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Autoren gegen Überwachung im Netz:"Während wir schliefen, haben die Maschinen die Welt übernommen"

So schreibt etwa Kurt Drawert in der FAZ, die neu entdeckte Überwachungsmaschinerie stelle alles in den Schatten, "was an Totalkontrolle und Züchtigung der Subjekte je denkbar gewesen ist". Es falle ihm schwer, von einem Skandal zu sprechen, denn das setze "die Naivität voraus, nicht erwartet zu haben, dass das Mögliche in der Regel auch geschieht."

Das Internet als Medium der demokratischen Partizipation anzunehmen, sei "illusionär" gewesen. "Spätestens jetzt sollten wir auch die Phantasmen der Literatur ernster nehmen, wie sie seit Kafka unsere moderne Welt begleiten", so Drawert. "Die Vorstellung, dass von unserer (Rest-) Innerlichkeit digitale Kopien erstellt werden, die uns komplett substituieren und zu entleerten Kaufkraftzombies des Kapitals werden lassen, ist noch in keinem Roman erschöpfend beschrieben. Die Zukunft also hat bereits stattgefunden und passt in einen Werbekatalog. Wer sich dagegen nicht wehrt, wehrt sich nie", so der Autor.

"Perfider als der Kommunismus"

Antje Rávic Strubel schreibt: "Das kapitalistische System, das so gern mit der Freiheit des Individuums in Verbindung gebracht wird, zeigt sich heute perfider als der Kommunismus in seinen Methoden, diese Freiheit zu beschneiden." Und doch, so Strubel, "erhebt sich schon wieder der Chor der Mitläufer, die sich interessanterweise mit demselben Argument unterwerfen, das die Stasi-Offiziere benutzten, um das Volk gefügig zu machen: 'Wer nichts zu verbergen hat, braucht nichts zu befürchten.' Ich aber fürchte mich. Denn diesmal sind die Mittel von todsicherer Effizienz."

Zurückhaltender äußert sich Viktor Jerofejew: "Als öffentliche Figur sollte ein Schriftsteller auf Überwachung vorbereitet sein. Denn sie kündet von der Qualität seiner schriftstellerischen Unabhängigkeit. Ein Schriftsteller darf kein Freund des Staates sein. Aber der Schriftsteller ist eine Sache, die andere ist der Normalbürger. Als Bürger hasse ich die bloße Vorstellung staatlicher Überwachung und finde, das wir den Staat überwachen sollten, weil von ihm alle möglichen Gemeinheiten zu erwarten sind, und nicht umgekehrt."

Trotzdem verstehe er "die fast hysterische Sorge Amerikas und anderer westlicher Staaten angesichts der Unvorhersehbarkeit von Terrorakten." Aber "wie kann man kontrollieren, wo für diese Staaten die Terrorbedrohung nur ein Vorwand ist und wo sie wirklich unsere Zivilisation schützen wollen?" Darauf, so der Schriftsteller, gebe es keine Antwort.

"Ich leide nicht unter Verfolgungswahn"

T. C. Boyle schreibt: "Während wir schliefen, haben die Maschinen die Welt übernommen, genau wie es die alten Science-Fiction-Filme voraussagten. Regierungen bauen und betreiben die Maschinen, und die Maschinen sammeln Daten, die immer missbraucht werden. Man kann nicht in die Öffentlichkeit gehen, ohne gefilmt zu werden, kann keine Website besuchen, ohne verfolgt zu werden, kann nicht zum Abendessen in ein Restaurant gehen, ohne dass der Aufenthalt dort markiert wird. Es gibt kein Rückzugsgebiet mehr. Und es gibt kaum etwas, das wir dagegen tun können, außer auszusteigen."

"Ich habe keine E-Mail-Adresse", berichtet Javier Marías, "weil ich nicht will, dass jemand in meine Korrespondenz eindringt, vor allem nicht die Polizei oder die Regierung. Nicht dass ich (allgemein) etwas zu verbergen hätte. Nicht dass ich fürchtete, dass meine Handlungen oder Bewegungen für irgendwen von Interesse wären, ich leide nicht unter Verfolgungswahn. Es ist ausschließlich eine Frage des Prinzips. Individuelle Freiheit kann es nicht geben, wenn man ausspioniert werden kann, wann immer die Behörden sich dafür entscheiden und zurückverfolgen können, was man gesagt oder geschrieben hat."