am schwersten zu besetzen, zu eindrücklich war Robin Williams damals in der Rolle. Götz Schubert, als langer Schlacks eher intellektueller als der kuschelige Williams, hat durchaus Captain-Potenzial, versucht aber immer wieder, Williams' exakten Tonfall aus dem Film zu imitieren. Hätte er nicht nötig.

Anfangs wirkt das Ensemble etwas gehemmt, als spielte es auf 80 Prozent, wie in Sorge auszurutschen. Möglicherweise berechtigt, denn der Nieselregen hält an, der Bühnenboden ist quietschnass. Ausgelassenheit stellt sich nicht recht ein. Dicht und bedrückend wird die Inszenierung, als sich der Konflikt zwischen Neil und seinem Vater zuspitzt. Der findet die Schauspielpläne seines Sohnes affig, Neil spielt trotzdem - und erschießt sich aus Verzweiflung.

Autoritäre Väter und Internate, die von "Tradition, Ehre, Disziplin und Exzellenz" faseln, mögen etwas altbacken wirken, auch wenn es sie in neuer Form immer noch gibt. Richtig ist die Entscheidung von Hinkel dennoch, sich für das Original zu entscheiden, nichts in die Gegenwart zu übertragen. Denn das Thema ist zu gut: Immer noch sind die inspirierendsten Menschen (Lehrer oder nicht) jene, die sich trauen, gedankliche Trampelpfade zu verlassen und einem, Achtung Kitsch, die Schönheit des Lebens zeigen. Die Romantik, findet Keating zu Recht, muss dabei nicht im Widerspruch zu einem aufgeklärten Geist der Naturwissenschaften stehen. Im Gegenteil, sie kann sie um eine sinnliche Ebene erweitern, ihre Zwischentöne und Uneindeutigkeiten als solche annehmen und sich daran freuen.

"Der Club der toten Dichter" ist vielleicht gerade jetzt ein Stück für die müde Jugend, weil es auffordert, das ganze Angebot des Lebens stürmisch aufzusaugen und den eigenen Platz in einer im Konformismus entschlummernden Gesellschaft zu suchen. "O Captain! My Captain!" salutieren die Schüler am Ende ihrem geschassten Lehrer Keating, auf die Pulte steigend, darauf hat jeder gewartet.

© SZ/khil
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